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Bonneville Speed Week

Speed-Junkies bangen um Salz-Track

Bonneville Speed Week, Salzwüste, Impression, Geschwindigkeit, Rekordfahrten Foto: Dani Heyne 55 Bilder

Wir erinnern uns an die vorerst letzte Speed Week in Bonneville. Wie Hunderte andere sind wir an den weißen Teppich der Rekorde gereist - nicht ahnend, dass es kein nächstes Mal geben könnte.

17.11.2015 Dani Heyne

Bonneville ist für Speedfreaks heiliger Boden. Es wird nur vom Casino-Café übertroffen, wo es für 4,99 Dollar drei riesige Eierkuchen samt Spiegelei mit Speck gibt - da können selbst härteste Rennfahrer nicht widerstehen. An abgeranzten Tischen schmatzen sie, sind voller Zuversicht, gleich übers Salz zu rasen, Rekorde zu brechen und zu Helden zu werden.

Es ist August 2013, es ist Speed Week auf dem amerikanischen Salzsee Bonneville. Zum 65. Mal. Wieder sind Hunderte Rennfahrer aus aller Welt nach Wendover gepilgert, an die Grenze zwischen Nevada und Utah. Die kleine Stadt hat den Bonneville Salt Flats State Park zum Nachbarn, der wiederum das Bonneville-Speedway-Gelände beherbergt. Auf dem riesigen trockenen Salzsee mit der topfebenen harten Oberfläche finden seit 1949 legendäre Temporennen statt.

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Reportage Bonneville Speed Week
auto motor und sport 20/2015
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100 Prozent Natur

Einst hieß der See Lake Bonneville und machte sich auf rund 52.000 Quadratkilometern breit. Vor rund 14.000 Jahren konnte sein Nordufer die Wassermassen nicht mehr halten und brach. Daraufhin versalzte der See und es entstand eine über 10.000 Quadratkilometer große Salzwüste - die zum Teppich der Temporekorde werden sollte.

Eine kleine Teerstraße führt vom Highway 80 dorthin, wir fahren sie mit Willi und Helmut. Beide sind vor Ewigkeiten aus Hamburg nach Kalifornien ausgewandert und kommen seit 1989 hierher. Ein Knarzen ihres Pickups markiert das Verlassen der normalen Welt. Während es im Radio nur noch rauscht, knistern Salzkristalle in den Radhäusern. Vor der Frontscheibe breitet sich eine scheinbar endlose weiße Ebene aus. Ohne Häuser, ohne Straßen, ohne Bäume, ohne Tiere. Hier draußen gibt es nichts außer einer Regel: "Trink viel und fahr schnell."

Nach ein paar Minuten ziehen wir an einigen Rennwagen vorbei, passieren alte Männer auf uralten Motorrädern, Familien in Wohnmobilen. Alle halten gut gelaunt auf einen Fleck am Horizont zu, der wie eine übergroße metallische Kapsel in der heißen Sonne funkelt. Beim Näherkommen entpuppt es sich als Fahrerlager, das aus Anhängern, Zelten und provisorisch errichteten Werkstätten besteht. Sogar eine mobile Tankstelle gibt es, gleich neben der technischen Abnahme der Southern California Timing Association (SCTA). Sie veranstaltet die Speed Week.

Keine hundert Meter entfernt reihen sich die Ersten an den vier Rennstrecken. Auch Willi und Helmut machen ihren Punkass Roadster startklar. Es handelt sich um einen flachen, lang gestreckten Dragster, dessen poliertes Mittelteil nur dann an die Karosse eines Ford Model T erinnert, wenn es jemand erwähnt. Vorn und hinten wurde er reichlich verlängert. Im Heck wohnt mittlerweile ein zorniger Chevy-V8, über den sich Helmut mit der Aura von Obelix beugt und die Vergaser gefühlvoll justiert.

Er kennt den Roadster bis auf die letzte Schraube, hat ihn schon mehrfach aufgebaut - und Willi damit feinste Rennen beschert. Fünf Rekorde fuhren die beiden hier als Team "Kraut Brothers" ein. Das beste Ergebnis: 2012 schoss ihr Punkass Roadster mit 393 km/h übers Salz - damals ein neuer Rekord in der Klasse B/GRMR. B steht für die Motorengröße, GRMR für Gas Rear Engine Modified Roadster.

Das Salzfieber

Willi spricht vom Salzfieber, wenn er die Regeln der Speed Week erklärt. Zusammengefasst geht es um Grenzerfahrung, leidenschaftliche Schrauberei, Ehre, Faszination und Konzentration. Jeder, der hierher kommt, bringt etwas sehr Schnelles auf zwei oder vier Rädern mit. Ob alt oder neu, offen oder geschlossen, kolben-, wankel- oder turbinengetrieben - für alles findet sich eine Klasse samt Temporekord, den es zu brechen gilt. Die Details füllen ein bibeldickes Buch. Das mindestens so heilig ist.

Den Rausch der Geschwindigkeit erlebt in Bonneville jeder für sich, gestartet wird nämlich allein. Nach einigen Sekunden Temporausch zählt dann immer nur eine Zahl: Das gemessene Tempo. Von 60 bis 800 km/h ist alles dabei.

2013 holen Willi und Helmut keinen Rekord. Und haben trotzdem Spaß. Sechs Tage lang fahren sie raus aufs Salz, stellen ihren Roadster Freunden zur Verfügung, die damit ihre Fahrerlaubnis fürs Salz erlangen. Später testen sie einen neuen Kompressor. Sie ärgern sich, freuen sich, stoßen abends mit Bier an und legen sich mit der Gewissheit ins Bett, morgen wieder übers Salz zu jagen. Jeder feiert die Speed Week so. Jahr für Jahr.

Vor ein paar Tagen telefonieren wir wieder mit Willi. Er klingt traurig und sauer zugleich. Das Salz von Bonneville trägt die Rennwagen nicht mehr. Zwei Jahre in Folge wurde die Speed Week bereits abgesagt. Die Aussichten sind düster. Wie immer in solchen Situationen gibt es viele Meinungen und eine Erkenntnis: Der Salzsee Bonneville ist für alle ein heiliger Ort - heute mehr denn je.

Hoffentlich nicht zu spät

In Bonneville - erzählen sich die Rennfahrer - ist das Salz meterdick und hält auch den schweren Rennern auf ewig stand. Spätestens seit Sommer 2014 ist klar: Es kann auch anders kommen. Heftige Regenschauer hatten das Salz matschig gemacht, die Speed Week musste abgesagt werden. Genau wie dieses Jahr. Hinzu kommt, dass eine nahe gelegene Mine das Salz immer weiter abbaut. Dagegen wollen die Rennfahrer etwas tun, schließlich steht der Salzsee unter Naturschutz. Hoffen wir, dass sie etwas erreichen und die Naturrennstrecke erhalten bleibt.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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