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Cars & Girls

Schnelle Mädchen aus den 70ern

Foto: Werner Eisele 17 Bilder

Im Archiv des Stuttgarter Auto- und Rennsport-Fotografen Werner Eisele versteckte sich ein unbezahlbarer Schatz aus den Siebzigern: lustig und lustvoll inszenierte Werbefotos von Mädchen und Autos.

15.10.2010 Powered by

Sie entführen in eine Zeit, als Auto fahren fast so gut wie Sex war, und Feinstaub höchstens auf der Langspielplatte nervte. Sex Sells ist ein angenehmer, oft wirkungsvoller Marketingtrick, der zu Beginn der 70er Jahre die frischesten, frechsten und frivolsten Blüten hervorbrachte.

Fast jedes Produkt wurde damit beworben. Man denke nur an den Reifenhersteller Pirelli, der in den Printanzeigen die "Beine Ihres Autos" mit einem strammen Minirock-Mädchen aufwertete. Auch die "Liebe zum Automobil", wie sie heute Volkswagen für sich in Anspruch nimmt, war damals alles andere als platonisch, sondern im höchsten Maße sinnlich und erotisch. 

Die Messen locken mit Mädchen

So lockten auf den großen Automobil-Ausstellungen fast alle Hersteller die meist männlichen Journalisten und Besucher durch attraktive Models an und in die Autos - nicht nur die reinrassigen Sportwagenmarken, sondern auch Mercedes, Opel, Ford oder British Leyland. "Nur Porsche nicht", erinnert sich Fotograf Werner Eisele aus Stuttgart, "die hatten nie Mädchen auf ihrem Stand".

Eisele muss es wissen. Er ist seit den frühen 70er Jahren bis heute regelmäßiger Besucher der Autosalons in Genf und Frankfurt, wo er die neuesten Serienmodelle und Stylingstudien auf seinen Kodak- Filmen und -Kameras festhielt. Eisele fand jedoch die Mädchen mindestens genauso attraktiv wie die neuen Automobilkreationen: "Obwohl die Fotos kaum eine Zeitschrift druckte, habe ich die hübschen Standmädchen mit fotografiert. Und für die Stylingstudien und Designereinzelstücke nahm ich oft Farb- anstatt billiger Schwarzweißfilme."

Wie ein füllig gedrehter Joint

Heute schicken uns diese Fotos und besonders jene, die Eisele in Eigenregie für Pressestellen und Zeitschriften produzierte, wie ein füllig gedrehter Joint auf eine surreal- transzendentale Zeitreise. Wir sehen Miniröcke, Strickkleider, Kniestiefel, wallende Taftfrisuren oder Perücken - und viel nackte, vom Sissi-Kitsch befreite Haut.

Schulmädchen-Report

Dann kommen die Erinnerungen: Woodstock, Schulmädchen-Report, Acht Stunden sind kein Tag, Dalli-Dalli, Afri-Cola, Uschi Obermaier und Peter Stuyvesant, deren legaler Rauchgenuss nichts weniger als den "Geschmack der großen weiten Welt" versprach. Diesen herrlichen, sinnlich-naiven Geschmack von damals in einer beinahe schon tödlich wirkenden hohen Dosierung zeigt Eiseles neuer Fotoband "Cars and Girls", der nach den "Formel 1 Legenden" wiederum in kongenialer Zusammenarbeit mit dem jungen Stuttgarter Editorial- und Corporate- Designer Wolfgang Seidl entstand.

911: Kurze Röcke und Hot Pans

Nur der wichtige Hinweise "Fragen Sie vor dem Blättern Ihren Arzt oder Apotheker" fehlt. In "Cars and Girls" begegnen uns zahlreiche Messe-Mädchen und 20 aufreizende Pin-up-Duos, die zum Großteil in Automobilmagazinen erschienen sind. Als herausnehmbare Doppelseiten brachten sie etwas Freude in triste Garagen, Werkstätten und Jugendzimmer. Den ersten Auftrag, neue Autos durch hübsche Mädchen für offizielle Pressefotos aufzuwerten, erhielt Eisele ausgerechnet von Porsche: "Huschke von Hanstein wünschte sich für den 911 Aufnahmen mit attraktiven Frauen, die aber nicht zu gewagt auftreten sollten. Das änderte sich mit dem neuen VW-Porsche 914. Hier wollte Hanstein modische Kleidung, kurze Röcke und Hot Pants."

Bilder für Madam und Vogue

Die ersten Fotos von den nach frischem Lack duftenden, direkt aus Wolfsburg angelieferten Mittelmotor-Coupés entstanden wie viele andere Produktionen in der Umgebung Stuttgarts. Das barocke Lustschloss Solitude sah zum Beispiel im Laufe der Zeit mehr als ein Dutzend junger, knackfrischer Mini-Mädchen, an denen sein Erbauer Herzog Carl Eugen die allergrößte Freude gehabt hätte. Als nächste Auftraggeber folgten Mercedes, Lancia und Fiat, die wie Porsche den modisch-eleganten Frauentyp favorisierten. Mercedes wünschte jedoch internationale Locations wie Genf oder Paris und definierte genau die Rocklänge: "Nicht kürzer als knapp unter dem Kie", erinnert sich Eisele. Diese deutlich sittsamerem Fotos erschienen als Presse-Features vor allem in Modemagazinen wie Madam und Vogue.

Ruhig verrucht

Auto-Fachblätter bevorzugten jedoch für ihre Nachrichtenseiten mit den aktuellen Messeneuheiten und Stylingstudien Fotos ohne Mädchen. Heute freuen wir uns darüber, dass der neugierig und künstlerisch arbeitende Fotograf auf den Autoausstellungen nicht nur die kalten Karosserien ablichtete, sondern sich auch – wie in den "Formel 1 Legenden" - den Girls, den Menschen widmete. Dies tat Eisele besonders hingebungsvoll für die Zeitschriftenserie "Autos und Mädchen".

Kann man einen SUV lieben?

Wahrscheinlich lag dies auch an den attraktiven Autos. Ausschließlich heißblütige Sportwagen von Chevrolet, De Tomaso, Ferrari, Lamborghini, Maserati, Mercedes, Morgan und viele mehr rollten vor seine Linse. "Die Vorgaben des Magazins", erzählt Eisele, "waren einfach und deutlich. Die Mädchen sollten mit den Autos locker umgehen. Sie sollten nicht schlafen, hieß es. Und sie durften ruhig etwas Verrucht-naives, Hippiehaftes an sich haben." Die Girls waren Fotomodelle ortsansässiger Agenturen, die damals noch "Künstlerdienst" hießen. Eisele und seine Auftraggeber hatten "Berge von Setkarten gewälzt" um die passenden Models zu finden, an die sich der Fotograf gern erinnert: "Die Mädchen waren sehr engagiert und unendlich verwandlungsfähig bei minimalem Aufwand. Ein bunter Schal oder ein Stirnband genügten - und schon hatte ich ein hübsches Hippie-Girl. Ihre Garderobe brachten sie immer selbst mit." Und sie waren leidensfähig. Über das Abarth-Girl Juliane Biallas schrieb damals Clauspeter Becker, der 36 Jahre später "Cars and Girls2 neu betextete: "Wir kamen uns vor wie Schufte. Die Luft war gut 30 Grad kälter als Juliane. Zumal sie unter dem Minikleid nicht viel mehr anhatte als eine Gänsehaut. Gewiss war das kein leichter Auftrag, denn sie musste gute Miene zu einem bitterbösen Auto machen, das, geladen mit technischem Sex, kleinen, zarten Mädchen keine Chance lässt." Ach, was waren das für schöne Zeiten, als die Mädchen, die Karosserien und sogar die Technik noch sexy sein durften. Kein kindischer Hampelmann klärte uns damals über die Vorzüge eines ausgeklügelten Allradsystems auf. Und die "Liebe zum Automobil" war noch innig, direkt und körperlich. Hand aufs Herz: Kann man einen modernen SUV wirklich lieben?

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