Auch ohne einen längeren Trip durch die Clubs vergessen wir am nächsten Tag erst mal das Aufstehen. Kreuzberg, zwölf Uhr mittags. Im Nirwana zwischen Frühstück und Nachmittag. Döner? Ein Kann, kein Muss. Hier hat längst das Lachs-Carpaccio auf Rucola Einzug gehalten. Am Heinrichplatz verschwitzt die Müßiggang-Bohème den Tag auf hölzernen Klappstühlen in der Endlos-Zeitschleife.
Koexistenz der Völker
Lachen, lesen, Kaffee trinken im akustischen Halbschatten von Ziehharmonika-Spielern. Vegetarisch, vietnamesisch, Sushi und Salat. Der Cappuccino vor der "Roten Harfe", als Nachklapp von kräutriger Lauchcremesuppe und feiner Lammleber an sämigem Kartoffelschnee, zwingt zum Genießen. Und führt zur Feststellung, dass statt Balzac und Starbucks, die weite Teile Berlins okkupiert haben, hier "Kraut und Rüben", "Café Jenseits" und andere koexistieren.
Koexistenz: ein Thema am Oststrand, East Side Gallery. 7.000 Quadratmeter, 800 Tonnen feiner Badesand. Auf dem Programm: Völkerball - mit echten Völkern wie Preußen, Hessen, Japanern und Berlinern - als Funsport am Stadtstrand. Lounge-Musik umspielt die Ohren, Caipirinha die Kehle, heißer Sand die Füße. Und die Seele? Die lässt das Publikum auf den Planken des Lastkahnes Agnes baumeln. Peilen beim Pils zwischen Mast und Reling in Gedanken zum Badeschiff, jener 32 Meter langen Plansch-Preziose.
Illusion eines Flussbades
Da das Baden im Spreewasser aus hygienischen Gründen verboten ist, ließen Berliner Künstler und Architekten vor vier Jahren einen 30 Jahre alten Frachtkahn im Osthafen vor Anker gehen und 22 Grad warmes Wasser einlaufen. Zwei Meter tief, liefert er nun die Illusion eines Flussbades. Tagsüber Alternativ-Badeanstalt für junge Badefreunde, abends schicker Badetraum mit erleuchtetem Becken.
Auch unsere drei Mädels schlurfen durch den Sand über die hölzernen Stege und lassen sich ins Bassin plumpsen. In Erwartung des Abendprogramms. Da hat das Badeschiff als Teil des so genannten Arena-Komplexes allerhand in petto: ob Crème de la crème ausgezeichneter Filmdelikatessen, Yoga-Workout oder Open-Air-Musik unter dem heftigen Motto "Fuck me now and love me later." Auch ohne Loveparade - Tiergarten muss sein. Größer als Monaco, einst Jagdrevier der Preußenkönige, lockt er als zentrale Grünfläche mit nummerierten Bäumen (zwecks Orientierung), sonnigen Lichtungen und Liegeflächen. Wenn dann die Abendsonne an der Siegessäule vorbeiblinzelt und das Laub nah am Kitsch zum Leuchten bringt, geistert es wieder durch den Kopf: "... im Sommer tust du gut..."


