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Berlin-Tour im Citroën DS Tissier

Die Göttin im Super-Size-Format

Citroen DS Tissier, Seitenansicht, Brandenburger Tor Foto: Dino Eisele 9 Bilder

Schöner als mit dem 36 Jahre alten Citroën DS-Eiltransporter von Tissier kann man ungewöhnliche Transportaufgaben nicht bewältigen. Eine Tour durch Berlin, ausgerechnet im Berufsverkehr.

06.12.2012 Malte Jürgens

Vor dem in Berlin anstehenden Fahrversuch hat die beste Ehefrau von allen inständig gewarnt: "Tus nicht. Du wirst fremde Autos in zwei- oder dreistelliger Zahl demolieren, einen Freund verlieren und dich in null Komma nichts in Polizeigewahrsam wiederfinden. Wir brauchen dich aber zu Hause – deine jüngste Tochter hat übermorgen Geburtstag, und du musst noch die Getränke besorgen."

So darf man mit einem furchtfreien Versuchsfahrer nicht reden. Deshalb stehe ich jetzt hier auf einer Berliner Havelinsel, schnalle den 69er Porsche 911 E Targa auf den Rücken eines schon ins Bizarre verlängerten Citroën DS – und fröstele heimlich ein bisschen. Nicht, weil sich die Ladeszene ausgerechnet auf Eiswerder abspielt; ich denke schon an die Tour von Spandau aus über den Siemensdamm, die Otto-Suhr-Allee und die Straße des 17. Juni bis hin zum Brandenburger Tor und darüber hinaus.

Citroen Tissier - 9,4 Meter langer Eiltransporter

Es dämmert bereits, und der Berliner Berufsverkehr hat seit der Wende eklatant zugelegt. Die breiten Boulevards werden da trotz ihrer acht oder gar zehn Spuren nur noch zäh durchflutet. Und in dieses Inferno aus Hupen, Blinken, Blenden und Fäuste schütteln werde ich mich stürzen, umgeben von knapp 20 Quadratmeter Citroën DS.

Der Transporter aus der Fabrikation des französischen Nutzfahrzeug-Spezialisten Pierre Tissier wächst hinter dem Rücken des Fahrers auf zwei Meter Breite, und das bei 9,4 Meter Länge. Gezogen wird die ganze Fuhre citroëntypisch von den beiden Vorderrädern; hinten zieht der 2,3-Liter-Einspritzmotor sechs weitere Räder nach, montiert an den drei unter der Ladefläche verteilten DS-Achsen.

Acht Stück hat Tissier davon in den Siebzigern gebaut, zumeist für den Eiltransport von Zeitschriften von Paris nach Berlin, wo die gallischen Besatzer in den Nordbezirken täglich auf die Neuigkeiten von der Seine warteten. Noch gab es kein Internet, und die gestreckten DS-Fuhrwerke waren damals auf der Straße die schnellste Fracht-Verbindung zwischen beiden Metropolen.

Auch im XXL-Format bietet die Göttin Komfort

Der Porsche ist verzurrt. Zweck der Fahrt: den Targa in sein Winterquartier zu überführen, und zwar auf dem in der Oldtimer-Szene weithin bekannten Citroën DS-Transporter. Warum gerade durch mich? Martin Halder, Erfinder der Oldtimer-Oase Meilenwerk und Besitzer sowohl des Porsche als auch der DS, strahlt vor Menschenfreundlichkeit: "Du hast doch immer darüber geklagt, dass du in deiner Jugend nie mit einem Elfer durch Berlin brettern durftest. Jetzt darfst du." Der Huckepack-Elfer scheint zu feixen.

Heute also Fuhrmann. Der Komfort des Citroën hat kein bisschen Patina angesetzt. Der Fahrer thront auf einem breiten, weichen Ledersessel, und die Lenkrad-Fünfgangschaltung liegt griffgünstig zur Hand. Die unvergleichliche hydropneumatische Federung – sowohl Mercedes-Benz wie auch Rolls-Royce erwarben von Citroën einst Lizenzen – bügelt alle Unebenheiten glatt, und da die Hydraulik die Karosserie auf den Hinterachsen separat absenken kann, wird das Auf- und Abladen einfach: Die Alu-Pritsche dient gleichzeitig als Auffahrrampe.

Das originelle Gespann lässt sich überraschend gut überblicken. Die Rückspiegel stehen weit ab wie unkorrigierte Segelohren vor dem Besuch beim Chirurgen, die Servolenkung arbeitet butterweich, und nach den ersten beiden Kurven herum um die wilhelminischen Hallen auf der Insel wächst das Selbstvertrauen: Der Porsche steht noch auf der Ladefläche, keine Mauerecke ist in eine Wolke aus Ziegelstaub gehüllt, und sogar der Blinker funktioniert einwandfrei. Soll doch die Neuendorfer Straße kommen.

Leider kommt nicht nur sie. Kaum eingebogen, kleben wir im stehenden Verkehr wie die Orangenschale in der Marmelade. Am Falkenseer Platz wird es besser, denken wir. Doch irrt der Mensch nicht oft? Der Platz ist ein System von endlosen Autoschlangen, die sich schwanzbeißend im Schritttempo um das Zentrum drehen. Einscheren in die geschlossene Gesellschaft nicht möglich.

Im Berufsverkehr sind 170 km/h nicht drin

Endlich Mitleid hat erst ein Busfahrer der Linie 139: Er hält, grinst, hebt den Daumen. Wem der Gruß gilt, bleibt unklar: dem Porsche, dem Citroën oder gar dem Fahrer? Immerhin weiß der BVG-Mann um den Stress, will man hier mit etwas durchpflügen, das länger ist als ein Golf.

Am Juliusturm, auf der Nonnendammallee und auf dem Siemensdamm: Stau, Stau, Stau. Jakob-Kaiser-Platz? Stau. Tegeler Weg? Stau. Der Fahrbericht beschränkt sich auch nach einer halben Stunde immer noch auf die Erfahrung mit dem ersten Gang: Er rastet geschmeidig ein, doch plagen den 120-PS-Vierzylinder bei niedrigen Drehzahlen hin und wieder Zündaussetzer. "Bei höheren Touren läuft er aber wunderbar rund", tröstet Meilenwerk-Mitarbeiter Ulf vom Beifahrersitz aus. Und weiter: "Der Geradeauslauf ist selbst bei 170 km/h fantastisch, du wirst sehen." Wo wir in Berlin 170 fahren können? Das weiß Ulf auch nicht so genau.

Mittlerweile hat der Himmel die Farbe von stumpfem Klavierlack angenommen. Doch da hält der Berliner Verkehr trotz aller Dunkelheit einen Lichtblick bereit: den Spandauer Damm. Wir biegen ab, der Platz vor dem Charlottenburger Schloss ist frei, wir stellen die DS zum Durchatmen und Abkühlen vor den schmiedeeisernen Zaun. Nach zwei Minuten verjagt uns ein Security-Mann. Seine Drohung mit der Anzeige hallt noch eine Weile nach: "Alles privat hier!"

Auf der Otto-Suhr-Allee kommen wir immerhin bis in den dritten Gang, dann erwartet uns schon der Stau am Ernst-Reuter-Platz. Über den gibt es die Sage, dass ein Fahranfänger hier auf der Innenbahn einst so lange kreiste, bis ihm der Sprit ausging. Er soll in der Rushhour einfach keine Möglichkeit zum Abbiegen gefunden haben.

Einbiegen auf die Straße des 17. Juni, diese alte preußische Prachtallee schnurpfeilgerade durch den Tiergarten, Bühne geschichtlicher Ereignisse von Kennedys Besuch 1963 bis zur Love Parade. Locker schwimmt der kuriose Transport im Verkehr mit, Richtung Goldelse, wie die Berliner liebevoll die Figur oben auf der Siegessäule getauft haben. Ihr Revier aber ist teuflisch: ein Chaos aus Ampeln, Haltelinien, Spurwechseln und Abbiegemöglichkeiten. Rücksichtslose sind hier klar im Vorteil.

Da hat der liebe Gott ein Einsehen. Statt den Fahrer der DS ins Schwitzen zu bringen, verlagert er dieses Problem auf den umgebenden Verkehr. Der hält respektvoll Abstand, und nie war es leichter, den Großen Stern im Berufsverkehr zu umrunden, als mit dem Citroën und seiner Fracht. Berliner Autofahrer, ihr habt tatsächlich ein Herz für das Außergewöhnliche.

Vor dem Brandenburger Tor posiert die DS zum Abschlussfoto. Der Platz ist für dergleichen natürlich gesperrt, und schon hängt uns wieder unter den gelangweilten Blicken der vielfältig vorhandenen Berliner Polizei ein Security-Offizier an der Dachreling. Sein Kommando, den Platz augenblicklich zu räumen, hört sich an wie ein nachbarschaftlicher Zündaussetzer. Wir kurbeln die Seitenscheibe herunter: "Dann fahren wir eben zum Schloss Charlottenburg." Die Ordnungsmacht wünscht viel Erfolg, aber ihr begleitendes Lächeln erscheint eine Spur zu boshaft. Man kennt ja die Kollegen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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