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BMW-Chef Harald Krüger im Interview

Digitalisierung verändert alles

Harald Krüger Foto: BMW

Der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger spricht im Interview über die Chancen von Elektroautos, die Konkurrenz durch Apple und Google sowie Fahrfreude im Zeitalter autonomer Autos.

16.09.2015 auto motor und sport
Sie sind seit Mai Vorstandsvorsitzender. Haben Sie bestimmte Führungsprinzipien?

Krüger: Ja, ich habe mehrere Prinzipien. Zum Beispiel sind mir eine ausgeprägte Fachkenntnis und die Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern sehr wichtig. Ich halte viel von Menschen, die Substanz und fachliche Tiefe bei dem haben, was sie tun. Und ich bin ein Freund von klarer, persönlicher Verantwortung. Jemand sollte für das stehen, was er tut. Ganz wichtig bei der BMW Group ist zudem die Begeisterung für die Produkte. Ohne Leidenschaft geht es einfach nicht.

Was sind die größten Veränderungen, auf die sich BMW in Zukunft einstellen muss?

Krüger: Die Digitalisierung verändert die Regeln für unsere Branche massiv. Es entstehen neue Wettbewerber, die vorher nicht existierten. Es gibt Automodelle, bei denen heute der wichtigste Kaufablehnungsgrund das schlechte Infotainment-System ist. Kunden kaufen also Autos einer Marke nicht mehr, weil die Navigation nicht mehr aktuell ist. Das kann ich nachvollziehen: Ich hatte neulich einen Mietwagen in einer einfachen Ausstattung ohne Echtzeit-Verkehrsinformationen und bin prompt in einen Stau gefahren. Wer solche Dienste einmal kennengelernt hat, wird bald kein Auto mehr ohne diese Ausstattung akzeptieren. Das ist ein Grund dafür, warum wir gemeinsam mit anderen Automobilherstellern den Kartenanbieter Here kaufen und als unabhängigen Anbieter digitaler Karten für unsere und andere Branchen erhalten wollen. Die Qualität der Karten wird zukünftig noch wichtiger werden, da sie die Basis für verschiedene Sicherheitsfunktionen, automatisiertes Fahren und künftige Serviceangebote sein werden.

Dieses Argument entfällt jedoch, wenn Sie sich die Karten wie geplant mit Audi und Mercedes teilen, oder?

Krüger: Here ist eine offene Plattform und soll es auch bleiben. Eine digitale Karte und die Servicemöglichkeiten, die darauf basieren, werden aber umso besser, je mehr Daten einfließen – unter anderem aus den Fahrzeugen möglichst vieler verschiedener Hersteller, die Kunden von Here sind. Die Differenzierung findet also auf einer anderen Ebene statt, beispielsweise bei der Bedienung oder den Services von ConnectedDrive, dort werden sich unsere Angebote weiterhin deutlich von denen anderer Marken unterscheiden.

Werden die Kunden bereit sein, dafür auch hohe Aufpreise zu bezahlen?

Krüger: Das kommt darauf an. Wenn es Funktionen sind, die das Leben erleichtern und einen Mehrwert bieten, werden sie dafür bezahlen. Aber eines ist klar: Wenn Sie diese Bereiche nicht beherrschen, fehlen Ihnen wichtige Kaufargumente.

Heute sprechen wir viel über digitale Dienste bis hin zum autonomen Fahren. Bleibt da die Freude am Fahren nicht auf der Strecke?

Krüger: Ich bin davon überzeugt, dass die Freude am Fahren ganz sicher nicht verloren gehen wird. Es wird jedoch Situationen geben, in denen Sie die Freude auch mal abgeben werden. Im Stau auf der Autobahn lassen Sie zum Beispiel das Auto fahren, um nach der Arbeit eine E-Mail zu beantworten. Ganz anders sieht es auf einer kurvigen Landstraße aus, da fahren Sie auch in Zukunft lieber selbst. Dass die Fahrfreude nach wie vor wichtig ist, sieht man am boomenden Oldtimer-Markt. Das sind nicht nur Wertanlagen, die in der Garage stehen, die werden gefahren.

Aber heißt das im Klartext nicht, dass sich die gewünschte Fahrfreude leichter in alten Autos einstellt?

Krüger: Nein, auch unsere heutigen Modelle stehen für Freude am Fahren, und unser Reihensechszylinder bleibt nach wie vor im Modellprogramm. Wir nehmen heute zusätzliche Technik ins Auto, die das Fahren viel sicherer macht, ohne dass der Spaß darunter leidet.

Wird es immer schwieriger, junge Leute für das Auto zu begeistern?

Krüger: Ich erlebe 15- oder 16-Jährige, die von einem M235i völlig begeistert sind. Ich habe letztens einen Vortrag an der Uni gehalten – im Anschluss sagte eine Studentengruppe zu mir: "Herr Krüger, Sie schaffen doch hoffentlich nicht den M4 ab. Wir wollen nicht die erste Generation sein, die so etwas nicht mehr fahren darf." Auf der anderen Seite haben wir aber auch die Kunden unseres Carsharing-Anbieters DriveNow, die erst mal kein eigenes Auto besitzen wollen. Wir wissen aber: Viele dieser DriveNow-Kunden kaufen dann später, wenn sie regelmäßig oder öfter ein Fahrzeug brauchen, oft einen Mini oder BMW –denn das sind die Marken, die sie bei DriveNow kennen- und schätzen gelernt haben.

Wie wollen Sie Ihre Kunden dazu bringen, nicht mehr so viele große Motoren zu kaufen, damit Sie die CO2-Ziele erreichen?

Krüger: Die CO2-Vorschriften zählen definitiv zu den größten Herausforderungen für die Automobilbranche. Ich komme gerade aus den USA, wo der Benzinpreis derzeit sehr niedrig ist und die Kunden deshalb vermehrt Pickup-Modelle mit großen Motoren kaufen. Dabei gibt es auch in den USA klare CO2-Grenzwerte. In Europa sind die Regelungen aber noch strenger. Allerdings ist der Markt für große Motoren in Europa heute schon kleiner als in den USA, der Wandel hat also schon stattgefunden. Schauen Sie, wie effizient und leistungsfähig heutige Vierzylindermotoren sind.

Audi und Porsche zeigen auf der IAA E-Autos mit 400 bis 500 Kilometern Reichweite. Wie machen Sie einem Kunden den i3 schmackhaft, der vielleicht bald nicht mehr zeitgemäß ist?

Krüger: Soweit ich weiß, sind das Ankündigungen für die weitere Zukunft. Der BMW i3 ist seit geraumer Zeit tatsächlich auf dem Markt und in seinem Segment erfolgreich. Und gerade beim i3 ging es uns um die durchgängige Nachhaltigkeit und die CO2-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus – dazu zählen auch der Umfang und das Gewicht des Hochvoltspeichers. Höhere Reichweiten kommen ganz automatisch über künftige Akku-Generationen. Auch bei uns wird sich da natürlich einiges tun.

Warum sollte sich ein X5-Kunde für den Plug-in-Hybrid entscheiden, wenn er für viel weniger Geld den Sechszylinder-Diesel bekommt?

Krüger: Wir reden über die Zukunft und über die strategische Ausrichtung. Elektromobilität ist ein Marathon und kein Sprint. Der X5 mit dem Dreiliter-Diesel ist ein tolles Auto. Falls eine Großstadt jedoch beschließt, dass im City-Bereich nur noch elektrisch gefahren wird, kommen Sie mit Ihrem Diesel nicht mehr in die Stadt – egal wie sparsam er ist. Heute reguliert nicht nur der Staat, auch einzelne Megacitys schaffen Tatsachen für unsere Branche. Und auch dafür müssen wir vorbereitet sein.

Elektroautos tun sich heute schwer, während die Produkte der M GmbH immer beliebter werden. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Krüger: Das Tolle an der Marke BMW ist, dass wir beides können. M-Modelle sind für die Marke fundamental wichtig. Aber vielleicht können wir diese Autos ja auch in Zukunft gerade deshalb weiter anbieten, weil es auch BMW i gibt.

Der i3 ist ein prima Stadtauto. Hätte der auch mit einem Verbrenner eine Chance?

Krüger: Viele Kunden kaufen den i3, weil man von Weitem sieht, dass es ein Elektroauto ist. Mit einer zusätzlichen Verbrennerversion wäre dies nicht mehr gegeben. Daher glaube ich nicht an einen klassischen Verbrennungsmotor im i3.

Mit Google und Apple interessieren sich finanzkräftige IT-Unternehmen für den Automarkt. Wie begegnen Sie der neuen Konkurrenz?

Krüger: Ich kann Ihnen noch nicht alles verraten, aber einen Teil unserer strategischen Überlegungen können Sie bereits heute an unserem Interesse an Here ablesen. Die Unabhängigkeit in einem solch wichtigen Bereich wie digitalen Karten ist für das hoch automatisierte Fahren elementar. Hoch automatisiertes Fahren wird kommen. Ein Oberklassefahrzeug, das beispielsweise im Jahr 2020 nicht autonom einparken kann, wird von den Kunden abgelehnt werden.

Was ist, wenn Apple-Chef Cook morgen anruft und den i3 als Basis für das iCar bestellt?

Krüger: Man kann über alles nachdenken, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Unabhängig von Apple oder Google – eine Kooperation muss grundsätzlich für beide Seiten ein Gewinn sein, sonst wird sie nicht lange erfolgreich bestehen können.

Können Kundendaten, auf die Sie Zugriff haben, zum eigenen Geschäftsmodell werden?

Krüger: Das Thema halte ich für sehr wichtig. Firmen wie Amazon zeigen, was möglich ist, wenn sie Käufern eines bestimmten Buchs Anregungen für andere Bücher geben. Wenn eine Autofirma ihre Kunden gut kennt und beispielsweise weiß, ein Kunde hat eine 17-jährige Tochter, dann kann sie den beiden eine Probefahrt mit dem neuen Mini anbieten. Sie müssen dabei jedoch immer einen hundertprozentigen Datenschutz gewähren, sonst werden solche Dienste – zu Recht - abgelehnt.

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