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Beste Autos aller Zeiten 1990-1999

Renault Twingo, Größe im Kleinen

Renault Twingo, Frontansicht Foto: Karl-Heinz Augustin 9 Bilder

Vor zwei Jahrzehnten wollte Renault eigentlich nur einen billigen Kleinwagen auf den Markt bringen. Doch dann gelang der fröhlich-bunte Twingo, freut sich Sebastian Renz.

08.10.2013 Sebastian Renz

Früher war mehr Revolution. Wobei das immer auf den Tellerrand ankommt, über den sie hereinschwappt. Anders als in Frankreich, wo sie darin eine folkloristische Routine pflegen, genügt im albnahen Schwaben 1993 ein Autotransporter voller bunter Autos für Aufwallung. Was das denn solle, ja ob das denn nötig sei, wird der Renault-Händler von Kehrwöchnerinnen befuchtelt, als er den Renault Twingo vorstellt.

Dass sie sich über Unkonventionelles aufregen, passt in eine Zeit, die wir heute als gute, alte verklären, weil wir damals unter einem sozialen Netzwerk noch die Telefonkette der Schulklasse verstehen. Doch sie ändert sich: 1991 präsentiert Mercedes die S-Klasse, Baureihe W140, die sich – nicht bescheiden, aber auch nicht zu Unrecht – als bestes Auto der Welt versteht. Doch erst passt der stämmige 140er nicht auf den Autoreisezug und nach der langwierigen Debatte darüber auch nicht mehr in die Zeit.

Die neuen Gutbürger fühlen sich von einem 408 PS starken 600 SE herausgefordert – heute gibt es schon die C-Klasse mit 479 PS –, weil der Zeitgeist gerade nicht danach fragt, wie viel Auto möglich, sondern wie viel nötig ist. Die beste Antwort darauf hat Renault mit dem revolutionären Renault Twingo.

Renault Twingo Monobox-Design ist reaktionär revolutionär

Der soll mit einem Preis von 16.000 Mark ein Billigauto nach Vorbild des Citroën 2CV werden. Und wird sogar dessen ideologischer Erbe. Designer Patrick le Quément minimiert das Konzept des Espace, schafft auf 3,43 Meter Länge einen Microvan im Monobox-Design. Die Entwickler pragmatisieren alle Funktionen – den Einarmwischer, die Antennenhalterung im Außenspiegel, das kleine, zentral überhutzte Tachodisplay –, stellen zur Raumwunderei eine um 17 Zentimeter verschiebbare Bank in den Fond. Dazu besinnen sie sich einer günstigen Alternative zur Klimaanlage und finden so das Detail, das aus dem kleinen Renault den Twingo macht: das Faltdach.

Der Renault Twingo, dessen Namen übrigens der Namenserfinder Manfred Gotta liefert, versteht sich also bestens auf frischen Wind, realen wir herbeigeforderten. Schon beim Debüt auf dem Pariser Salon im Oktober 1992 feiert man seine Bescheidenheit, die sich auch im Antrieb ausdrücke. Wobei der 1,3-Liter-Benziner der C-Typ-Motorenfamilien vor allem Renaults Kosten bescheidet, stammt das hochroutinierte Triebwerk doch in seiner Basis aus den frühen Sechzigern und stößelt von der seitlichen Nockenwelle aus missmutig 54 PS zusammen. 1997 kommt der neue 1,2-Liter mit 60 oder 75 PS. Statt der ursprünglich nur zwei Extras (Faltdach und Klimaanlage) gibt es da schon eine ganze Sonderausstattungsliste.

Renault Twingo ist kleines Vollwertauto

Die reine Leere des RenaultTwingo war den Kunden eben doch zu wenig. Dabei zeigt er gerade in der Basis die ganze Genialität des Konzepts, beherbergt auf 5,6 Quadratmeter Grundfläche vier Personen sensationell raumspendabel und erstaunlich bequem. Bevor der Motor losschnarrt ein Dreh am Entriegelungshebel, den Arm nach hinten recken, und das Dach faltet sich ratternd zusammen. Es bestimmt das Renault Twingo-Erlebnis: Ist es geöffnet, brandet sacht Wind hinein, ohne die Insassen so eitel zu exponieren wie in einem Cabrio. In zwei Sekunden lässt sich das Dach zuziehen, und wenn dann der Regen draufprasselt, stellt sich das beglückende, ganz elementare Gefühl des Wetterschutzes ein. Der Renault Twingo beschleunigt munter, federt lässig, lenkt leichtfertig. Ein Vollwert-Auto, 900 Kilo leicht und sechs-Liter-genügsam. Das Mehren des Wenigen ist der Triumph des Renault Twingo.

Vielleicht ist Vergnüglichkeit sein größtes Verdienst. Er ermuntert uns – auch dazu, mal locker zu machen in der verdrießlich korrekten Ära der Neunziger. Die sollte der Renault Twingo übrigens weit überleben. Auch in der Dauerhaftigkeit zeigt sich die Brillanz seines Konzepts. Erst nach 15 Jahren und 2,5 Millionen Exemplaren wird der Revolutionär müde. Dann kommt der Nachfolger: Er verzichtet auf das Faltdach, aber nicht mehr auf Leistung und Luxus, folgt dem Mainstream statt seiner eigenen Überzeugung. Es wird ein Kleinwagen, solide, sparsam, erwachsen. Dabei hätten wir 2007 dringender einen echten Renault Twingo gebraucht.

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