Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Boxberg-Classic

Schräg-Gefährten

Foto: Studio Gaukler 13 Bilder

Der Höhepunkt der Bosch Boxberg Klassik ist eine schräge Nummer – das große Steilkurven-Fahren. Doch dahin muss man erstmal kommen.

23.07.2008 Malte Jürgens Powered by

Der Erfolg überraschte selbst Lars Stuhlweißenburg, den Leiter der Bosch-Sparte Automotive Tradition: „Wir haben ja erst im letzten Jahr unsere Rallye von einem Tag auf zwei Tage erweitert und waren uns nicht sicher, ob wir alle unsere 175 Startplätze überhaupt vergeben können. Es kamen aber fast 300 Bewerbungen, und wir mussten gut 100 Rallyefreunde ablehnen.“

Das Konzept der Bosch Boxberg Klassik (BBK) ist im deutschen Rallye-Kalender ziemlich einzigartig. Der erste Tag besteht aus einer Orientierungsfahrt, diesmal vom Bosch-Hauptquartier Karlsruhe aus zum Auto- und Technik-Museum nach Sinsheim. Die mit Durchfahrtskontrollen gespickte Route verdient höchstes Lob, denn die Strecken-Scouts haben Pfade durch den nördlichen Schwarzwald erkundet, auf denen sich selbst Fuchs und Hase beim Gute-Nacht-Sagen verlaufen würden.

Besondere Erwähnung verdient die Route von Loffenau über die Teufelsmühle bis zur Mittagsrast an der Eybachmühle. Auf den einen oder anderen Teilnehmer kamen damit technische Härten zu. Nach einer engen Kehre auf einem 24-prozentigen Steilstück mussten etwa Emanuel und Athanasia Fähnrich konstatieren, dass sich der Auspuffton ihres TVR Taimar spontan von laut zu sehr laut entwickelte. Der Grund dafür war im Rückspiegel gut zu erkennen und lag auf der Fahrbahn: Eine hinterlistige Asphaltwelle hatte den Endschalldämpfer des britischen Coupés wie eine reife Kirsche gepflückt.

Der Haflinger galoppiert mit 27 Boxer-Pferdestärken

Das Einsatzfahrzeug des Motor-Klassik-Teams dagegen scheint für derlei Komplikationen ideal gerüstet: Der Steyr-Puch Haflinger, im letzten Sommer aus Südafrika importiert, bietet 50 Zentimeter Wat-Tiefe, einen während der Fahrt zuschaltbaren Allradantrieb und zwei hundertprozentige Differenzialsperren. Dies alles angetrieben von einem luftgekühlten Zweizylinder-Boxer mit 27 PS, der munter im Heck mit heulendem Lüfterrad tornadoartige Geräusche von sich gibt.

Schon auf den schmalen Pfaden im Naturpark Nordschwarzwald drängt es den Haflinger zur Arbeit im Forst. Das Stämme- Rücken bleibt ihm jedoch versagt, und so erwartet das dunkelgrüne Arbeitstier aus Graz mit Spannung die Wasserdurchfahrt an der Teufelsmühle.

Die Erzählungen der Bosch-Truppe um das Organisationsteam von Jürgen Gras und Anja Maasdorff lassen einen Strom im Rhein-Format erwarten, am besten zu überqueren mit einem Amphicar, doch entpuppt sich die Furt als Schwimmübung in einem kaum fußtiefen Rinnsal.

Zum Ausgleich lassen wir dem Steyr-Puch danach die Zügel frei. Die Strecke von Straubenhardt aus über Remchingen, Königsbach-Stein, Bretten, Flehingen, Kraichtal, Elsenz und Reihen wird im Galopp zurückgelegt, was beim Puch ungefähr 72 km/h Spitzengeschwindigkeit bedeutet. In der Vorkriegsklasse wären wir damit voll wettbewerbsfähig. Leider ist das Baujahr des Haflinger 1967.

Der gesellige Abend im Auto- und Technik-Museum Sinsheim ist durchwoben von geheimnisvollen Ankündigungen. Museums-Chef Hermann Layher verspricht, am Sonntag mit dem Monsterboliden Brutus die Steilwand des Bosch-Testgeländes in Boxberg auf Tauglichkeit zu prüfen und Dr. Maybach zur Gesellschaft gleich mitzubringen.

Brutus brüllt den Berg hinauf

Dr. Maybach heißt ein ebenfalls aus alten Teilen neu aufgebauter Roadster im Edwardian-Stil, der einen Maybach-Höhenflugmotor Jahrgang 1911 mit einem Mercedes-Chassis von 1906 kombiniert. In das America-La-France-Chassis von Brutus hingegen wurde einst in England ein 47-Liter-V12 gesenkt, den BMW als Antrieb für den letzten Doppeldecker-Jäger von Heinkel fertigte.

Dieses wilde, ungezügelte Duo, Urgestein aller tatsächlichen Kraft-Wagen, will sogar der Gründer der Auto-Museen in Sinsheim und Speyer live erleben. Der Vater von Hermann Layher, Eberhardt Layher, kündigt seinen sonntäglichen Besuch auf dem Boxberg-Gelände an.

Dieser Abstecher verläuft zünftig, so, wie es eben Tradition ist in der Familie Layher. Am Sonntagvormittag, die Rallye-Teilnehmer sind noch auf der Anfahrt von Sinsheim aus durch den Odenwald nach Boxberg, rollt majestätisch ein Maybach 62 zur Einfahrt des Hochgeschwindigkeits-Ovals.

Im Fond reist Eberhardt Layher, 86. Und um der mitreisenden Frau Gemahlin die Schrecken der Steilkurven und der Fliehkraft unmissverständlich vor Augen zu führen, gibt er beim Chauffeur ein paar zügige Runden im Highspeed-Oval in Auftrag. Das nennen wir Lebensart – langsam wird klar, woher Sohn Hermann und seine Schwester Helga den Ursprung für ihre eigenen schrägen Oldtimer-Ideen geerbt haben. Wer möglichst viel Spaß mit möglichst klassischen Autos sucht, braucht bloß dem Maybach oben in Turn eins zuzuschauen: Die Layhers haben ihn gefunden.

Während Hermann sich auf die donnernde Fahrt im Dr. Maybach freut, nimmt im Brutus ein Engländer Platz: Roger Collins, eng verbunden mit dem britischen VSCC und Erbauer des Dr.- Maybach-Chassis. Der Mann, dem gleich die heißen Ölspritzer der freiliegenden Ventiltriebschmierung ins Gesicht klatschen werden, bekennt sich schnörkellos zu seiner Leidenschaft: „Klassische Roadster mit Kraft im Überfluss, die sich aber noch kontrollieren lässt.“

Das Bild der beiden rollenden Flugmotoren- Monster aus der Bronzezeit der Automobilgeschichte brennt sich ein wie ein Clip bei Youtube, der von der Festplatte der Erinnerung nicht mehr zu löschen ist. Aus der Ferne nähert sich ein tiefes Grollen, wie es Erdbeben oder Vulkanausbrüchen vorausgehen soll, dann tauchen Brutus und Dr. Maybach in den Radius der Steilkurve, wirbeln im Moment hindurch wie Thors Hammer beim Weitwurf und verschwinden gegen den azurblauen Himmel wie ein Spuk der Wilden Jagd.

Der Betrachter bleibt perplex zurück; so also muss es damals in der Hochblüte von Brooklands gewesen sein, in jenem Jahr, als der Napier-Railton von John Cobb über dieser Welle im Byfleet- Banking mit beiden Vorderrädern in die Luft sprang.

Neben Fahrkünsten ist Hirnschmalz gefragt

Die übrigen Teilnehmer der Bosch Boxberg Klassik setzen sich mit deutlich erdverbundeneren Aufgaben auseinander. In der Wertungsprüfung 7 etwa gilt es, eine Messstrecke im Oval mit einem zuvor vom Fahrer festgelegten Tempo zu durchfahren, maximal mit 130 km/h. In der zweiten Runde geht es wieder über die Messdistanz, allerdings mit fünf Prozent weniger Tempo.

Der Haflinger trabt mit 60 an und durchmisst die zweite Runde mit 57,4 km/h – nicht schlecht für einen zitternden Meilen-Tacho, dessen Zeiger sich zeitweilig wie ein Scheibenwischer aufführt. Prüfung acht besteht aus den drei miteinander verbundenen Figuren Quadrat, Kreis und Dreieck. Jede Figur ist in identischer Zeit zu umrunden, für alle drei zusammen dürfen nicht mehr als 60 Sekunden vergehen. Wir kassieren volle Strafpunkte: 100. Über das Warum wird im Team bis heute diskutiert.

Dann die Prüfungen Stadtverkehr, Engstelle, Bergprüfung. Windischbucher Pass (zwei Runden auf dem Handlingkurs nach Gleichmäßigkeit) und Glatteis: Oldtimer-Gymkhana nach bester Tradition. Geübte Regularity-Piloten lassen sich von den nicht immer ganz einfachen Quizfragen schon mal aus der Ruhe bringen: „Da fährt man wie ein junger Gott, und dann wird man danach beurteilt, ob man weiß, wann die Familie Rexroth die erste Firma gründete.“ So sind Rallyes, die auch das Gedächtnis des Fahrers auf Gleichmäßigkeit prüfen: 1795 war's, im Odenwald, mit der Wasserschmiede Höllenhammer.

Ende der Prüfungen, und dann der große Korso. 175 Oldtimer marschieren auf, vom Goliath Dreirad GD 750 bis zur weißen Pagode des Bosch-Vorstands Peter Tyroller und seiner Frau Asta. Mittendrin der Haflinger. Nach zwei Runden lassen wir ihn rasten. In Steilkurven fühlt er sich wie ein Vogel im Aquarium.

In seinem Heimatland Österreich hat neulich jemand einen Porsche-Carrera-Sechszylinder in einen Haflinger verpflanzt. Vielleicht wäre das etwas für die BBK 09. Wir werden Hermann Layher fragen.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige