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Autos, die man nicht vergisst (29)

Bitte einen Bitter

Bitter Diplomat CD Foto: Archiv 5 Bilder

Ein großes verchromtes B B ziert die Motorhaube dieses imposanten, fast fünf Meter langen Sportwagens, B wie Bitter. Erich Bitter - einst Rennfahrer, unter anderem bei Abarth -, und Rallye-Shop- Besitzer, hat sich den Traum vom eigenen Sportwagen erfüllt.

05.08.2009 Klaus Westrup Powered by

Opel und der Auto-Designer Frua haben entscheidend mitgeholfen. Der dunkelblau lackierte Zweipluszwei, der 1974 für einen Test zur Verfügung steht, zeigt eindrucksvolle Proportionen und ist eine Schönheit.

Erich Bitter mixt italienische Linienführung mit Großserienteilen und einem Ami-V8
 
Der Name Bitter hat zwar keinen Glamour in Traumwagenkreisen, aber das stört nicht. Das Publikum bewundert die elitär wirkenden Linien und denkt an Ferrari oder Maserati. Auch an Opel denkt es nicht, obwohl man es nach Kennenlernen des rasanten Gebildes unbedingt tun muss. Opel-Styling hat nicht nur die Linie beeinflusst, Opel stellt auch den mechanischen Hintergrund des Bitter dar. Unter der flachen Haube sitzt der von GM stammende 5,4 Liter große V8 des einstigen Prestigewagens namens Diplomat mit unverändert übernommenen 230 Pferdestärken, das Fahrwerk stammt ebenfalls von diesem allergrößten Opel, ist allerdings um 16 Zentimeter verkürzt.
 
Hinten gibt es eine aufwendige De Dion-Achse mit zwei Längslenkern und einem Dreieckslenker, vorn die übliche Querlenker-Aufhängung. Bei der tüchtigen Karosseriefabrik Baur in Stuttgart entstehen pro Monat zwölf Bitter-Coupés. Und Baur wäre nicht Baur, wäre das nach hohen Sportwagen-Weihen strebende Automobil nicht auch qualitativ hochwertig - mit sauber schließenden Türen und Hauben und einer ausreichenden Steifigkeit der teilweise sehr lang geratenen Blechteile.
 
Damit man Opel auch wirklich nicht vergisst, erinnern selbst im Interieur diverse Zutaten an die braven, in der Upper Class jedoch längst glücklosen Rüsselsheimer. Pedalerie, Handbremsgriff, Automatik-Wählhebel, Zigarettenanzünder und Tastatur stammen von rangniedrigen Opel-Autos, auch vom Rekord.
 
Doch die großen Rundinstrumente sind in echtes Palisanderholz gebettet. Und den hohen Anspruch signalisiert vor allem der neu gestylte Tachometer. Seine Skala reicht bis 300 km/h, die Aufteilung erfolgt in arrogant wirkenden 50er-Sprüngen. Mit kleinen Tempozuwächsen soll sich ein Bitter- Pilot nicht lange herumquälen.

Der optisch rasante Bitter CD beschleunigt langsamer als ein Golf GTI
 
Doch ganz so rasant, wie von der Skalierung angedeutet, ist der Bitter gar nicht. Er läuft nur 209 km/h, beschleunigt mit rund zehn Sekunden auf Tempo 100 sogar etwas schlechter als der zwei Jahre später debütierende Golf GTI. Das ist bitter - zumindest für jene potenziellen Käufer, die in der eleganten Flunder einen Racer erwartet haben. Einen wirklichen Sportwagen sollte man im Bitter Diplomat also nicht sehen, eher einen gepflegten Gleiter oder den klassischen Gran Turismo, ein gut motorisiertes Langstrecken-Auto.
 
Der Fahrstil, der deshalb nahezu automatisch vorherrscht, ist denn auch eher von Ruhe als von sportwagenmäßiger Betriebsamkeit geprägt, wobei der amerikanische Achtzylinder seine eigene Philosophie mitliefert. Es gibt ihn nur mit Automatik - auch dies in solchen Kreisen eher ein Besänftigungs-Feature.
 
Drei Fahrstufen stehen bei der hauseigenen GM-Automatik zur Verfügung, der drehmomentstarke Achtzylinder kommt damit erwartungsgemäß bestens zurecht. Und er ist Weltmeister im Niedrigdrehen. 100 km/h entsprechen gerade einmal 2.200 Touren. Der optisch wie ein italienisches Rasse-Automobil wirkende Bitter ist also vom Wesen her etwas ganz Anderes.
 
Immerhin ist dem amerikanischen Achtzylinder nicht mehr so unwohl, wenn die volle Leistung über längere Zeit eingesetzt wird. Im Gegensatz zum wärmekranken Original hat man ihn thermisch gesünder und widerstandsfähiger gemacht. Ein leistungsfähiger Querstromkühler dient dazu ebenso wie zwei zusätzliche elektrische Lüfter. Der separate zusätzliche Ölkühler erhöht das Schmiermittelvolumen um glatte drei Liter auf insgesamt sieben. Nun kann er ruhig kommen, der schwere deutsche Gasfuß.

Der Bitter CD ist ein großartiger Gran Turismo
 
180 km/h entpuppen sich auf verkehrsarmer Autobahn als angenehmes und sozusagen selbstverständliches Reisetempo, das auch an Steigungen leicht zu halten ist. Der Geräuschpegel erscheint gemessen am Gebrüll mancher Exoten sehr dezent. Vom sanften Grollen des großen, niedrigtourigen V8 ist dann nichts mehr zu hören, die Windgeräusche sind, nicht zuletzt der guten Passungen wegen, gering. Es ist ein sehr unstrapazierendes Schnellsein, ein echtes GT-Gefühl eben, das sich auf gut profilierten Ledersitzen genießen lässt, im Fond erwartungsgemäß mit etwas eingeschränktem Knieraum.
 
Das Kofferabteil fasst immerhin 170 Liter Volumen und ist über eine riesige Heckscheibe von außen zugänglich. Schon ihr zuliebe sollte man sich beim Rückwärtsfahren stets konzentrieren, denn Glas ist teuer. Im Ersatzteilkatalog der 25 exklusiven Bitter-Händler wird die mit Heizdrähten versetzte Scheibe mit 1.300 Mark aufgelistet. Dafür bekommt man bei Opel fast schon einen Tauschmotor für den Kadett.
 
Der Fahrkomfort ist gut, auch dies unterstreicht die Langstrecken- und Reisetauglichkeit. Vor allem lange Bodenwellen werden sanft geschluckt, und selbst Kopfsteinpflasterpassagen hinterlassen keinen üblen Nachgeschmack. Auch hier wird deutlich, dass sich eine fähige Versuchsabteilung, nämlich die von Opel, erfolgreich um die Abstimmung bemüht hat.
 
Gute Bremsen mit insgesamt vier Scheiben gibt es ebenfalls, und sie haben ordentlich zu tun. Denn der deutsche Traumwagen hat nicht nur einen starken Motor, sondern bringt auch 1.750 Kilogramm auf die Waage.
 
400 Autos entstehen insgesamt, Erich Bitters Bitter trägt die späte Produktionsnummer 386. Rechtsanwalt Helmut Grasemann aus dem badischen Wiesloch hat seinen CD 1980 gebraucht gekauft, das 385. Exemplar der elitären Gilde. Es wird sein Hochzeitsauto, und er besitzt es immer noch. Dass Türöffner, Lenkrad und andere Accessoires aus dem biederen Opel- Fundus stammen, hat ihn nie gestört, eher im Gegenteil. Das exotische Automobil signalisiert so auch eine brave, beruhigende Geborgenheit.
 
"Er war stets zuverlässig", sagt der Anwalt. Verkaufsgelüste? Nein, einen Bitter behält man.
 

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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