Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Boxberg Klassik 2007

Das Kurven-Ideal

Foto: Gaukler Studios 14 Bilder

Die Oldtimer-Schrauber von Bosch und die Oldie-Sparte Automotive Tradition haben die Boxberg Klassik höchst erfolgreich ausgebaut: Die jetzt zweitägige Mischung aus Rallye, Gymkhana und Steilkurven-Sprint ist einzigartig.

16.08.2007 Malte Jürgens Powered by

Wahrhaftig, er tut es. Jörg Kuhnle zieht seinen Graham-Paige aus dem Jahr 1929 von der untersten Spur hinauf in die sozusagen baumlose Gipfelregion der längsten Steilkurve des Boxberger High- Speed-Ovals. Sein Tempo liegt bei vielleicht 100 km/h, aber dort oben gelten 180 als normale Reisegeschwindigkeit. Die Schräglage ist wirklich beträchtlich – die Beobachter des kühnen Manövers beginnen, sich um die Kurbelwelle des amerikanischen Sechszylinders zu sorgen.

"Noch ’ne Runde!" - Steilkurvenfahren macht süchtig

War da nicht diese Geschichte mit dem Dreiliter-Bentley aus den Vintage-Jahren, der auf dem Kippenheimer Mosolf-Gelände die dort neu gebaute Steilkurve so grimmig unter die Räder genommen hatte, dass seine Tauchschmierung im schräg liegenden Kurbelgehäuse trocken lief ? Und der dann eine neue Kurbelwelle brauchte? Steilkurven können für Vorkriegsklassiker mörderische Eigenheiten entwickeln.

Doch der Graham-Paige läuft unerschütterlich. Er schnürt zur Freude seiner Passagiere wie ein Uhrwerk dicht unter der Leitplanke auf der höchsten Linie dahin. Der Fahrer vertraut seiner stabilen Druckumlauf- Schmierung, die Kurbel- und Nockenwelle ebenso zuverlässig unter Öl hält wie den Antrieb der Wasserpumpe.

Steilkurven-Fahren ist ein Erlebnis, das nicht nur Neulinge tief in der Magengrube packt, irgendwo da unten direkt unter dem Solarplexus. Und es entfaltet ein gewisses Suchtpotenzial.

Kaum läuft der Oldie nämlich manierlich auf den Geraden zwischen den überhöhten Biegungen, wird der Fahrer schon wieder ermuntert: "Noch ne Runde, oder?" Das Gaspedal bleibt in Bodennähe, der Motor legt noch zwei-, dreihundert Umdrehungen zu, und schon nimmt der Kurveneinlauf das ganze Auto wieder in seine Riesenfaust, dreht es auf die Seite, heftet es mit einem Sekundenkleber namens Fliehkraft in die Fahrspur, und plötzlich wird das Auto zur Gondel eines Kettenkarussells, das seine Fahrgäste beschwingt in den Sommer wiegt. Unverdünnter Fahrspaß eben.

Die Bosch Boxberg Klassik ist etwas Besonderes

Die Boxberger Teststrecke von Bosch bietet damit eine Attraktion, die Oldtimerfahrern für gewöhnlich versagt bleibt: zehn, zwölf steile Runden sind am Ende der beiden Klassiktage locker drin - beim großen Corso im schnellen Oval.

Oldies in Schräglage sind aber nicht das einzige Merkmal, das die Rallye von vielen anderen abhebt: Sie setzt sich nämlich zusammen aus einer Orientierungsfahrt mit den üblichen Regularity-Prüfungen - und einem Auto-Gymkhana nach historischem, fast vergessenen Vorbild.

Herrlich: Schrauben als Betriebssport

Dazu musste die Boxberg Klassik allerdings wachsen. Ihre Premiere erfolgte im Jahr 2000, und zwar als auf nur einen Tag beschränktes Projekt der Bosch Oldtimer-Schrauber. Diese rührige Betriebssportgruppe vereint rund 80 freundliche Mitarbeiter, die neben dem Werken an den Autos auch das Fahren nicht vergessen.

Wenn jedoch Rallye ist, verlagern die Schrauber ihren Dienst an die WPs und in die Organisation. "Ohne diese Truppe", lobt Lars Stuhlweißenburg, "wäre die Rallye gar nicht durchführbar." Passend zum verstärkten Engagement im Oldtimerbereich hat der Leiter der Bosch-Sparte Automotive Tradition seine Schrauberkollegen davon überzeugt, dass der Boxbergtag um eine Rallye durchs Ländle erweitert wird.

Unterstützung bekommen die Oldtimer- Schrauber aus der Chefetage, und zwar von ganzem Herzen. Peter Tyroller, Bosch- Geschäftsführer mit der Zuständigkeit Technischer Verkauf Erstausrüstung, ist bekennender Klassiker-Fan: Zusammen mit Gattin Asta pilotierte er in diesem Jahr einen Porsche 356 Speedster auf den 51. Gesamtrang.

Außerdem ist Tyroller immer gut für eine überraschende Geschichte. So gehört er zu den wenigen Klassiker-Besitzern, denen es gelang, in der eigenen Garage einen Scheunenfund zu machen: Ein von außen zugänglicher Verschlag im Haus der Schwiegermutter war mehr als 20 Jahre nicht mehr geöffnet worden. Als unlängst gelüftet werden sollte, stellte der gebürtige Augsburger fest, dass der Abstellraum jene 280er-Pagode enthielt, die seine Frau während ihres Studiums der Zahnmedizin voller Vergnügen gefahren hatte. Irgendwann ist sie auf ein anderes Auto umgestiegen, und die Pagode versank in einen staubigen Dornröschenschlaf. Jetzt wird sie restauriert, wobei die Standschäden gering sein sollen.

Gymkhana auf dem Bosch-Testgelände

Zurück nach Boxberg im Main-Tauber- Kreis. Für ein Oldtimer-Turnier ist das Bosch-Testgelände ideal geeignet. Zum Beispiel für ein Gymkhana.

Dieser bei uns heute aus der Mode gekommene Begriff bezeichnet ein Geschicklichkeitsfahren, wie es in den Jugendjahren des Motorsports zum Vergnügen der Zuschauer von Nizza über Monte Carlo bis Brighton an der Tagesordnung war. In England etwa werden Gymkhanas mit modernen Autos heute noch gepflegt. Sehr ansehnlich, wie man sich im Videoclip-Portal www.youtube.com unter dem Suchwort "7 Gymkhana" überzeugen kann.

Ein Oldtimer-Gymkhana à la Bosch dürfte auch international ziemlich einzigartig sein. Wertungsprüfungen wie etwa die neunte auf der riesigen Kreisplatte sind dabei eine köstliche Kombination aus Le- Mans-Start und Stadtverkehr: Der Fahrer setzt am Zeitnahmetisch die riesige Stoppuhr selbst in Gang, sprintet 50 Meter zum geparkten Auto, springt hinein, lässt es an und absolviert eine Slalomschleife, die exakt 20 Zentimeter vom künstlichen Bordstein entfernt enden soll. Das alles in nicht mehr als 60 Sekunden.

Oder WP 8: Ein kleiner Kreis und ein großes Quadrat sind in gleicher Zeit zu umfahren. Herrlich tapfer, wie die heckgetriebenen Sportwagen in verzweifelter Sekundennot um die letzte Kurve driften.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige