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Chevrolet Corvette Grand Sport auf dem Lausitzring

Versoffene Schüssel oder 622 km für 100 Euro?

Chevrolet Corvette Grand Sport, Abendsonne, Frontansicht Foto: Hans-Dieter Seufert 36 Bilder

US-Sportwagen mit V8 und mehr als 400 PS unter der Haube sind laut und saufen? Schauen wir mal -  mit der neuen Corvette Grand Sport auf einer Tour zur Rennstrecke Lausitzring.

18.05.2012

Die Wette bahnt sich im Fahrstuhl an. Zwei Freunde sind auf dem Weg zur Tiefgarage, auf dem Weg zur schneeweißen Chevrolet Corvette Grand Sport. Die hat sich kurz zuvor in den Bau gezwängt und dabei schwer geatmet. Während der eine Freund mit dem Bass des Motors den amerikanischen Traum zu spüren glaubt, sieht der andere einen Sportwagen, der seine Unschuld hierzulande vor rotbeleuchteten Massagestudios verloren hat – und statt großer Gefühle bei ihm eher Furcht vor hohen Spritrechnungen weckt. "Denk nur an den altbackenen Motor", stichelt er im Hinblick auf den V8, der technisch den Sechzigern näher ist als der Gegenwart.

"Das Rezept der Antibabypille ist auch nicht jünger", erwidert der andere und streckt die Hand aus: "Wetten, dass ich mit der Corvette flott durchs Land kreuze und weniger verbrauche als ein BMW M3?" Kurze Stille. Dann schlägt der andere ein: "Der BMW kommt zurückhaltend gefahren mit zehn L/100 km aus, das schafft diese versoffene Amischüssel niemals." Erneute Stille. "Und wenn doch, geb’ ich zehn Runden auf dem Trioval des Lausitzrings aus." Damit steht die Strecke fest: Stuttgart-Klettwitz – 622 Kilometer mit der Chevrolet Corvette Grand Sport.

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Impressionen Chevrolet Corvette Grand Sport 622 km für 100 Euro? Die Vette gilt!!
auto motor und sport 11/2012
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Chevrolet Corvette Grand Sport mit 100-Tankfüllung

Als die Chevrolet Corvette Grand Sport auf die Reise geht, hat sie für 100 Euro Benzin an Bord; dafür gibt es genau 56 Liter Super. Mehr darf sie nicht verbrauchen – Stößelstangen hin oder her. Das Motorenkonzept des Chevi-Small Block ist tatsächlich uralt; 1955 wurde der Stoßstangen-V8 zum ersten Mal in eine Corvette gesteckt – eine Hochzeit mit glücklichen Folgen. Zum einen war der bis dahin verbreitete müde Blue-Flame-Reihensechszylinder mit drei Vergasern Geschichte, zum anderen sollte der Small Block zum Lieblingsmotor der Amerikaner werden. Ohne Schnickschnack arbeiten zwei Zylinderbänke mit je vier Kolben im  90-Grad-V, darunter dreht eine zentrale Nockenwelle.

Bei der aktuellen Chevrolet Corvette Grand Sport ist das nicht anders, obwohl Chevrolet den Motor oft überarbeitet und dabei reibungsoptimiert hat: Nach wie vor bedienen Stößelstangen zwei Ventile pro Zylinder – eine Einfachheit, die längst einzigartig ist unter Sportwagen. Während die Konkurrenz eifrig mit Doppel-Vanos und jeglicher Aufladung ihre Motoren verfeinert sowie Zylinder bedarfsgerecht abschalten lässt, blubbert die Corvette eigenbrötlerisch mit der Technik unserer Vorfahren ums Eck.

Vermittelt die Kraft einen Lkw abschleppen zu können

7:45 Uhr, Autobahnauffahrt Ludwigsburg auf die A 81, Richtung Heilbronn. Im fünften Gang trabt die Schneeweiße in die leichte Rechtskurve und gibt trotz der 1.200 Umdrehungen das sichere Gefühl, genug Kraft zu haben, um den Lkw im Rückspiegel bei Bedarf abzuschleppen. Auf der freien Autobahn hat ein kräftiger Gasstoß im Dritten dieselbe Wirkung wie eine Kanne Espresso. Dabei verwandelt sich die gutmütig dahingleitende Chevrolet Corvette Grand Sport blitzschnell in einen grimmigen Sportwagen, der wie ein wilder Bulle losstürmt. Ohne spürbare Verzögerung packt der Small Block so wuchtig zu, dass das Chassis leicht zittert, wenn die Kraft durch den Kardan jagt. Auf dem etwas zu weichen Fahrersitz hockend, umklammert man dabei instinktiv das Lenkrad fester und verliert die riesige Motorhaube nicht aus den Augen – aus Angst, bei 6.000 Umdrehungen würden mehrere Kolben in den Orbit feuern. Tun sie aber nicht – was nach oben schießt, ist laut Bordcomputer der Verbrauch. Also schnell vom Gas und alle hohen Drehzahlen für später aufheben.

Die braucht der Small Block ja eigentlich eh nicht, denn bereits kurz über Standgas schöpft er genug Kraft aus seinen acht Brennräumen, die mit 6,2 Liter Hubraum fast schon an Lofts erinnern. In Kombination mit dem langen sechsten Gang des Tremec-Schaltgetriebes lässt sich somit vorzüglich und sparsam cruisen. Bei 1.200 Umdrehungen zeigt die Nadel im Tacho schon auf 120, und mit der nötigen Disziplin pendelt sich der Durchschnittsverbrauch bereits hinter Würzburg bei elf Liter ein. Auf der Raststätte in Chemnitz macht der niedrige Stand der Tankuhr Angst. Zum Glück lenken zwei Trucker ab, sie huldigen der Chevrolet Corvette Grand Sport anfänglich als Z06 – kein Wunder, die Schneeweiße trägt ja nicht nur die Frontschürze ihrer stärkeren Schwester, sondern auch ihre Bremsanlage mit Sechs-Kolben-Sätteln vorn und Vier-Kolben-Sätteln hinten. Zum Abschied erfahren die beiden, dass die Grand Sport den Namen einer alten Rennsportlegende trägt und im Vergleich zum Basismodell eine breitere Spur und dickere Stabis aufweist.

Corvette Grand Sport schenkt BMW M3 und Co. Nichts

20 Kilometer vor dem Ziel sackt die Tanknadel der Chevrolet Corvette Grand Sport in den roten Bereich ab, das wird ein knappes Rennen ... Als wir die Ausfahrt Klettwitz erreichen, läuft die Corvette so ruhig wie nie, fast schon sanft. So, als wolle sie unbedingt ankommen und zeigen, dass der älteste und meistgebaute Sportwagen Amerikas noch immer mithalten kann, BMW M3 und Co. Nichts schenkt. Und tatsächlich: Nach sechseinhalb Stunden parkt das Coupé knisternd vor den Toren des Lausitzring. Die 622 Kilometer hat es mit durchschnittlich neun Liter abgespult und damit bewiesen, wie wenig Technik notwendig ist, um einen Sportwagen dieses Kalibers sparsam zu machen.

Die Dame an der Schranke hat von der Wette erfahren und erklärt freundlich die Einfahrt zum Trioval. Nach dem Auftanken darf die Chevrolet Corvette Grand Sport dann endlich über Start-Ziel brüllen. In unter 16 Sekunden knackt sie die 200er Marke, verzögert knallhart, lenkt präzise, beschleunigt brutal. Zehn Runden tobt sie, dann parkt sie friedlich an der Box. Der Freund am Telefon, ein guter Verlierer, zitiert zur Belohnung den großen Autodichter Fritz B. Busch, der einst schrieb: "Mit der Vette kann man noch überholen, wenn man bereits den Goldzahn im Munde des Gegners ausmachen kann." Spätestens jetzt wissen wir: Sie fährt nicht nur extrem spritzig, sondern bei Bedarf auch enorm sparsam.

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