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"Chinesen kleckern nicht, sie klotzen"

Foto: dpa

Ex-Ford-Deutschland-Chef Rolf Zimmermann ist unter die Private Equity-Investoren gegangen. Als Partner von AEP spricht er mit auto-motor-und-sport.de über die Gattung der Heuschrecken sowie über Investoren aus Wachstumsmärkten, wie Indien, Russland und China.

14.09.2007 Harald Hamprecht

Herr Zimmermann, worin unterscheiden Sie sich vom Negativbeispiel der Private-Equity-Investoren, die gemeinhin auch als Heuschrecken bekannt sind?

Zimmermann: Unser Geschäftsmodell ist es, langfristig zu investieren und die Wertschöpfung eines Unternehmens zu steigern, indem wir die Kostenstruktur verbessern und gleichzeitig die Innovationsfähigkeit steigern. Damit differenzieren wir uns klar von den meisten angelsächsischen Hedge-Fonds und Private Equity-Investoren, die in ein bis zwei Jahren das Geschäft drehen wollen, um es weiterzuverkaufen und damit maximalen Gewinn zu erzielen. Meist werden in diesen Fällen zuerst die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zusammen gestrichen. Und das bedeutet dann nach spätestens zehn Jahren massive Probleme für das Unternehmen. Wir betreiben also kein aggressives "financial reengineering", sondern wollen über Innovationen Wachstumssteigerungen erzielen.

In welchen Branchen sind Sie unterwegs – und wie gehen Sie dort vor?

Zimmermann: Wir scannen die Landschaft der mittelständischen, nicht börsennotierten Automobil- und Luftfahrtzulieferer sowie Maschinenbauer nach Underperformern mit großem Wertsteigerungspotenzial. Wir suchen die Hidden Champions, die sich meist durch eine niedrige EBITDA-Marge auszeichnen. Dort investieren wir, gehen selbst in Management-Positionen oder in den Aufsichtsrat, um Potenziale zu heben. Wenn wir ein Unternehmen besitzen und dessen Geschäftsfelder im Weltmarkt nicht die Nummer eins, zwei oder drei sind, versuchen wir entweder zuzukaufen oder wir verkaufen. Denn hier spielt die Firma keine aktive Rolle im Markt, sondern wird getrieben. Und das hat kein Zukunftspotenzial.

Was halten Sie von den größten Investoren der Branche, wie Blackstone, KKR oder Cerberus?

Zimmermann: Auch mit Cerberus und Co kann ich mir prinzipiell eine Zusammenarbeit vorstellen, sofern die Rollenverteilung klar definiert ist. Allerdings sind wir auf eher kleinere Projekte in einer Umsatzgrößenordnung von bis zu 500 Millionen Euro spezialisiert. Bei Deals von mehreren Milliarden Euro wären wir zu abhängig von den Großinvestoren. Denn wer das Geld hat, hat auch das Sagen. So ist das in der Branche.

Welche Erfahrung haben Sie mit Investoren aus China und Indien gemacht?

Zimmermann: Mit dem Automobilhersteller Chery habe ich in meiner Funktion als CEO von Müller Weingarten über fünf Presswerke gesprochen, in die sie investieren wollen. Wir reden hier von einem Investitionsvolumen von 16 Millionen Euro für eine Pressenstraße und 34 Millionen Euro für eine Großtransferpresse. Die Chinesen kleckern nicht, sie klotzen. Sie wollen ein Werk nach dem anderen mit einer Jahreskapazität von 400.000 Pkw aufbauen - und das in einer sagenhaften Geschwindigkeit. Auch die chinesischen Automobilzulieferer scannen bereits den deutschen Mittelstand. Denn sie haben prall gefüllte Kriegskassen und ehrgeizige Expansionspläne. Was ihnen noch fehlt, ist Umformtechnikwissen für Exportqualität. In spätestens ein, zwei Jahren werden die ersten Chinesen in Deutschland sein; in zehn bis fünfzehn Jahren werden sie weltweit wettbewerbsfähig sein.

Haben Sie auch schon Erfahrungen mit indischen und russischen Investoren gemacht?

Zimmermann: Ja, in einem Fall: Auch wir hatten Interesse an der Schmiede Peddinghaus. Allerdings hat Bharat gleich dreimal soviel geboten - und damit auf einen Schlag Zugang zum deutschen Markt, das heißt zu allen Spezifikationen der OEM und ihrer Projektorganisation bekommen; ebenso wie zu allen Blaupausen der technologisch hervorragend aufgestellten Schmiede, die durch Managementversäumnisse und zu schnelle Expansion in eine Schieflage geraten war. - Auch die Russen sind stark interessiert, an deutschem Maschinenbau-Know-how. Zu was sie fähig sind, haben sie gerade mit dem Einstieg bei Magna bewiesen.

Wie bewerten Sie den Einstieg von Investoren aus Wachstumsmärkten in den deutschen Mittelstand?

Zimmermann: Wir sollten hier deshalb weder von einer Gefahr noch von einem Glücksfall für den deutschen Mittelstand reden. Viele Mittelständler haben das Problem, dass Sie Unternehmer geführt sind, aber keinen Nachfolger haben. Oder dass ihnen die finanzielle Ausstattung fehlt, um den Sprung in die Globalisierung aus eigener Kraft zu schaffen und sich so neue Märkte zu erschließen. Der Druck auf die Industrie, Innovationen zu bringen und in jedem Segment möglichst die Nummer 1 zu sein, wird höher denn je. Denn bei den Kostenstrukturen sind wir häufig nicht konkurrenzfähig. Die Gefahr, dass Inder, Chinesen und Russen sich hier nur Know-how einkaufen, und dann die Produktion in Deutschland schließen, sehe ich nicht. Deutschland wird - zumindest für hochkomplexe Nischenprodukte - ein sehr guter Produktionsstandort bleiben.

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