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Bertha-Benz-Fahrt zum 120. Jubiläum

Traum und Zeit

Foto: Dino Eisele 21 Bilder

Die Bertha-Benz-Fahrt am ersten August-Wochenende erinnerte an die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte: Vor 120 Jahren kam der uralte Traum von freier Mobilität ins Rollen.

28.11.2008 Malte Jürgens Powered by

Die Fahrerin besaß noch nicht mal einen Führerschein. Zeitweilig ließ sie sogar zwei mitreisende Minderjährige ans Steuer, und das Auto war weder versichert noch für die 106 Kilometer lange Reise zugelassen. Nach heutigen Maßstäben hätte Bertha Benz an jenem 5. August 1888 auf der ersten Fernfahrt der Automobilgeschichte jede Menge Punkte gesammelt - allerdings nicht auf dem Ruhmeskonto technischer Pioniere, sondern in Flensburg.

Erste PR-Aktion der Automobilindustrie

Um das Punktesammeln im übertragenen Sinn ging es der resoluten Dame damals durchaus: Bertha Benz wollte mit der ersten spektakulären PR-Aktion der gerade geborenen Automobilindustrie Kunden begeistern für die pferdelosen Wagen ihres Gatten Karl Benz. Dem sagte sie nichts von ihrer geplanten Tour zu ihrer Mutter, vom Mannheimer Bezirk T 6 II in die alte Ispringer Straße nach Pforzheim.

Nach Heidelberg war das Ehepaar Benz bereits per Motorkutsche gereist; doch bis nach Pforzheim? Die beiden Söhne allerdings, der 15- jährige Eugen und der zwei Jahre jüngere Richard, wurden eingeweiht und machten bei der Fernfahrt begeistert mit. Schließlich kannten sie das motorisierte Benz-Dreirad von Grund auf, denn der Vater nahm sie gern auf Probefahrten mit - blieb der Motor stehen, hatte Papa Benz zwei jugendliche Helfer, die ihn samt des maladen Automobils wieder nach Hause schoben.

Früh um fünf Uhr, ohne den Vater zu wecken, ziehen die Jungs also das Dreirad aus der Werkstatt. Es ist bereits ein Evolutionsmodell des ersten Baumusters, das nur eine dreiviertel Pferdestärke über einen einzigen Gang an die Hinterachse weiterleitete. Jetzt stehen bereits zwei PS zur Verfügung, und zwei Gänge. Die Knaben nehmen neben der Mutter Platz und rollen los. Am Ende des Tages hat die freie, individuelle Mobilität des Menschen ihre neue, moderne Form gefunden, die sich über die nächsten 120 Jahre prinzipiell nicht mehr verändern wird: Das Automobil erobert die Welt.

Die Stationen der Fahrt zählen längst zum Allgemeingut der Kraftfahrzeug-Geschichte: das Tanken vor der Stadtapotheke in Wiesloch, das Öl aus der Tabakfabrik bei Ubstadt, das Stauchen der Antriebsketten bei Bruchsal, das Freistochern der Benzinleitung mit der Hutnadel, das Strumpfband am Zündkabel.

Am Abend des 5. August ist jedoch trotz aller Unzulänglichkeiten Pforzheim erreicht, man telegrafiert dem Vater und nächtigt im Hotel "Zur Post". Keine Pioniertat ohne kleine menschliche Panne: Berthas Mutter, deren Besuch den Vorwand für die Fahrt geliefert hat, ist verreist; niemand hatte ihr gesagt, dass Tochter und Enkel auf dem Weg sind.

Zu Ehren Bertha Benz’ lassen sich 125 Vorkriegs-Klassiker blicken

Um die unternehmungslustige Ehefrau des Automobil-Erfinders Karl Benz zu ehren und ihrer Pioniertat ein passendes Denkmal zu setzen, findet alle zwei Jahre die Bertha-Benz-Fahrt statt: Unterstützt von Mercedes-Benz und organisiert von der Traditionsgruppe des Allgemeinen Schnauferl-Club (ASC) sowie dem Automuseum Dr. Carl Benz, touren rund 125 Vorkriegs-Oldtimer auf historischer Strecke von Mannheim nach Pforzheim und zurück. Die Regeln sind nicht allzu streng: Es gibt ein paar Durchfahrtskontrollen, ansonsten steht die Freude am Fahren mit den automobilen Zeitzeugen aus der Vorkriegsepoche im Vordergrund.

Der einstige Burgschauspieler Winfried Seidel, Chef im Carl-Benz-Museum Ladenburg, Gründer des Mercedes-Veteranen- Clubs und Erfinder der grandiosen Mannheimer Veterama, garnierte das 120. Jubiläum von Frau Berthas großer Reise in die Zukunft mit einigen sachkundig ausgesuchten und authentisch vorgetragenen Spielszenen. Renate und Harald Baier samt aller Helfer und Helferinnen vom ASC dirigierten Männer, Frauen und Mobile mit Augenmaß und Sachkenntnis vom Start über die Zwischenstopps bis zum Ziel. Dazwischen lagen drei Tage pures Vergnügen mit den verschiedenen technischen Evolutionsstufen, die sich im Lauf der Zeit aus der Basiserfindung des Benz’schen Dreirads hervorgeschält haben.

Das Team, in dem Motor Klassik startete, führte insgesamt sechs Wagen ins Feld. Ein exotisches Trio darunter hört auf den wunderbaren Dreiklang von Sonne, Mond und Sternen: ein Sunbeam 20.9 HP von 1929, ein amerikanischer Moon von 1920, der als vermutlich letztes überlebendes Exemplar seiner Art gehegt wird, und ein Star 12 HP aus dem Baujahr 1908. Sein Fahrer Rudolf Pyro: "Der Star stammt aus Wolverhampton, wird in diesem Jahr 100, und da ist doch die Teilnahme an der Bertha-Benz-Fahrt ein tolles Geschenk."

Im Auftrag Ihrer Majestät: Motor Klassik unterwegs in des Königs Bentley

Die übrigen Teamwagen verkörpern eine gediegene Mischung aus Sport und Luxus. Da ist zum Beispiel der Rolls- Royce Phantom I aus der amerikanischen Produktion in Springfield 1929, gelenkt vom früheren ASC-Präsidenten Dieter Herrmann. Dazu gesellen sich einer der extrem seltenen, da nur 100 Mal gebauten Bentley 8 von 1930 und - ein Bentley 4,5 Liter Open Tourer Jahrgang 1929, dessen Vierzylinder 110 PS mobilisiert. Einer von 665.

Mit diesem Bentley darf Motor Klassik Freundschaft schließen. Lackiert ist er in königlichem Blau, da sein Erstbesitzer kein Geringerer als Edward VIII. von England war, damals, 1929. Der Thronfolger verliebte sich allerdings nicht nur in den Bentley, sondern auch in die amerikanische Bürgersfrau Wallis Simpson, weshalb ihn seine Mutter später zum Abdanken verurteilte.

Das Publikum der Bertha-Benz-Fahrt ist auch ohne royale Fehltritte schon genug irritiert: "Der ist blau und hat’n B auf dem Kühler, das muss ein Bugatti sein", lauten nicht wenige Kommentare. Herzig die junge Mutter, die ihr Töchterchen auf den dreieckigen Reservekanister auf dem Trittbrett hinweist: "Kuck mal, früher gab es Handtaschen aus Blech."

Viel Gefühl verlangt auch das Bentley- Getriebe. Eine Bandbremse verzögert bei voll getretener Kupplung die Schwungscheibe, weshalb das Pedal beim Schalten nur anzutippen ist. Nach dem dritten Tag beherrschen auch Novizen den Umgang mit den rennmäßig geradeverzahnten Getrieberädern. Fast.

Geschaltet wird im Bentley, der theoretisch knapp 4.000/min verträgt, schon bei 1.200 oder 1.500/min. Der bullige Vierzylinder benötigt die ersten drei Gänge eigentlich nur zum Anrollen. Der Vierte ist der Fahrgang, und hier offenbart der Open Tourer seinen Daseinszweck: Ich bin ein Sportwagen.

Je rascher es dahingeht, desto besser scheint der Bentley zu liegen. Die Lenkung, im Stand noch äußerst kräftezehrend, wirkt plötzlich gut gedämpft. Im Kurveneingang entpuppt sie sich als unvermutet präzises Zielgerät, und kleine oder mittlere Unebenheiten werden von den 21-Zoll-Rädern tempoabhängig gebügelt - je rascher, desto glatter.

Aus niedrigen Drehzahlen heraus zieht der Vierzylinder mit einer frappierenden Elastizität durch, und auch die Trommelbremsen erweisen sich als durchaus genügend für den normalen Straßenverkehr. Der blaue 4,5 Litre macht jedenfalls schon auf den Landstraßen so viel unbändigen Spaß, dass man ihn gern mal auf einer Rennstrecke probieren würde.

Damit hatte der alte Benz beim Erfinden des Automobils allerdings nichts im Sinn. Er hielt zeitlebens 50 km/h für ausreichend, und als Bertha 1888 zu ihrer Mutter fuhr, ging es ihr allein um das Reisen. Das Rasen kam erst später.

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