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Bodyguard in Berlin

Personenschützer und Autoliebhaber

Bodyguard, Michael Kuhr, Batmobil Foto: Wolfgang Bellwinkel 8 Bilder

Michael Kuhr wollte so gerne Elitepolizist werden. Doch er war zu klein. Heute ist der Autoliebhaber und Ex-Kickboxweltmeister Deutschlands bekanntester Bodyguard. Wir haben ihn in Berlin begleitet.

26.09.2013 Jörg Heuer

Drei Dinge braucht der Mann, meint Michael Kuhr: "Eine heiße Kiste unterm Hintern, ein paar passable Selbstverteidigungstechniken und das Wichtigste: eine Mission." Das mag ein wenig großspurig klingen, doch der Berliner ist kein Aufschneider. Zum Beweis steht die heiße Kiste auf einer Straße in Steglitz. Hier hat der Unternehmer sein Hauptquartier, von hier startet er samstags zur Streifenfahrt durchs Berliner Nachtleben.

Kuhr, 51 Jahre alt, 1,67 Meter groß, gepflegter Dreitagebart, Designer-Anzug, fläzt sich auf den Beifahrersitz seines "Batmobil". So nennt der Mann, der als Junge die Batman-Comics gesammelt und früh sein Herz für Verbrecherjagden und auffällige Autos entdeckt hat, den schwarzen Jeep Wrangler. Mit einer Scheinwerfer-Batterie auf dem Dach und den großen Rädern soll der Offroader demonstrieren, dass sein Fahrer auf einer Mission unterwegs ist.

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Reportage Bodyguard in Berlin Batman von Berlin
auto motor und sport 18/2013
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"Eigentlich stehe ich auf Sportwagen, fuhr Audi R8 und BMW M3. Doch aktuell brauche ich keinen Renner, sondern einen bulligen Straßenkämpfer, der Bordsteine und Schlaglöcher bezwingt und es geradezu herausbrüllt: Achtung, hier kommt Kuhr, Verbrechen einstellen", sagt der selbstbewusste Sicherheitsunternehmer, der je nach Auftragslage 50 bis 400 Mitarbeiter zum Schutz von Objekten, Veranstaltungen und Personen einsetzt. "Ich finde, mein rabenschwarzer Muskelprotz hat maximalen Wiedererkennungswert." Am Steuer des Batmobils sitzt Ben, 38. Kuhrs Fahrer spricht sechs Sprachen, hat ein Informatikstudium und jahrelanges Kampfsporttraining hinter sich.

Fahrer mit James-Bond-Fahrtrainings

Ben macht – wie jeder von Kuhrs Männern am Steuer alle ein bis zwei Jahre ein spezielles Fahrtraining. "Auf einem ausrangierten Militärflughafen und auf dem Gelände einer ehemaligen Russenkaserne üben wir unter Anleitung von Top-Ausbildern das Fahren in Keilformation, Verhalten bei Überfall, Hechten aus dem rollenden Wagen. Und mit richtigen Schrottkisten das Rammen, Sperren, Abdrängen. Wie im James-Bond-Film. Wenn irgendwann der Notfall eintritt, bin ich gewappnet."

Kuhr nickt zufrieden. "Ich beschäftige nur Profis", sagt er. "Männer mit mächtigen Muskeln und harten Handkanten. Doch das Wichtigste: Bei mir müssen sie auch ein porentief reines polizeiliches Führungszeugnis vorlegen."

Langsam bricht die Abenddämmerung herein. Auffällig viele Sportwagen brettern durch die Straßen Berlins. Kuhr starrt manchen fasziniert hinterher. In der Max-Schmeling-Halle steht Boxen auf dem Programm: ein WM-Fight. "Alle kommen hierher. Der Kampf Mann gegen Mann zieht sie magisch an. Wie Motten das Licht – all unsere Abgesandten aus der Ober- und Unterwelt."

Kuhr kennt sie alle. Und alle kennen ihn. Den sechsfachen Kickbox-Weltmeister, bekanntesten Bodyguard Deutschlands, Buchautor ("Bodyguard – Zwischen High Society und Unterwelt") und Youtube-Star. Das Video, in dem er einen aggressiven jungen Araber vor einer Disco ziemlich beeindruckend und nur mit Worten "Ich kenne deinen Bruder ..." – zur Räson bringt, wurde fast eine Million Mal angeguckt. Er ist so etwas wie Berlins heimlicher Pate, freilich einer, der auf der Seite des Gesetzes steht. Er hilft, wenn die Staatsorgane nur mit den Schultern zucken. Wenn ein Bedrohter aus Angst vor Repressalien vor einer Anzeige zurückschreckt.

Kuhr zu klein für die Elitepolizei

Dabei wollte Kuhr eigentlich selbst mal Polizist und möglichst Mitglied des schlagkräftigen Sondereinsatzkommandos (SEK) werden. Doch für seinen Traumberuf war er zu klein. Genau um zwei Zentimeter. Durchs Kickboxen gewann er immerhin einige Elitepolizisten als Kumpel. Genauso wie Gangster und Ganoven, für die der Ex-Profiweltmeister schon lange und noch immer eine Respektsperson ist. Ein kleiner Mann mit großer Klappe und noch größerem Kämpferherzen. Ein Mann mit der Mission, Berlin ein klein wenig sicherer zu machen.

Vor 20 Jahren hat er sich mit dem Unternehmen Kuhr-Security selbstständig gemacht. Anfangs stellte er sich und seine Männer vor Clubs und Kneipen in Problembezirken. "Die Auftraggeber wollten ihre Läden sauber kriegen und halten. Keine Drogen, keine Prostitution, keine Schlägereien, Schusswechsel und Messerstechereien", erklärt Kuhr. "Und auch kein Schutzgeld mehr abdrücken."

Mit Usain Bolt im offenen Ferrari

Kein ungefährlicher Job für den Ex-Fliegengewichtler, der längst ein Schwergewicht in der Berliner Sicherheitsbranche ist. Er nutzt nicht nur geschickt seine Beziehungen zur Polizei. Er streut auch gewieft das Gerücht, er sei selber "Undercover-Bulle". Und fragt jemand Undurchsichtiges nach seiner Telefonnummer, ist seine Antwort: "Ruf einfach die 110 an. Die stellen dich direkt zu mir durch."

Wenn die Popstars Lady Gaga, Shakira oder 50 Cent, die Hollywood-Größen Angelina Jolie, Brad Pitt, Leonardo DiCaprio oder Sean Penn, Boxlegende Mohammed Ali oder Wundersprinter Usain Bolt Berlin besuchen, steht Kuhr schützend an ihrer Seite. "Amy Winehouse wollte unbedingt vorne im Wagen sitzen, weil sie hinten nicht gut gucken kann. Und Lady Gaga hat ihre Gucci-Sonnenbrille im Auto vergessen. Sie liegt noch bei mir im Panzerschrank. Beim nächsten Berlin-Besuch kriegt Gaga ihre Gucci zurück." Als Usain Bolt in Berlin seinen Geburtstag feierte, mietete Kuhr ihm ein schneeweißes Ferrari-Cabrio mit hellbraunen Ledersitzen. "Wir sind gemeinsam durch die Stadt gekachelt. Mann, ein Fest für Fahrverrückte."

Die Sicherheit beim Silvesterspektakel am Brandenburger Tor, bei Echo und Bambi, bei Fußball-Fanmeilen mit hunderttausenden Besuchern – Kuhr hat schon vieles gemacht. Kürzlich erst das Sommerfest von Bürgermeister Klaus Wowereit und eine Podiumsdiskussion mit Kanzlerin Angela Merkel abgesichert.

Jetzt also der Box-WM-Fight. Natürlich hat Kuhr eine VIP-Karte. Einen Platz ganz vorne am Ring. Ob Innensenator, Staranwalt, Boxpromoter oder Rotlichtlegenden: Alle begrüßen ihn wie ein Familienmitglied. Auch Ex-Weltmeister Graciano Rocchigiani, deutsche Großgastronomen und arabische Gangster. Wichtige, Wichtigtuer und Fans sind ganz scharf auf ein Foto mit Deutschlands Promi-Personenschützer. "Sehen und gesehen werden", kommentiert Kuhr die Links-rechts-Küsschen-Szenerie in der VIP-Lounge. "Jeder soll wissen: Privat-Polizist Kuhr hat Kontakte von ganz oben bis tief in den Keller."
Nach dem Kampf geht es im Wrangler durch Wedding, Moabit, Charlottenburg, Wilmersdorf. Vorbei am Bahnhof Zoo, durch den Tiergarten Richtung Potsdamer Platz. Vergangenes Jahr, als der letzte Teil der Batman-Trilogie "The Dark Knight Rises" mit Christian Bale in der Hauptrolle –Deutschland-Premiere hatte, karrte das Management des Blockbusters das Batmobil aus dem Film heran, erzählt Kuhr. Natürlich hat er sich auch mit dem Straßenkreuzer ablichten lassen.

"Stopp", befiehlt Kuhr plötzlich. "Da drücken sich auffällige Gestalten herum." Ben setzt den Blinker. Der Dachscheinwerfer kommt zum Einsatz, die Geblendeten verdrücken sich. "Hohoho", ruft der Sicherheitsprofi, dem jetzt wirklich nur noch das Fledermauskostüm fehlt. "Ich habe euch im Visier. Kuhr kriegt euch. Es gibt kein Entkommen."

Überfall auf ein Pokerturnier

Am Potsdamer Platz der nächste Stopp. Hier sorgen seine Leute seit Jahren für Sicherheit in der Spielbank und im Edelnachtclub Adagio. Der Jeep holpert unter erstaunten Blicken einiger Nachtschwärmer ein paar Treppenstufen hinunter. Das Duo checkt, ob am Potsdamer Platz alles rund läuft. Läuft es. Das war nicht immer so. Vor drei Jahren stieg ein Pokerturnier im Luxushotel "Grand Hyatt". Preisgeld: eine Million Euro.

Vier mit Revolvern und Macheten Bewaffnete stürmten das Turnier, schnappten sich das Preisgeld. Einen Teil der Summe rangen Kuhrs Männer ihnen gleich wieder ab. Durch die Aussage Michael Kuhrs, der den Haupttäter des Pokerraubs auf dem Überfallvideo identifizierte, wurde der Auftraggeber des Überfalls – ein Mitglied eines arabischen Familienclans – zu sieben Jahren verknackt.

Ein Kontrollanruf noch bei einem Mitarbeiter, der die Villa eines Antiquitätenhändlers bewacht. Nach einer letzten Nachfrage bei zwei Personenschützern, die mit einem Multimillionär unterwegs sind, machen sich Ben und sein Boss auf den Heimweg. Zeit zu schlafen. Am Sonntagmittag Kickbox-Training. Danach ein Abstecher zum Siemens-Konzern, wo Familientag ist und Kuhr-Security darüber wacht, dass die 10.000 Besucher sich sicher fühlen. Bei der anschließenden Routine-Patrouillenfahrt hört der Sportwagen-Fan plötzlich seine Lieblingsmusik: martialischen Motorensound. Solcher, der Pfützen, Scheiben, Trommelfelle vibrieren und bei Kuhr den Puls rasen lässt. "Ach du heilige Scheiße", ruft er und freut sich wie ein kleiner Junge über das, was er hört. Und sieht.

An der Tankstelle trifft sich der elitäre Vollgas-Club 300 Plus. Sieben Flitzer mit insgesamt fast 4.000 Pferdestärken, die zusammengenommen doppelt die Schallmauer durchbrechen könnten. Die leidenschaftlichen Vollgasjunkies wollen gleich zum Lausitzring starten und lassen schon mal die Motoren aufjaulen.

Meist sind es selbstständige Unternehmer zwischen Mitte 20 und Anfang 40, die nicht so genau auf den Verbrauch gucken und deren Wagen über 300 Sachen machen müssen. Machen sie. Alle hier. Der Nissan GT-R, den sein Besitzer "Bestia" nennt. Der Audi R8 Spyder GT mit den Louis-Vuitton-Sitzen. Der Ferrari 458 Italia mit Diplomaten-Nummernschild. Die Mercedes C 63 AMG und S 63 AMG, der Lamborghini Gallardo Spyder und der Porsche 911 Turbo. Ob Karosserie, Innenausstattung oder Motorisierung: Alle dieser Sportler sind mit Extras vom Feinsten ausgestattet.

Kuhr taucht sichtlich fasziniert und mit dem ganzen Oberkörper in den Ferrari, streichelt zärtlich über die Sitze des R8 und begrüßt den Porsche-Piloten euphorisch: Ali Ekici, 39, gelbes Shirt, kräftige Statur, lässiges Lächeln, ist in der Bleifuß- und Edeltunerszene über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Er gebe Serien- und Kleinstserienfahrzeugen ein ganz eigenes Gesicht, mache sie lauter, schöner, stärker – und einzigartig, erklärt Ekici: "Was Sportwagen und Limousinen betrifft, bin ich Dopingarzt und Schönheitschirurg in einem." Doch auch winzigen Smart und wuchtigen SUV verpasst er fulminante Faceliftings und kolossale Kraftzuwächse.

Autos aus der Edelmanufaktur

Ekici hat früher mal als Türsteher, Fahrer und Mann für Sondereinsätze für Michael Kuhr gearbeitet. Dann hat er sich mit der Autooptimierungs-Manufaktur TC-Concepts – sieben Mitarbeiter, Kunden bis nach Russland, Singapur und in den USA selbstständig gemacht. Die meisten der an der Tankstelle versammelten Wagen gingen durch Ekicis Charlottenburger Werkstatt. "Hör mal, Ali", sagt Kuhr und kratzt sich am Kopf. "Kann sein, dass ich demnächst mal wieder einen Spezialauftrag für dich habe. Du bist mein Mann, wenn ich ein neues Batmobil brauche." "Geht klar", erwidert Ekici. "Wenn du es möchtest, bau ich dir das Ultimative für deine Zwecke. Alles ist möglich, Alter. Alles!"
Schnell machen sich die röhrenden Sportwagen dann auf den Weg zum Lausitzring. "Ich würde rasend gerne beim Ausritt dabei sein", klagt Kuhr. Doch als die wilden Wagen aus seinem Blickfeld verschwinden, klettert er in den Jeep und macht sich auf den Weg ins Großstadtrevier. Seine Mission ist noch längst nicht beendet. Deshalb muss Berlins Batman auch am Sonntag arbeiten.

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