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Chevrolet Bel Air Convertible

Lust-Schiff - Ein Bausatz für Fortgeschrittene

Chevrolet Bel Air Convertible, Baujahr 1956 Foto: FACT 21 Bilder

Ausgerechnet an einen 56er Chevrolet Bel Air Convertible hatte Rolf Stöß sein Herz verloren. Diese Autos sind selten und teuer. Doch eines Tages wurde ein Restaurierungsobjekt angeboten. Stöß kaufte es sofort.

01.03.2010 Bernd Woytal Powered by

Wer etwas unbedingt haben will, der handelt nicht immer vernünftig. Nur so lässt es sich erklären, dass Rolf Stöß aus Nürnberg ein Auto kaufte, ohne es gesehen, geprüft oder Probe gefahren zu haben. So etwas geht selten gut, wie sich jeder denken kann. Doch Stöß bereut seine Tat in keinster Weise. Im Gegenteil, er freut sich darüber - denn nun besitzt er endlich seinen Traumwagen.

Der 56er Chevy Bel Air Convertible gehört zu den gesuchtesten US-Cars

"Seit mindestens 20 Jahren habe ich danach gesucht", sagt der US Car-Fan. Seit er als Kind einen 56er Chevrolet Bel Air Convertible bei Bekannten seines Onkels sah, träumte er davon, selbst einmal mit einem solchen gewaltigen Cabrio durch die Gegend zu cruisen und es dann abends in der eigenen Garage einzuparken. Doch die offenen Bel Air des Modelljahrs 1956 sind sehr selten - deshalb begnügte er sich zunächst mit einem Hardtop Coupé, das er 1994 aufspürte und teilweise restaurierte.

Mehr Erfolg bei der Suche versprach er sich in den USA, wohin er 1999 reiste. Aber selbst dort erwies sich das gesuchte Bel Air Cabrio als so rar wie eine Straße ohne Tempolimit. Umso glücklicher war er, als er schließlich doch noch zwei Exemplare fand. Beide standen beim gleichen Händler: ein Topexemplar für 90.000 Dollar und ein Restaurierungsobjekt für 30.000 Dollar. Doch so viel Geld wollte Stöß nicht ausgeben.

Der Schrecken kommt nach dem Auspacken des Bausatzes

Angesichts dieser Enttäuschung leuchtet ein, dass er blitzartig zum Telefonhörer griff, als er ein Jahr später in einem deutschen Auto-Anzeigenblatt auf folgendes Inserat stieß: 56er Chevrolet Bel Air Convertible zu verkaufen, zerlegt, aber komplett. Stöß kaufte den in Norddeutschland stehenden Chevy ohne zu zögern und vereinbarte mit dem Anbieter, dass dieser ihm den Wagen nach Nürnberg bringt. Es sollte ein Besuch voller Überraschungen werden.

An irgendeinem Sonntagmorgen riss eine hektisch betätigte Türglocke den angehenden Cabrio-Besitzer aus dem Schlaf. Stöß dachte: "Was ist jetzt los, ich habe doch nichts angestellt?" Er sprang aus dem Bett und schaute aus dem Fenster. Vor dem Haus parkte ein Transporter, und auf dem Anhänger dahinter stand ein dick in Folie eingeschweißtes Etwas, das von der Form einem Auto ähnlich sah. Gegen diese Verpackung wirkten die Werke Christos geradezu laienhaft.

Doch was bei näherem Hinsehen zu erkennen war, reichte vollkommen. "Der Schock war groß", erinnert sich Stöß. So schlimm hatte er sich die Sache nicht vorgestellt. Vom Kauf zurücktreten wollte er dennoch nicht. Erstens wäre es sicher leichter gewesen, einem ausgehungerten Hund den Knochen zu entreißen als diesem verhandlungsunwilligen Verkäufer die geleistete Anzahlung, zweitens stand nun endlich sein Traumauto vor ihm, wenn auch als Ruine.

Ein Bekannter von Stöß hatte in der Nähe eine kleine Halle gemietet, in der Hobby-Schrauber nach Herzenslust werkeln konnten. Dorthin transportierten sie den Chevy und ließen ihn vom Hänger gleiten, was wegen der fast platten Reifen recht mühsam war. Und nachdem die im Transporter gelagerten Teile ausgeladen waren, machte sich der Verkäufer zügig mit seinem Geld von dannen.

Das Chevy-Teile-Puzzle: Wochenlange Sortierarbeiten

"Nun stand ich da mit meiner Wundertüte", entsinnt sich Stöß. Zuerst packte er einmal das Auto richtig aus. Er sah sofort, dass hier jemand eine begonnene Restaurierung über den Kopf gewachsen war. Der Vorbesitzer hatte bereits alle Teile demontiert und mit den Blecharbeiten begonnen. Die Karosserie ruhte unverschraubt auf dem Fahrgestell, ebenso die Partien des Vorderbaus. Wie vom Verkäufer angedeutet, fehlte die Windschutzscheibe. Doch wo waren Motor und Getriebe?

"Die Sachen habe ich noch hier stehen", meinte der Verkäufer unschuldig, als Stöß ihn verärgert am nächsten Tag anrief. Immerhin raff te er sich dazu auf, die Teile zu schicken - natürlich auf Kosten von Stöß. Doch das hätte er sich sparen können, denn der gelernte Kfz-Meister sah recht schnell, dass nicht mehr viel zu machen war. Der Motor erwies sich als extrem verschlissen, und die Kurbelwelle war bereits auf das größtmögliche Untermaß geschliffen.

So vertagte er zunächst einmal das Thema Motor und widmete sich den vielen anderen Dingen. Da waren zum Beispiel die zahlreichen Kisten mit den total durcheinander gewürfelten Teilen. Stöß weiß es noch genau: "Ich saß wochenlang im Keller und sortierte." Bei der Bewältigung dieses gigantischen Puzzles halfen ihm vorliegende Reparaturhandbücher, Teilekataloge und die Tatsache, dass er bereits ein baugleiches Coupé besaß. Dies diente ihm als hilfreiches Muster, wenn er irgend etwas partout nicht zuordnen konnte.

Dann widmete er sich der Karosse und dem Fahrgestell. Der Vorbesitzer hatte schon neue Bodenbleche eingesetzt. Zum Glück waren sie nur mit einzelnen Schweißpunkten angeheftet und noch nicht verschweißt. Denn Stöß musste sie wieder heraustrennen, nachdem er mit einem Zollstock die ihm vorliegenden Rahmenmaße und die Befestigungspunkte der Karosserie am Rahmen kontrolliert hatte.

Ein Flaschner hilft beim Schweißen des Chevrolet Bel Air Convertible

Den Rahmen, der einen gesunden Eindruck machte, brachte er zum Sandstrahlen. Zwar besaß er schon einige Erfahrung beim Schweißen von Blech, weil er vor etlichen Jahren einen 51er Opel Olympia und einen Karmann Ghia restauriert hatte, doch er schätzte die Hilfe seines Bekannten Martin Melzer beim Schweißen der Karosserie sehr. Melzer war ein pensionierten Flaschner und außerdem derjenige, in dessen Halle Stöß arbeiten durfte. "Da ich mit meinem großen Wagen dort ziemlich viel Platz beanspruchte, beteiligte ich mich in dieser Zeit an der Miete", lacht Stöß.

Damit die Karosserie unabhängig vom Rahmen bewegt werden konnte, hatte er für sie ein besonderes Gestell gebaut. Und wenn er am Unterboden arbeiten musste, kippte er die gewaltige Chevy-Karosse seitlich auf zwei Matratzen, die vom Sperrmüll stammten.

Alles verlief langsamer als gedacht, und so verabschiedete er sich schnell von der Vorstellung, den Wagen zu seinem 50. Geburtstag im Juli 2001 fertigzustellen. Immer wieder gab es neue Probleme zu lösen. Die Motorenfrage war dabei das Geringste.

Für sein Coupé hatte Stöß noch einen überholten V8 mit 4,3 Liter auf Lager. Sein Cabrio war zwar damals mit einem Sechszylindermotor ausgeliefert worden, doch ließ es sich alternativ auch mit dieser Maschine bestellen. Der Einbau war daher eine vergleichsweise einfach zu bewerkstelligende Aufgabe, denn es mussten nur an bereits vorgegebenen Stellen am Rahmen neue Aufnahmen für die Maschine angeschweißt werden. Den Motor kombinierte Stöß mit einer ebenfalls zeitgenössischen Dreigangautomatik. Das zuvor montierte Aggregat mit nur zwei Schaltstufen lagerte er ein.

Ein Muss: Nachrüsten von Scheibenbremsen

Eine weitere Modifikation betraf die Bremsanlage. Mit Grauen denkt Stöß an eine haarsträubende Bergabfahrt mit seinem Coupé bei Garmisch-Partenkirchen. "Plötzlich kam es zu Bremsenfading, ich stand mit zwei Füßen auf dem Pedal, aber es passierte nichts." Nur knapp entging er damals einem Unfall - so fiel ihm die Entscheidung leicht, beide Bel Air mit einer um 1960 als Nachrüstkit erhältlichen Scheibenbremse an der Vorderachse auszustatten – samt Bremskraftverstärker.

Doch zurück zu den erwähnten Problemen. Die betrafen zum Großteil die Ersatzteilbeschaffung, wobei Stöß wie schon in anderen Fällen von der Unterstützung durch Freunde oder von seinen Kontakten profitierte. Auch sein Onkel in Amerika, der gute Beziehungen zu einem Teilelieferanten hatte, half die benötigen Teile zu organisieren.

Denn natürlich war es nicht bei der Frontscheibe geblieben, die Stöß durch einen glücklichen Zufall von einem Händler in Berlin ergattern konnte. Auch die Rücklichter, Teile der hinteren Stoßstange und die Pumpe der Verdeckhydraulik vermisste er. Manches, wie Komponenten der Innenausstattung oder das Verdeck, hatten so gelitten, dass sie nicht mehr zu verwenden waren.

Nach 20 Monaten besteht der Chevy die Hauptuntersuchung mit Bravour

Besonders die Cabrio-spezifischen Teile sind rar und teuer. So ergab sich nur einmal die Chance, ein Verdeckgestänge zu erwerben, doch das sollte 5.000 Dollar kosten. Mit viel Aufwand überarbeitete Stöß daher das Altteil, brachte die Hydraulik wieder in Schwung und ließ das in den USA gekaufte Verdeck von einem Sattler aufziehen.

Nach 20 arbeitsreichen Monaten hatte sich der Chevy Bel Air endlich wieder in ein schmuckes Auto verwandelt. Die TÜV-Abnahme verlief problemlos, der begeisterte Prüfer bemängelte lediglich zwei fehlende Splinte an den Spurstangen.

Hätte Stöß damals den Kauf annulliert, würde es dieses Auto heute nicht geben. Zum Glück handelt man selten vernünftig, wenn man unbedingt etwas haben will.

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