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Carlos Tavares im Porträt

Das Erfolgsrezept des PSA-Chefs

Carlos Tavares, Porträt Foto: PSA

Er ist ein ungewöhnlicher Manager – und ungewöhnlich erfolgreich. Was treibt den PSA-Chef an, wohin will er mit seinen Marken Peugeot, Citroën und DS?

18.06.2016 Birgit Priemer 2 Kommentare

Es umgibt ihn eine Aura, die man von vielen Vorstandsvorsitzenden so nicht kennt – die der Bescheidenheit. Carlos Tavares ist nicht ständig von Sicherheitskräften umgeben, obwohl er als Chef der Groupe PSA (Peugeot, Citroën, DS) zu den Großen der Branche in Europa zählt. Der gebürtige Portugiese vermittelt auch nicht das Gefühl, dass vor der Tür schon wieder das werkseigene Firmenflugzeug wartet, um ihn an andere Orte dieser Welt zu bringen, die dringend seiner Hilfe bedürften.

Nein, Carlos Tavares beherrscht die Kunst der Gelassenheit: „Ich muss heute nicht mehr mit dem Kopf durch die Tür wie damals, als ich 40 Jahre alt war“, erläutert er lachend. Gleichmut als Erfolgsrezept eines Spitzenmanagers? „Such dir gute Leute für dein Team und erkläre ihnen dann nicht, wie alles funktionieren soll. Wenn sie gut sind, wissen sie es selbst.“ Das kleine Einmaleins guter Führung gibt es im Gespräch mit Tavares gratis dazu.

Unter Tavares schreibt PSA schwarze Zahlen

Der 1958 geborene Vater von drei Kindern mit Studium an der renommierten École Centrale Paris hat im Windschatten der VW-Krise gut reden. Seit zwei Jahren führt er den PSA-Konzern und hat es in dieser kurzen Zeit geschafft, den nahezu tot geglaubten Autohersteller wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen. Das macht auch Mut zu Sprüchen: „Wir reden hier nicht über einen Diesel-Skandal, wir reden über einen VW-Skandal.“ Setzen, sechs – so der erste Eindruck. Aber Tavares ist zu klug, um es einfach bei kernigen Aussagen zu belassen. Die Vormachtstellung des Diesel sieht er auch in Frankreich schwinden. Aber für ihn haben neue Antriebskonzepte keine politische Motivation: „Wir geben dem Kunden, was er möchte.“

Carlos Tavares, PorträtFoto: Archiv
Erfolgsgeschichte: Unter Tavares schreibt PSA wieder schwarze Zahlen.

Und zur E-Mobilität schlägt er auch kritische Töne an: „Die Frage ist doch, wie künftig die Mineralölsteuer auf Elektroautos umgelegt wird und wie sich das auf die Unterhaltskosten auswirkt.“ Das könnte die zarte Pflanze E-Mobilität bremsen. Ihm ist eine Balance im Antriebs-Portfolio wichtig – neben Diesel und Benziner Plug-in-Hybride nach Muster von Kooperationspartner BMW sowie Elektroautos. Dafür nicht mehr so eng gestaffelte Motorvarianten von 90, 100, 120 und 150 PS. Klar, das macht Sinn.

Umsatzsteigerung und digitale Revolution

Auch Tavares spürt den Wandel im Autogeschäft und ruft fürs eigene Haus eine „digitale Revolution“ aus. Auch deshalb hat er einen Fonds gegründet, aus dem heraus Start-up-Unternehmen finanziert werden, die sich mit der Mobilität der Zukunft und sich ändernden Geschäftsmodellen beschäftigen. 100 Millionen Euro investiert der Konzern in diesen Bereich.

Als leidenschaftlicher Freizeit-Rennfahrer gibt Tavares in jeder Hinsicht Gas: „Push to Pass“ heißt das Strategieprogramm für die nächsten fünf Jahre, mit dem PSA zum nächsten Überholvorgang ansetzt – „Push to Pass“ nennen Rennfahrer einen Knopf auf dem Lenkrad, über den kurzfristig die Leistung des Motors erhöht wird, um schneller überholen zu können. Tavares verbringt 22 Wochenenden im Jahr an der Rennstrecke – er muss also genau wissen, wie das geht.

Bis 2018 soll die operative Marge von zuletzt einem Prozent auf vier Prozent wachsen, bis 2021 auf sechs Prozent. Bis 2018 soll der Umsatz, verglichen mit 2015, um zehn Prozent steigen, bis 2021 um 15 Prozent. Dazu kommt eine Modelloffensive, die es in sich haben könnte: 26 neue Automodelle, acht leichte Nutzfahrzeuge inklusive eines Pick-ups, sieben neue Plug-in-Hybride, vier E-Autos und rasche Fortschritte bei der Konnektivität und dem autonomen Fahren. Mit dieser Strategie will er zunächst einmal die eigene Mannschaft stärken: „Die Mitarbeiter haben nicht mehr diesen Nahtod-Eindruck von PSA, sie wissen, dass die Firma in guter Form ist. Es gab Standing Ovations, als wir den Plan vorgetragen haben“, so Tavares, dem eine Regel im Umgang miteinander wichtig ist: „Keine Politik untereinander.“

„Citroën braucht mehr Avantgarde“

Besonders Citroën steht im Fokus – zwölf neue Produkte in den nächsten sechs Jahren. Auf die Frage, wie diese Autos aussehen, gibt sich Tavares noch zugeknöpft – nur so viel: „Wir haben Nachholbedarf bei den Crossovern.“ Die Studie Aircross Concept, die letztes Jahr auf der Shanghai Auto Show zu sehen war, gibt da stilistisch und konzeptionell den Ton vor. Und: „Citroën braucht wieder mehr Avantgarde.“

04/2015 Citroen Aircross Concept ShanghaiFoto: Citroen
Zwölf neue Citroën kommen in den nächsten sechs Jahren. Hier die Studie Aircross.

Tavares ist ein Mann, der nach vorne blickt und dabei gesellschaftliche Zusammenhänge herstellt – besonders wenn es um die Zukunft des Automobils geht: „Wir haben in Europa ein Problem. Es gibt niemanden, der eine Vision entwickelt, welche Rolle das Auto künftig in unserem sozialen System spielt. Manche sagen, Autos übernehmen künftig die Rolle, die heute Pferde spielen.“ Die eines Hobbygeräts also, das in der Regel komfortabel untergebracht die meiste Zeit auf der Weide, pardon, in der Garage steht.

Und noch eine Frage stellt er sich – zu Recht: „Wenn Paris beschließt, Autos nicht mehr zu mögen und aus der Stadt zu verbannen, warum sollen wir dann auf die Pariser Autoshow gehen?“ Der Konzernlenker weiß, dass er sich neuen, anderen Herausforderungen stellen muss. Deshalb stört es ihn auch, dass seine Händler „so viel Geld für neue, prestigeträchtige Showräume ausgeben und sich gleichzeitig wenig Gedanken machen, wie sie die Kunden dorthin bekommen“.Die Konkurrenz von Google und Apple sieht er gelassen. „Das sind kluge Leute. Ich denke, sie müssen Partnerschaften mit der Autoindustrie eingehen.“ Aber eins weiß er auch: „Es gibt in Sachen Mobilität riesige Unterschiede zwischen Stadt und Land.“

Und noch eine Frage stellt er sich – zu Recht: „Wenn Paris beschließt, Autos nicht mehr zu mögen und aus der Stadt zu verbannen, warum sollen wir dann auf die Pariser Autoshow gehen?“ Der Konzernlenker weiß, dass er sich neuen, anderen Herausforderungen stellen muss. Deshalb stört es ihn auch, dass seine Händler „so viel Geld für neue, prestigeträchtige Showräume ausgeben und sich gleichzeitig wenig Gedanken machen, wie sie die Kunden dorthin bekommen“.Die Konkurrenz von Google und Apple sieht er gelassen. „Das sind kluge Leute. Ich denke, sie müssen Partnerschaften mit der Autoindustrie eingehen.“ Aber eins weiß er auch: „Es gibt in Sachen Mobilität riesige Unterschiede zwischen Stadt und Land.“

Sein Ziel: neue Märkte erobern

Wichtig ist es ihm, neue Märkte zu erobern, Märkte, auf denen die klassischen Platzhirsche noch nicht so stark vertreten sind. Dazu zählen der Iran, Marokko, Lateinamerika, Südostasien und die USA – ja, richtig gelesen. Schließlich hat Tavares selbst eine intensive USA-Erfahrung, da er nach seinem Karrierestart bei Renault ab 2009 bei Kooperationspartner Nissan die Geschäfte in Nord- und Südamerika geleitet hat.

2014 kam der Wechsel zu PSA. Die französische Firma war damals marode, bürokratisch geführt und mit einem veralteten Modellprogramm. Von 2012 bis 2014 beliefen sich die Verluste auf über acht Milliarden Euro, der Konkurs konnte nur noch verhindert werden, indem der französische Staat der PSA-Bank Anleihen in Höhe von sieben Milliarden Euro garantierte. Ist Tavares die Entscheidung da wirklich leichtgefallen? „Ich habe damals mit Freunden gesprochen, und viele haben mir abgeraten“, erzählt er rückblickend mit Lachen. „Und da habe ich für mich festgestellt, dass ich das gar nicht hören wollte.“

Der Erfolg gibt ihm recht – und den Einfluss der französischen Regierung sieht er mit der ihm eigenen Gelassenheit: „Der französische Staat hat mich in den letzten zweieinhalb Jahren nicht davon abgehalten, Dinge zu entscheiden, die gut für PSA waren.“ Im Gegenteil, die Regierung hat ihm auch geholfen, Kontakte zu Märkten wie dem Iran herzustellen. Tavares steht mit seinem neuen Programm vor einer Produkt- und Technikoffensive ohne Beispiel. Sein unglaublicher Erfolg in den letzten zwei Jahren dürfte auch in seiner grundsätzlichen Haltung zu finden sein: „Wir wollen keine Probleme kreieren. Wir wollen Lösungen anbieten.“ Es gibt deutsche Konkurrenten, denen dieser Weitblick noch fehlt.

Neuester Kommentar

Danke Herr Tavares,

tolle Leistung auch wenn die sicher schmerzliche Entscheidungen zur Folge hatte.

Weiter so!

Peugo1 20. Juni 2016, 19:58 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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