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Citroen AC4

Eine kleine Affäre

Foto: Hardy Mutschler 31 Bilder

Mancher glaubt, es brauche Großes, um Freude zu erfahren. Dabei kann ein simpler Citroën völlig genügen, wie der Schweizer Hansueli Streit bezeugt: Er genießt seinen restaurierten AC4 bei Ausflügen rund um den Zürichsee.

10.12.2007 Thomas Wirth Powered by

Seine alte Heimat hat keine Spuren hinterlassen. Wem mag der Citroën damals, vor nun fast 80 Jahren, gehört haben? Wer mag 1930 bei der ersten Fahrt hinter diesem Lenkrad gesessen haben? Vielleicht führte sie durch blühenden Lavendel und bis hinunter zum gleißenden Mittelmeer.

Niemand kennt mehr diese Geschichten. Die Zeit hat sie absorbiert. Fest steht nur, dass irgendwann - vermutlich vor rund einem Vierteljahrhundert - das Schicksal die Citroën-Limousine in die Schweiz gespült hat. Vermutlich hatte ein Liebhaber alter Dinge den Wagen aufgespürt und mit nach Hause genommen.

Der Eigner und sein AC4: Gesehen und verliebt

In seinem neuen Domizil erwartete den alten Citroën wenig Bewegendes. Vergessen und verstaubt stand er in einer Halle, als ihn sein heutiger Besitzer vor vier Jahren entdeckte. Hansueli Streit war damals bereits alten Citroën verfallen: In seinem Dorf fuhr lange Jahre ein sehr mäßig erhaltener Traction Avant. Als das Radmodell eines Tages zu verkaufen war, griff er zu und restaurierte den Wagen.

Er hat ihn heute noch, neben einem Ford-Traktor 8N aus dem Jahr 1948. Nach und nach stieg Hansueli Streit in die Geschichte der Marke Citroën ein, und was ihn besonders reizte, war etwas richtig Altes. Vorkrieg sollte es sein. Ein Kamerad des schweizerischen Traction Avant-Clubs wusste von dem verlassenen AC4. Hansueli Streit sah den gestrandeten Südfranzosen, der zum Teil bereits demontiert war: "Ich habe mich gleich verliebt", erinnert er sich.

Optimistische Einschätzung des Fundes

Dass der Wagen eine gute Basis bot, hatte der 46-jährige gelernte Landmaschinenmechaniker aus Riedikon umgehend erkannt. Der heute kompakt wirkende Citroën, der einst als großzügig dimensionierte Limousine galt, schien weitestgehend komplett zu sein. Zudem wies die Karosserie kaum Rost auf. Und die Technik? Einen versierten Schrauber sollte sie vor keine unlösbaren Probleme stellen.

Am 27. Dezember 2003, Hansueli Streit hat den Termin exakt festgehalten, rollte das Projekt AC4 in seine Doppelgarage. "Es ist ideal, die Werkstatt direkt am Haus zu haben - ich konnte am Citroën arbeiten und hatte gleichzeitig die Kinder im Blick."

Die erste Aufgabe, der er sich stellte, war ein Probelauf des Motors. Schlecht sah die Mechanik nicht aus, die Kurbelwelle ließ sich leicht drehen, die Kolben schienen frei zu sein. Hansueli Streit hatte das Öl gewechselt, dann füllte er Wasser in den Kühler. Noch während er die Kanne hielt, sprudelte es aus dem Guss in alle Richtungen - "überall hatte der Kopf Risse." Vermutlich hatte nie jemand darauf geachtet, den Import aus dem milden Südfrankreich auf alpines Klima vorzubereiten. Das Wasser sprengte sich seinen Weg.

Motor läuft - trotz perforiertem Zylinderkopf

Ein erster Rückschlag, noch bevor die Arbeiten begonnen hatten. Dennoch gelang ein Startversuch, nun ohne Wasser. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus, denn der 1,6 Liter große Vierzylinder gab sich müde, seine Kompression war miserabel.

Schnell fand Streit die Ursache heraus, nachdem er den rissigen Kopf demontiert hatte. Die Ventile hingen, zudem saßen sie nicht mehr bündig auf ihren Sitzen. Hansueli Streit zerlegte die Mechanik komplett. Grundlegende Defekte fand er bei der acht Jahrzehnte alten Technik kaum: Selbst die Weißmetalllager gaben keinen Anlass zur Sorge.

Was nötig war, ging er jedoch an. So hat er die Ventile geschliffen und wieder montiert. Als Ersatz für den rissigen Kopf griff er zu einem gebrauchten Teil, bei dem er die Ventilsitze neu fräste. Passende Zylinderkopfdichtungen halten französische Ersatzteilspezialisten bereit - es gibt für den AC4 erstaunlich vieles ab Lager.

Mit Grips und ungewöhnlichen Lösungen optimiert

Der Motor lief nun ruhig. Im Leerlauf klang er zufrieden, nur Gas mochte er nicht annehmen. Dann knallte und patschte es aus dem Zenith-Steigstromvergaser; Hansueli Streit tippte auf die Düsen. Weil er weder deren korrektes Maß kannte noch einen Vorrat passender Düsen besaß, blieb nur das Experimentieren: Er bohrte die vorhandenen Düsen, dort schnitt er ein Gewinde ein. So entstand ein Adapter, der moderne Standarddüsen aus dem Hydraulikbereich aufnehmen konnte. Dieses modulare System erlaubte ihm ein schrittweises Optimieren.

Überschaubare Arbeit hielten die restlichen mechanischen Komponenten bereit. Dem Getriebe spendierte Hansueli Streit einige neue Zahnräder. Es erhielt zudem, wie auch das Differenzial, neue Lager. Dabei wählt der Mechaniker stets abgedichtete Exemplare, denn "sie halten das Öl gut zurück." Die Karosserie des Citroën, schon durchgehend aus Stahl gebaut, bereitete wenig Sorgen. "Sie muss stets sehr trocken gestanden haben", sagt Hansueli Streit. Sein alter Ford-Traktor schleppte den AC4-Aufbau quer durch Riedikon zu einem Karosseriebauer.

Die Haut macht wenig Probleme

Dessen Diagnose fiel erfreulich aus: mürbe Trittbretter und ein geschwächter Dacheinsatz - sehr überschaubar. Wenig Arbeit für den Profi, der die Limousine dann im klassischen Rot- Schwarz-Schema spritzte, das sich Hansueli Streit mit seiner Familie aus alten Citroën- Büchern herausgedeutet hatte. In der Zwischenzeit kümmerte sich Hansueli Streit um das Chassis, unterstützt von seinen Kindern Seraina (damals 10) und Benjamin (12).

Nach rund zweieinhalb Jahren, in denen Streit ungezählte Feierabende und ganze Urlaubswochen mit seinem Projekt verbracht hatte, stand die erste Probefahrt des frisch montierten AC4 an. "Dieser Moment war für mich eine riesige Freude." Stramm marschiert der alte Citroën heute an Sommerabenden Richtung Zürichsee. Rund 1.500 Kilometer ist die Familie in dieser ersten Saison mit ihrem AC4 gefahren, völlig problemlos. Die überholten Seilzugbremsen arbeiten, unterstützt vom originalen Bremsservo, gut und zuverlässig. Der alte Kühler - nur gereinigt und gespült - kennt keine Hitzeprobleme.

Inzwischen verbringt Hansueli Streit seine Feierabende erneut in der Werkstatt. Als Ersatzteilspender hatte er noch einen zweiten AC4 gekauft, einen Pick-up. Jetzt arbeitet er am rostigen Rahmen. "Es wäre doch eine Schande", schmunzelt er, "diesen Wagen ohne Not aufzugeben."

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