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Car Friday auf dem Nürburgring 2015

Der lauteste Stille Feiertag des Jahres

Car Friday 2015, Nordschleife, Nürburgring Foto: Roman Domes 123 Bilder

Das Flair: wie beim 24-Stunden-Rennen. Der Unterschied: am Karfreitag wird die Nordschleife des Nürburgrings für jedermann geöffnet. Wir waren bei diesem Spektakel dabei.

04.04.2015 Roman Domes Powered by

Der Nürburgring fasziniert seine Fans in etwa so, wie eine Boygroup heranwachsende, meist weibliche Teenager. Kommt man in seine Nähe, spielen die Hormone verrückt, das Herz rast, es geschehen verrückte, unerklärliche Dinge.

Der "Car Friday" ist kein Stiller Feiertag in der Eifel

Mehr als 50 Kilometer von der Nordschleife entfernt formiert sich auf der A61, kurz vor der Autobahnausfahrt Wehr, ein Sportwagen-Konvoi mit geschätzt 200 Fahrzeugen. Hupkonzerte, Auspuffsound-Demonstrationen – und das an einem Stillen Feiertag. Der wird in der Eifel jedes Jahr zu einem lauten Feiertag: Die Nordschleife wird für Touristenfahrten geöffnet, und der Karfreitag wird zum Car Friday. Klingt logisch.

Während sich die Kolonne von der durch die ins Sonnenlicht getauchte Landschaft in Richtung Nürburgring-Nordschleife quetscht, liegt das kleine Örtchen Adenau um kurz vor acht Uhr noch im Schatten der Eifeler Berge. Die Scheiben der parkenden Autos sind mit einer Frostschicht überzogen. Über einer Bäckerei qualmt es aus zwei Schornsteinen, drinnen bereiten sich zwei Frauen emsig auf den anstehenden Ansturm vor.

Auf dem Parkplatz stehen aufgereiht, mit dem Gesicht nach vorne geparkt, vier Mercedes 190 E. Einer davon gehört Marco. Genau genommen fährt er die starke Version des Youngtimers mit Reihensechszylinder, 2,6 Liter Hubraum und 160 PS. "Früher war das Ding leergeräumt, und ich bin damit auf der Nordschleife gefahren, auch am Car Friday," sagt Marco. Heute sind er und seine Freunde – Pascal, Thomas und Lisa – nur zum Zuschauen gekommen. Seit fünf Jahren kommen die aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland stammenden Freunde zum karfreitäglichen Wahnsinn.

Um halb neun ist der Parkplatz am Brünnchen überfüllt

Damit sind sie nicht allein. Insgesamt schätzen die Veranstalter, dass jedes Jahr rund 15.000 Autofans die Straßen um eigentlich verschlafene Ortschaften wie Kempenich, Meuspath oder Quiddelbach verstopfen.

Rolf Kremer ist seit vier Uhr morgens wach. Er hat den Auftrag, den Leuten zu sagen, wo sie parken dürfen und wo nicht. "Jedes Jahr der gleiche Wahnsinn," sagt er grinsend. Der rüstige Senior spricht mit starkem Dialekt, als Nicht-Eifelaner versteht man ihn kaum. Seit 20 Jahren arbeitet er am Nürburgring, teilweise als Streckenposten – meistens am Pflanzgarten -, teilweise als Ordner. Rolf ist, wie so viele hier, ein großer Motorsportfan.

Heute steht er an der Einfahrt zum Schwalbenschwanz, dort wurde er hingeschickt, weil der Parkplatz vom Brünnchen schon vor neun Uhr völlig überfüllt war. "Der Parkplatz dort ist ja auch einer, das hier am Schwalbenschwanz ist nur ein matschiges Feld." In diesem Moment fährt ein blubbernder Ford Focus RS an Rolf vorbei, ohne auf sein Zeichen zu warten. Rolf winkt den Fahrer zu sich her und erklärt ihm, warum er hier steht, und wo der Focus hinfahren solle. "Sonst kommste hier nich mehr raus, Junge," ruft er kopfschüttelnd hinterher. Der Fahrer des Fords wird das nicht gehört haben, zu laut ist der Lärm, der von der Rechts-Links-Kombination am Schwalbenschwanz hinter ihm kommt.

Car Friday 2015 bei bestem Nordschleifen-Wetter

Neun Uhr: Die Strecke ist seit einigen Momenten geöffnet. Ein Grund dafür ist das herausragende Wetter. Sonnenschein und blauer Himmel waren nicht nur in der vergangenen Woche eine Seltenheit in der Eifel. Bis vor einigen Tagen hat es noch geschneit. Heute liegen die Temperaturen über dem Gefrierpunkt - das freut Fahrer und Fans. Die Nordschleife ist beinahe trocken, nur an Stellen, wo das Sonnenlicht noch nicht hin kam, bedeckt noch eine feuchte, rutschige Schicht den Asphalt.

Am Brünnchen ertönt bald basslastige Musik, erste Rauchschwaden steigen auf, es riecht nach Bier und Grillfleisch. Und Gummi. Und Abgasen. Für jeden, der schon mal auf dem 24-Stunden-Rennen war, ein vertrauter Duft. Dazu ein Anglerstuhl mit Bierhalter, und der Tag ist perfekt. Zumindest, wenn die Strecke nicht aufgrund eines Unfalls gesperrt wird. Das passiert an diesem ersten Tag des "Freien Fahrens" ein paar Mal, wenn ein Fahrfehler schwerer wiegt, als die eigene Ambition. Schlimmere Geschehnisse bleiben uns an diesem Tag erspart. Auch darüber freut man sich an der Strecke.

Als gegen sieben Uhr abends die Nürburgring-Nordschleife geschlossen wird, ist es am Pflanzgarten, Brünnchen und Schwalbenschwanz ruckzuck leer. Nur der Verkehrsstau zieht sich über die einspurige Landstraße bis zur Autobahn. Am Pflanzgarten räumt ein Imbissbudenbesitzer auf, freut sich übers Geschäft und verschenkt dann die letzten Currywürste. Die vorher so gut besuchten Hügel und Wiesen hinter seinem Trailer: menschenleer. "So schnell sie gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder weg," sagt er. Genau wie nach einem Konzert.

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