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Briatore

"Ein Spionagefall kann jedem passieren"

Foto: Daniel Reinhard 54 Bilder

Renault-Teamchef Flavio Briatore hat ein enttäuschendes Jahr hinter sich. Im Interview nimmt er zum ersten Mal Stellung zum Absturz seines Teams in der WM, seinem Wunsch, Fernando Alonso zurückzuholen und dem Skandalurteil gegen McLaren.

24.09.2007 Michael Schmidt Powered by

Kann Renault 2008 wieder um den Titel fahren?
Briatore: "Es gibt keinen Grund, warum nicht. Die Mannschaft ist die gleiche. Die hat nicht verlernt, ein Siegerauto zu bauen. Wir wissen jetzt, was am aktuellen Auto falsch war. Wir kennen die Reifen besser. Ich habe ein gutes Gefühl. "

Warum haben sie den Fußballclub Queenspark Rangers gekauft?
Briatore: "Ich mag den Sport. Es gab eine günstige Gelegenheit den Club zu kaufen, und jetzt versuchen wir unsere Erfahrungen aus der Formel 1 auf einem anderen Spielfeld umzusetzen. Wir haben einen Vierjahresplan, und als Ziel haben wir uns den Aufstieg in die Premier League gesetzt."

Werden Sie weniger Zeit für die Formel 1 haben?
Briatore: "Die Formel 1 wird darunter nicht leiden. Fußball, das ist für mich mehr Spaß. Das Stadion liegt vor der Haustür, und ich habe ein gutes Management installiert, das mir viel Arbeit abnimmt."

Ist die Formel 1 das schwierigere Geschäft?
Briatore: "In der Formel 1 kennen wir uns aus. Fußball ist ein Abenteuer für uns. Die Prinzipien guten Managements gelten aber überall. Wir werden wie in der Formel 1 kein unvernünftiges Geld für Spieler ausgeben. Als bekannt wurde, dass ich den Club gekauft habe, kamen täglich Anrufe von Spielervermittlern. Die glauben, wir schütten das Geld mit der Gieskanne aus. Wir wollen langsam wachsen. Es gibt keinen Grund, warum es nicht die gleiche Erfolgsstory werden kann wie in der Formel 1."

Der Weltmeister ist abgestürzt. Sie können mit Platz vier nicht zufrieden sein.
Briatore: "Dieses Resultat ist die Quittung für die 2006er Saison. Wir waren bis zum letzten Rennen in das WM-Duell gegen Ferrari verstrickt. Wir mussten nach dem Verbot des Massedämpfers das Auto noch einmal neu konstruieren und deshalb die Entwicklung des 2007er Autos aufschieben. Dazu kam, dass wir auf einen anderen Reifenhersteller umstellen mussten, und wir haben diese Aufgabe vielleicht etwas unterschätzt. Wir hätten mehr Zeit gebraucht. Es gibt keine Wunder in der Formel 1. Das gleiche ist Ferrari 2005 passiert. Im Jahr davor hatten sie fast alle Rennen gewonnen."

Warum konnten Sie im Verlauf der Saison nicht BMW einholen?
Briatore: "Zuerst einmal mein Kompliment an BMW. Die haben einen exzellenten Job gemacht. Jedes Rennen eine neue Entwicklung am Auto, jedes Rennen schneller. Für uns war es am Saisonbeginn wichtig herauszufinden, warum wir so langsam sind. Deshalb haben wir die Entwicklung auf Schmalspur laufen lassen. Es macht wenig Sinn, immer neue Teile ans Auto zu bringen, wenn man nicht weiß, wo das Problem liegt. Als wir später in der Saison gemerkt haben, dass wir BMW nicht mehr einholen werden, haben wir uns auf 2008 konzentriert. Ob wir Vierter mit 20, 30 oder 50 Punkten werden, interessiert nach einer Woche keinen mehr. Seit zwei Monaten haben wir am aktuellen Auto praktisch nichts mehr verändert. Ich wollte sicherstellen, dass wir 2008 wieder vorne mitfahren. Da darf es keine Ausreden geben."

War es nicht möglich, während der Saison schon das Ruder herumzuwerfen?
Briatore: "Wenn du das richtige Auto hast, ist es einfach, es immer weiter zu verbessern. Stimmt das Konzept nicht, trittst du auf der Stelle, egal was du machst."

Kann der Nachteil vom letzten Jahr ein Vorteil für 2008 werden? Kaum einer hat so früh mit der Entwicklung des 2008er Autos begonnen wie Renault.
Briatore: "Wir wissen jetzt, wie wir das Auto für die Bridgestone-Reifen bauen müssen. Vor einem Jahr wussten wir das nicht. Die Windkanaldaten sehen sehr vielversprechend aus."

Fast jedes Jahr lebt die Formel 1 mit einem Skandal. Jüngstes Beispiel ist der Spionagefall. Läuft da irgendetwas falsch?
Briatore: "Wir müssen uns nicht wundern, dass es soweit gekommen ist. Bei Teams mit bis zu 1.000 Leuten verliert man die Kontrolle über den einzelnen. Das ist ungefähr so, als würde ich mit 600 Leuten einen Fußballclub führen. Es kann jedem passieren, so wie McLaren in einen Spionagefall hineingezogen zu werden. Die Formel 1 hat schon lange den Fokus verloren. Keiner redet mehr über das Rennen und die Fahrer. Viel zu viel Zeit und Energie wird die Technik verschwendet. Wir haben den Ingenieuren ein Spielzeug gegeben, das zuviel Bedeutung erlangt hat. Es wird sinnlos Geld ausgegeben. Einer hat mit den Schnellschaltgetriebe angefangen. Für den Fan völlig uninteressant. Jetzt hat sie jeder. Alle sind also wieder auf dem gleichen Niveau. In der Zwischenzeit hat das die Formel 1 50 Millionen Euro gekostet. Seit drei Monaten diskutieren wir, ob Kundenautos erlaubt sein sollen oder nicht. Ohne Ergebnis. Unser System ist zu alt, es hat sich der Zeit nicht angepasst."

Sie sagen, dass der Fall McLaren jedem hätte passieren können. Haben Sie Mitleid mit Ron Dennis?
Briatore: "Ich will nicht den Richter spielen. Wenn Ron Dennis fest daran glaubt, dass er nichts getan hat, muss er in Berufung gehen."

Die anderen Teams profitieren zum Teil von der Strafe, die McLaren zahlen muss. Ist da die Schadenfreude groß?
Briatore: "Wir haben 1994 mit Benetton den Konstrukteurspokal verloren, weil man uns in Spa wegen eines angeblich zu stark abgenutzten Unterbodens disqualifiziert hat. Glauben Sie, da ist einer zu mir gekommen und hat mir Beileid gewünscht."

Glauben Sie wirklich daran, dass McLaren nur so gut ist, weil sie etwas von Ferrari wussten?
Briatore: "Ich kann nur kommentieren, was ich sehe. Letztes Jahr war McLaren nirgendwo, jetzt fahren sie um den Titel. Ich kann nicht beurteilen, woher dieser Leistungssprung kommt."

Sie haben jetzt ein ähnliches Problem an der Backe. Ein Ex-McLaren Ingenieur hat Material zu Renault mitgebracht und sie dort verwendet. Fürchten Sie eine ähnliche Strafe wie McLaren?
Briatore: "McLaren hat Geräusche gemacht, dass da etwas nicht stimmt. Warum haben sie das den Medien mitgeteilt? Wenn sie Beweise haben, sollen sie diese der FIA geben. Wir haben alles, was wir über den Fall wissen, an die FIA und an McLaren weitergeleitet."

Was ist passiert?
Briatore: "Es ist passiert, was wahrscheinlich dauernd passiert. Ein Ingenieur, der das Team gewechselt hat, bringt einer paar Disketten mit Daten mit. Das ist nicht zu kontrollieren. Die Komponenten, um die es da geht, haben keinerlei Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit des Autos. Mehr will ich dazu nicht sagen, weil es jetzt allein die Angelegenheit der FIA ist, den Fall zu beurteilen."

Wir hatten vor zwei Jahren Toyota, jetzt McLaren, vielleicht auch Renault. Ist technischer Geheimnisverrat das Dopingproblem der Formel 1?
Briatore: "Bei McLaren war es ja nicht so, dass ein Ingenieur mit ein paar Daten von einem Team zum anderen gegangen ist. Wenn man sich das Protokoll der Weltratsitzung durchliest wird klar, dass da ein ständiger Informationsfluss über Monate stattfand. Das hat eine viel größere Dimension."

Sie wollten ihre Fahrer im August, dann in Monza, dann in Spa verkünden, und jetzt müssen wir bis Fuji warten. Was ist los?
Briatore: "Das ist wie mit unserem Auto. Wir sind ein bisschen spät dran. Ich habe keine Eile. Es gibt eine Option auf Fisichella. Wir haben Verträge mit Kovalainen und Piquet. Im Augenblick überlegen wir noch, wie die beste Fahrerpaarung aussehen könnte."

Hat Fisichella noch eine Chance? Kovalainen war in der zweiten Saisonhälfte klar besser.
Briatore: "Sie sehen das, ich sehe das. Fisichellas Plus ist seine Erfahrung. Das Positive ist: Kovalainen wird mit jedem Rennen besser. Wir sehen jetzt den Fahrer, den jeder erwartet hat."

Mal ehrlich: Wollen Sie Alonso zurückholen?
Briatore: "Sagen Sie mir ein Team, das sich nicht für Alonso interessiert, wenn er auf dem Markt wäre."

Gibt es eine echte Chance, dass Alonso aus seinem Vertrag kommt?
Briatore: "Das müssen Sie McLaren fragen. Es ist schwierig, auf Dauer einen Fahrer im Team zu halten, wenn der nicht happy ist. Das ist weder für das Team, noch den Fahrer gesund."

Alonso beschwert sich bei McLaren, dass er nicht die nötige Unterstützung bekommt. Er hatte doch auch bei Ihnen nicht den Nummer-eins-Status?
Briatore: "Wir haben unsere Art, mit Fahrern umzugehen. Fernando fühlte sich bei uns einfach wohl. Vielleicht ist es das, was ihm bei McLaren fehlt."

Das ganze Interview können Sie auch in der aktuellen Ausgabe von sport auto 10/07 lesen, die seit dem 21. September im Handel erhältlich ist.

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