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Beste Autos aller Zeiten 1950–1959

Citroën DS, Göttin auf Erden

Citroën DS, Frontansicht Foto: Karl-Heinz Augustin 20 Bilder

Natürlich besteht auch die DS von Citroën ganz irdisch aus Stahl, Glas und Kunststoff, aber bis heute lässt sie uns in höheren Sphären schweben, behauptet Bernd Stegemann.

05.10.2013 Bernd Stegemann

Wieso Jahrzehnt? Die DS ist das Auto des Jahrhunderts, wenn nicht des Jahrtausends. Ich wäre zu gerne dabei gewesen an jenem 5. Oktober 1955, als die Citroën-Chefs auf dem Pariser Salon das Tuch von ihrer neuen Limousine zogen. Unser damaliger Chefredakteur H. U. Wieselmann beschrieb die Reaktion des Publikums als eine "Erregung, die nicht größer hätte sein können, wenn Ministerpräsident Edgar Faure etwa an der Seite von Gina Lollobrigida in der Kammer erschienen wäre". Nach einer zeitgenössischen Umfrage war die Enthüllung der DS sogar das "zweitwichtigste Ereignis der letzten zehn Jahre – nach dem Tod Stalins".

Jedenfalls sei die DS 19 "ein wirklich sensationelles Auto, die revolutionäre Neuerung im Personenwagen-Großserienbau". Nie zuvor und danach hat ein Auto so entschlossen den Zeitgeist und alle Konventionen ignoriert, etwas wirklich Neues gewagt – und damit Erfolg gehabt. Während viele Europäer noch ihre Vorkriegs-Technik neu einkleideten und die Amerikaner das Jet-Zeitalter auf der Straße ausriefen, besann sich Citroën auf die eigentliche Aufgabe einer Reiselimousine: Platz für fünf Personen mit Gepäck, ein Optimum an Komfort, Fahrsicherheit und Kraftreserven, dazu wirtschaftlich zu fahren und zu fertigen.

Citroën DS zelebriert Überzeugungskraft der Technik

Das Ergebnis war in der Konzeption kühner als der kühnste amerikanische Traumwagen und zugleich eine Ehrenrettung des europäischen Automobilbaus überhaupt. Denn statt auf verführerische Maskeraden setzten die Franzosen beim Citroën DS auf die Kraft des Geistes und der Technik: automatische Kupplung, hydraulisch betätigte Kupplung und Lenkung, hydropneumatische Federung, Einzelradaufhängung vorn und hinten, Scheibenbremsen vorn mit Servohilfe, extrem langer Radstand, geringere Spurweite hinten, verschraubte, leicht abnehmbare Karosserieteile und Einspeichen-Sicherheitslenkrad sind nur die wichtigsten der unzähligen Neuerungen.

Selbst wer nichts von all dem weiß und versteht, kann sich doch bis heute kaum der konsequenten Schlichtheit ihrer Form entziehen. Sie folgt nicht dem Diktat der Mode oder des Marketings, sondern der Funktion und der Aerodynamik. Gleichwohl brachte der Citroën DS Farbe in die grauen Fünfziger, ließ sich auch in Apfelgrün oder Vanille mit auberginefarbenem Dach ordern. Passend dazu gab es Sitzbezüge in Salatgrün, Bordeauxrot oder Karamell.

DS mit weitläufigem Raumgefühl

Geschmälert wird das weitläufige Raumgefühl nur vom weit hinten platzierten, in den Fußraum hineinragenden Vierzylinder. Er ist das einzig Altertümliche an der DS, weil das Geld für die Entwicklung des geplanten Sechszylinder-Boxermotors nicht mehr reichte. Immerhin reichen seine 75 PS wegen der strömungsgünstigen Form für 146 km/h und die Versorgung der Hydraulik, die alle wichtigen Funktionen mit Servohilfe unterstützt. So werden die Gänge zwar klassisch mit einem dünnen Hebel hinter dem Lenkrad vorgewählt, das Aus- und Einkuppeln erfolgt aber automatisch beim Lupfen des Gaspedals. Ähnlich unkonventionell: die sehr direkte Servolenkung und die schlecht dosierbare Bremse per Fußknopf, die schon bei leichter Berührung heftig verzögert. Geradezu revolutionär wirkt dagegen die Federung mit Gas- und Flüssigkeitspolstern an jedem Rad, die selbst grobe Querfugen und Schlaglöcher einzuebnen scheint. Ganz nebenbei lässt sich der Wagen damit – etwa für Feldwege oder Radwechsel – in drei Stufen anheben und hält auch bei hoher Belastung das gewählte Niveau. Nur beim Abstellen des Motors sinkt der Citroën DS in die tiefste Stellung, aus der sie sich beim Start dann leicht theatralisch wieder erhebt. Je nach Tagesform übrigens mal zuerst mit dem Vorderteil, mal mit dem Hinterteil.

Sie ist eben nicht nur wie jedes französische Auto eine Grande Dame, sondern eine Diva, vielleicht sogar eine Göttin, wie die französische Aussprache des Kürzels DS ("Déesse") behauptet. Wie beruhigend, dass sich auch dieses himmlische Wesen kleine irdische Schwächen erlaubt.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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