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VW 181 Oldtimer

Der VW Kübel: Buggy in Uniform

Foto: Frank Herzog 15 Bilder

VW nahm den 181 zu ernst, deshalb war er überfordert. Zeitlebens litt der Kurier unter dem Makel, kein richtiger Geländewagen zu sein. Die Leute nannten ihn verächtlich Kübel, ewig war er das billigste Cabrio. Doch im Alter macht seine Vielseitigkeit plötzlich Freude und sein herzhafter Charme glücklich. 

06.06.2012 Powered by

VW nahm den 181 zu ernst, deshalb war er überfordert. Zeitlebens litt der Kurier unter dem Makel, kein richtiger Geländewagen zu sein. Die Leute nannten ihn verächtlich Kübel, ewig war er das billigste Cabrio. Plötzlich macht seine Vielseitigkeit Freude und sein herzhafter Charme glücklich. 

Eine Hassliebe

Etwa 30 000 Unfreiwillige Kilometer verbrachte ich mit dem VW 181 in der norddeutschen Tiefebene. Das schweißt zusammen. Es war eine Hassliebe, der Wagen blieb auch nach fast einem Jahr noch spröde, aber auf seltsame Weise vertraut. Y-683 703, das war meiner, meistens lautete der Fahrbefehl auf diese Nummer. Sie stand für einen VW 181, Baujahr 1971, noch mit Radvorgelege und Portal-Pendelachse aus dem alten VW-Bus. Sie soll die Traktion im Gelände verbessern. Beim Anfahren bäumte sich der Wagen wie bei einer Übersprunghandlung des spärlichen Drehmoments hinten auf, hob sich aus den Drehstabfedern und fuhr wieder normal weiter. Das sah komisch aus und vielleicht nahmen wir den 181 auch deshalb nicht ganz ernst. Ich fluchte über die Standheizung, wenn morgens nach einer kalten Winternacht im Gelände die Batterie leer war und ich den Sanka-Fahrer mit seinem Sechszylinder-Unimog diskret um Starthilfe bitten musste. Eines nachts setzte der Nato-olive Wagen bei einer Geländeübung plötzlich mit lautem Gekreische in einer flachen Mulde auf, die ich im Funzellicht der Tarnscheinwerfer zu spät sah. Erschrocken stieg ich aus, wälzte mich ins feuchte Laub und tastete den Unterboden um die Kurbellenkerachse ab. Noch mal Glück gehabt.

Heimelig und geborgen

Beim Bund hatte der Kübel nicht den besten Ruf. Wir mochten ihn nicht besonders, trauten ihm im Gelände auch aus Erfahrung nicht viel zu. Matschige Waldwege gingen noch, aber wehe, es kam eine Steigung. Bei der Luftwaffe hatten die 181 noch nicht mal ein Sperrdifferenzial, das sogar der alte Wehrmachtskübel besaß. Es zog selbst bei geschlossenem Verdeck und sorgfältig eingesetzten Steckscheiben erbärmlich. Auf der Straße waren sie laut, langsam und brauchten über Land 13 Liter bei maximal Tempo 100. Mehr war in Kurven nicht drin, man spürte, wie die Pendelachse trotz Ausgleichsfeder hinten leicht und gefährlich eng wurde.

Das gute am Kübel war, dass er sich fast wie ein Käfer fuhr, heimelig, geborgen auch weit weg von zu Haus. Selbst im Katastrophenwinter 1978/79, als ich Nikolaus spielen durfte im offenen 181 für die Kinder vor dem Offizierskasino.Vertrautes Boxer- Rauschen im Heck, bassverstärkt von gesicktem und abgekanntetem Blech, die exakte Schaltung und die stehende Pedale kinderleicht zu bedienen, der Wendekreis groß, aber die Lenkung leichtgängig. Der 181 ist das Existenzminimum auf vier Rädern, eine Art Ente von VW. Es gibt keine Türverkleidungen, keine Bodenteppiche, keine Persenning fürs Verdeck.

In Uniform ein Verlierer

Es gibt nur ein Instrument, ein schwarzer Zyklop, der mahnend vor dem Fahrer hockt, eingepasst ins nackte Blech, das gerade einmal fünf Schalter duldet, aber nur wenn die Standheizung noch drin ist. Darüber klebt der Wischermotor fremdkörperhaft wie ein Wespennest an der umklappbaren Windschutzscheibe. Der VW 181 war zu ernst, zu streng, zu spartanisch. Er gab sich stets Mühe, blieb in Uniform ein Verlierer und hatte weniger Selbstbewusstsein als ein DKW Munga.

Nur Fritz B. Busch erkannte damals seine genial einfache Vielseitigkeit, adelte ihn zum Phaeton und fuhr mit ihm im Winter offen, um zu genießen und zu provozieren: „Er ist eines der ganz wenigen Autos für Männer, die Pfeife rauchen.“ Viel später zeigte er dann als Spaßauto für Späthippies seine wahre Persönlichkeit. Dann ging er aus sich raus, lief rot, gelb oder orange an, fuhr vollbesetzt in die Sommernacht, die Windschutzscheibe blieb unten und hinten auf dem Klappsitz spielte einer Gitarre. Es war ein Buggy mit vier Türen, so haben es die Amis empfunden, als die alten VW Busse rar wurden und sie wieder ein Kultauto für den Strand brauchten. „The Thing“ nannten sie das skurril, wie ein Eigenbau designte Vehikel.

Kompromisslos offen

Es hat keine Chromleisten, man brauchte es nie zu waschen, nur ab und zu mal mit der Walze lackieren, matt, bunt und tropfnass. Zuletzt wird der VW 181 noch zum Clown mit den Elefantenfüßen als Heckleuchten, made in Mexiko. Dieser VW 181 hier ist gelb und der Sommertag gerade sehr blond, blauer Himmel, volle Eiscafés, warmes Nachmittagslicht. Alice sitzt am Steuer, 25, Generation Golf IV und mit Käfer-Fahren so vertraut wie mit Doppeldeckerfliegen. Trotzdem lebt sie sich rasch im Blechgehäuse ein. Alice findet den Kübel cool , so kompromisslos offen, obwohl die Türen drinbleiben und sie mit umgeklappter Frontscheibe ein Tempolimit von 60 strikt einhält. „4700 Euro ist kein Geld für so viel Fahrspaß“, meint Besitzer Frank Rossmeisl aus Stein bei Nürnberg, er traut seinem 181 so viel zu, dass er sogar eine breite, recht tiefe Wasserfurt bezwingt.

Es ist ein gutmütiger 181, ein 73er, schon mit der zahmen Doppelgelenkachse vom 1302, ohne Vorgelege-Gedöns, ohne Sperrdifferenzial, aber mit Trommelbremsen, die ein bisschen einseitig ziehen und sehr milde wirken. Rossmeisls Kübel hat beim Bund gedient, man sieht es an den Bügeln und Blechlaschen um die Scheinwerfer, am typischen Nato-Lichtschalter im Cockpit und an den olivgrünen Sitzen. Alles ist so seltsam vertraut. Über die hohen Schweller klettert es sich nicht mehr ganz so gelenkig wie einst, der Boxer springt mir beim ersten Schlüsseldreh gierig in den Nacken und rauscht niedertourig los. VW drosselte den 1600er noch weiter auf 48 PS, damit er auch mit Klingelsprit fahren kann. Untenherum ist jetzt noch ein bisschen mehr Drehmoment, aber es fehlt etwas, um mich wehmütig werden zu lassen: der kleine Hüpfer beim Anfahren.


Alf Cremers

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