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BMW 750i

Fünf nach Zwölf

Foto: Hardy Mutschler 19 Bilder

Superlative zum Spottpreis: 12 Zylinder, 300 PS, 450 Newtonmeter, 1.850 Kilo. Der BMW 750i - einst 130.000 Mark teuer, jetzt ab 1.500 Euro offeriert.Was passiert,wenn ein Mythos altert? Fünf Fälle im weißblauen Fadenkreuz.

27.02.2007 Alf Cremers Powered by

Details dokumentieren den sozialen Abstieg - Kleinigkeiten wie die dunkle Scheibenfolie im Fond, die mattschwarze Niere im Kühlergrill, der Holzgriff des Wählhebels mit Emblem oder die Fußmatten im Perser-Teppichlook. Manchmal klebt auch ein Feuervogel an der C-Säule oder ein chromblitzendes V12-Emblem von Mercedes an den Flanken. Wer nicht so fein beobachtet, erkennt den Niedergang einst stolzer Zwölfzylinder schon von Weitem an extrabreiten Rädern oder an weißen Blinkern und schwarzen Rückleuchten.

Erster deutscher Nachkriegs-Zwölfender

Am härtesten trifft es immer diejenigen, die einst ganz oben waren. Die Kurven von Unterhaltskosten und Wertverlust schneiden sich irgendwann fatal. Ein Held wie der erste deutsche Nachkriegs-Zwölfzylinder fliegt aus der Doppelgarage auf die Straße. 1.500 Euro statt 130.000 Mark. Ein Trinkgeld für diesen Titan aus Stahlblech und Aluminium, der das BMW-Image 1987 mit einem Schlag mehr aufpolierte als noch so viele Formel 1-Siege. Die Baureihe E 32 machte Furore, Mercedes blieb zurück - wie in den Fünfzigern, als BMW den V8 brachte.

Die Parameter des BMW 750i L lesen sich so einfach, wie es nur die wirklich großen Dinge des Lebens tun. Der Motor: 60 Grad- V, zwei Nockenwellen,24 Ventile, fünf Liter, 300 PS, 450 Newtonmeter, ganz aus Alu, 250 Kilo schwer. Der Wagen: 250 Spitze, fünf Meter Länge, drei Meter Radstand.

Ach ja, 100 Liter fasst der Tank, es darf Normalbenzin sein. Nur 15 davon braucht er auf 100 Kilometer. Er war lange der leiseste und sparsamste Zwölfzylinder, heute ist er der billigste. Ein Feldversuch längs der A8 zwischen München und Pforzheim mit einem Abstecher nach Landsberg am Lech spürt die Gefallenen auf, 3.000 Euro ist das Limit. Fünf Kandidaten, nur einer war wirklich gut - der Letzte.

Die ersten beiden: Black and White, beides 750iL

Beide sollen 3.000 Euro kosten, beide zum Mitnehmen, ohne TÜV. Das Autohaus Schaumberger in Landsberg, vor nicht langer Zeit noch offizieller BMW-Händler, hält sie wie Exoten in der letzten Reihe. Dort stehen sie, im Schatten glänzender Jahres- und Jungwagenflotten aktueller BMW - neben Unfallkarosserien und verbrauchten Fünfern, denen sie auf den ersten Blick so täuschend ähnlich sehen. Verkaufsberater Christoph Hirschvogel wundert sich über unser Interesse an den ermatteten Ladenhütern.

Er ist zunächst etwas reserviert, als wir wortreich vom Mythos-V12 für kleines Geld schwadronieren. Und taut erst auf, als der weiße 750i L nach einer Strominjektion per Booster in einen unaufgeregten Leerlauf fällt: "Das sind ältere Inzahlungnahmen", sagt Hirschvogel, und drückt mir den Infrarot-Schüssel in die Hand. "Die sind bedingt fahrbereit. Der Schwarze ist eher zum Ausschlachten. Ich würde den Alpinweißen nehmen. Das ist der Bessere von beiden. Zudem hat er alle Extras wie Schiebedach, Shadow-Line, Buffalo-Lederausstattung, Memory-Sitze, elektrisch verstellbare hintere Sitzbank und das Sound-System."

Speziell der 750i L führt bereits ab Werk so viele Extras, dass selbst Kenner eine Preisliste von 1990 nehmen müssen, um die Sonderausstattung zu definieren. Der weiße Riese riecht etwas muffig, weiches Buffalo- Leder schmeichelt der Figur, der Zwölfzylinder nimmt geschmeidig Gas an. Die rote Nummer bleibt in der Tasche, das große Firmengelände reicht für eine Probefahrt. Die Instrumente sind feucht beschlagen, das Auto ist noch nicht ganz wach.

Trotzdem lässt das unternehmungslustige Fauchen des Alu-Fünfliters auf große Vorfreude schließen, wieder Fernkilometer unter die viel zu breiten Räder zu nehmen. Rundum hat er außerdem ein paar Beulen abbekommen und zeigt sich insgesamt struppig wie ein Hund aus dem Tierheim. Zu retten wäre er noch, aber er braucht bald eine Kur. "Über den Preis können wir reden", meint Christoph Hirschvogel verbindlich zum Abschied. Er freut sich, dass jemand überhaupt Interesse zeigt.

Der Booster rüttelt den Zwölfzylinder aus dem Winterschlaf

Morgens neun Uhr in München, ein kalter sonniger Tag, der Autopark Bayern in der Landsberger Straße liegt noch ganz im Schatten der mächtigen Augustiner Brauerei. Ralf Schmidt ist sehr pünktlich. Die Motorhaube des diamantschwarzen 91er BMW 750i steht schon offen.

Rasch holt er den Booster, setzt sich ins Auto, dreht den Zündschlüssel rum, kurz klappern die Hydrostößel, dann herrscht auf einmal die unheimliche Ruhe des Zwölfers. Würden nicht weiße Wasserdampfwolken aus dem V12-typischen Doppelrohrauspuff quellen, man wüsste nicht, dass er läuft. 1.500 Euro will Ralf dafür, 1.999 stehen noch auf dem sorgfältig ausgefüllten Preisschild.

Auch dieser Typ trägt die Handschrift vieler Vorbesitzer. Das Lederinterieur hat sich leidlich gut gehalten, die Karosserie hat Rostansätze. Der Lenkradkranz ist abgegriffen wie eine alte Aktenmappe. Beim Rangieren scharren die Räder tief im Kies. Ralf Schmidt ist sehr korrekt: "Eine Zeit lang drehte er nicht höher als 2.000. Es muss irgendwas mit den Stellmotoren für die Drosselklappen sein."

Ich gebe entschlossen Gas, die Nadel des Drehzahlmessers steigt mühelos auf 4.000 Touren. Na also, geht doch. Mehr will ich nicht, der Motor ist noch kalt. 367.481 Kilometer machen ihm scheinbar nichts aus - kein Bläuen, kein Klappern. Ralf hat noch einen 730i E 32, ein sauberes Auto in einem hinreißenden Rotmetallic für 1.999 Euro. Das wär’ doch was.

Die Unterhaltskosten brechen dem 7er meist das Genick

Dem nächsten Zwölfzylinder auf der Liste, einem gepflegten älteren Herrn, Baujahr 1990, begegnen wir in der Bodenseestraße, dem Münchener Eldorado für Gebrauchtwagen-Fans. Die Hausnummer 200 steht unter dem Motto "Auto-Vision", und so breit gefächert ist auch das Programm neuerer Audi, Mercedes und BMW. Dieser 750i gibt sich überaus harmlos. Sein unauffälliges Lapisblau ginge in der Nobelklasse glatt als Behördenfarbe durch.

Es glänzt verlockend, innen trägt er bescheidene Stoffpolster in Silbergrau. Letzter Service erst bei 276.661 km. So ein BMW-Zwölfzylinder verführt mit der Unschuld eines 520i. Wenn man die Motorhaube zulässt und nicht zu doll Gas gibt, ist nichts wesentlich anders und alles andere ziemlich normal. Man blendet hohe Unterhaltskosten oder drastische Reparaturen völlig aus. Dass so ein zahmer Zwölfzylinder wild zubeißen kann, wird völlig verdrängt. Er ist ein liebevoller sanfter Riese, der nix tut, so lange die Blackbox still hält.

Dezente Serienräder im Speichendesign runden die gepflegte Erscheinung für 1.590 Euro ab, die laut Aufkleber von der BMW-Niederlassung hierher abfloss. Der Rost am Radlauf und der eigenartig zusammengefaltete Fahrersitz stören nicht weiter. "Wo ist hier der nächste Geldautomat?", höre ich mich fragen, als Firmenjunior Veli Kalkan, gerade 18 Jahre alt, aber enorm engagiert und hilfsbereit, vergeblich versucht, mit dem richtigen Schlüssel das Auto zu öffnen. Das gelingt erst eine Viertelstunde später einem bulligen wortkargen Mechaniker.

Ohne Strom funktioniert die Zentralverriegelung nicht. Wir rupfen die Rückbank raus und legen eine fette 100 A/h-Batterie frei. Selbst zwei in Reihe geschaltete Booster schaffen es nicht, den Anlasser zu elektrisieren. "Der Passat TDI muss her", beschließt Veli, "mit Überbrücken müsste es gehen".

Kurz und hoffnungsvoll zuckt der Zwölfzylinder wie ein Schlafender vor dem Aufwachen, läuft an, bleibt aber schließlich weg. "Tank leer", entfährt es Veli, nach einer Weile kommt er mit zwei Fünf-Liter-Kanistern zurück. Glucksend verschwindet der Sprit im Tank - der Motor bleibt stumm.

Der letzte ist der Beste und hat doch einen Makel

Irgendwo weit draußen zwischen Friedberg und Dasing, auf einem regendurchweichten Gelände vor einem Sägewerk, steht noch ein 750i - Baujahr 11/1991 mit 270.000 Kilometern. "Absolute Vollausstattung", brüllt das Preisschild. Der scheue türkische Gebrauchtwagenhändler der Firma BS-Automobile erlaubt uns eine Probefahrt mit dem nur 1.450 Euro teuren Wagen, der noch TÜV hat. Jedoch gibt die Bremse beim langsamen Drauftreten nach, der Hauptbremszylinder verabschiedet sich, und der Motor - sonst so flüsterleise - klappert leicht.

Montagmorgen in Mühlacker. Valentin Bernard spricht nicht viel und lotst uns nach Niefern, da hat er auch noch einen Stellplatz, nicht weit von der Autobahn zwischen Rewe, KiK und McDonalds. Staunend sieht er zu, wie wir uns begeistert über seinen alten BMW für 2.800 Euro hermachen. Auch er kann mit dem Mythos Zwölfzylinder kaum etwas anfangen. Der brokatrote 750i L, Baujahr 91, mit der Lederausstattung, ist für ihn nur Exportware: "In Deutschland kauft keiner mehr so ein Auto, die Leute achten immer mehr auf die Unterhaltskosten und scheuen das Risiko."

Dieser Zwölfzylinder wäre eine Sünde wert, reichlich TÜV, innen wie außen sehr gepflegt, vollgestempeltes Scheckheft, wenige Vorbesitzer und alles original bis auf die blöde Dachantenne im GTI-Look. Auch ein Symbol des sozialen Abstiegs. Aber eines, das kaum auffällt.

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