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Autos, die man nicht vergisst (28) - Citroen Dyane

Die Ente auf Bauhaus-Art

Citroen Dyane Foto: Archiv 5 Bilder

An die Citroen Dyane erinnert sich Klaus Westrup, der seit über 40 Jahren für auto motor und sport schreibt: Der 2CV ist männlich, und nun, 1967, bekommt er eine Schwester - die Dyane. Von Citroën erwartete man in jenen Jahren keine normalen Autos, sondern eher Verschrobenheiten auf dünnen Michelin X-Reifen.

17.09.2010 Klaus Westrup Powered by

Die Citroen Dyane, das neue Modell, in der Überschrift des Testberichts als "Unikum" tituliert, folgt dieser Firmenlogik. Nur nicht so aussehen wie die anderen, nur nicht so sein wie die Masse. Was ist geschehen?

Unterm Blech bleibt alles beim Alten

Um Kosten zu sparen, ist die Citroen Dyane technisch bis ins Detail ein Deux Chevaux geblieben, der sich bis zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahrzehnte wacker behauptet und sich bereits auf dem Weg zum Kultstatus befindet. Doch mit der ganz neuen Karosse, die wie beim 2 CV auf einem Plattformrahmen ruht, ist der optische Auftritt völlig anders. Die unverwechselbare 2 CV-Kontur bleibt zwar wie erwünscht erhalten, doch integrierte Scheinwerfer, der Abbau der Rundungen im Kotflügelbereich und eine größere Front- und Heckscheibe sorgen für die gewünschte stilistische Differenz.

Was bei der Citroen Dyane unten heraushängt und sich vor allem bei schneller Kurvenfahrt in spektakulärer Offenheit präsentiert, ist wieder Original-2 CV - lange Schwingarme, längs liegende Stoßdämpfer, ein schlichtes Felgendesign, das mit dem 2 CV 41 Produktionsjahre überdauern wird und nebenbei den Beweis liefert, dass drei Muttern pro Rad genügen.

Das Rolldach ist geblieben, gottseidank. Die Citroen Dyane ist eine leibhaftige Cabrio-Limousine. Vier Türen sind serienmäßig, wie beim ärmlicher wirkenden Bruder, ebenso die mattenartigen Sitze. Die originellen, aber gar nicht so unpraktischen Klappfenster wichen einer Schiebekonstruktion, innen gibt es neben dem neu gestylten Instrumentenbrett zwei effiziente und gut regulierbare Belüftungsklappen. Das Einspeichen-Lenkrad liegt ebenso flach wie im 2 CV, die Sitzposition ist entspannt.

Zahlenspiele: 425 ccm, 18 PS und 30 Nm, 596 kg und 314 kg Zuladung 

Der Motor startet mit dem charakteristischen Anlasserwimmern, und nun ist man eher gespannt. Citroën hat die Dyane zunächst ausschließlich mit einem nur 18 PS leistenden Zweizylinder-Boxermotor versehen. Es ist die letzte Ausbaustufe des alten, 425 Kubikzentimeter messenden Triebwerks, das den 2 CV seit Mitte der fünfziger Jahre mühsam vorantreibt. 18 PS! Schon für ein Motorrad ist das damals nicht besonders viel, und die Dyane ist eine erwachsene Limousine, knapp 3,90 Meter lang, kein zwergenhafter Kümmerling.
 
Die Waage zeigt voll getankt genau 596 Kilogramm, aus heutiger Sicht erstaunlich wenig für einen geräumigen Viertürer, andererseits sehr viel für den kleinen luftgekühlten Boxer hinter der vorderen Stoßstange, der es gerade mal auf 30 Newtonmeter Drehmoment bringt. Immerhin 314 Kilogramm darf man insgesamt zuladen, bei den Messfahrten sind, wie üblich, nur zwei Personen an Bord und ein paar Instrumente. Der Tank ist randvoll - 20 Liter Normalbenzin, auch das wiegt. Das schnatternde Triebwerk der Citroen Dyane  mit den schräg hängenden, stoßstangengesteuerten Ventilen besitzt zwecks besseren Rundlaufs ein großes Schwungrad, das dem Fahrer für kurze Sequenzen mehr Temperament vortäuscht, als tatsächlich vorhanden ist. Die Schwungmasse erreicht sogar ein ganz kurzes Durchdrehen der Antriebsräder, wenn bei Tempo 20 mit voller Drehzahl vom ersten auf den zweiten Gang geschaltet wird.

Ein kurzer Reifen-Kiekser erklingt, dann wirft sich die Citroen Dyane mit der geballten Kraft einer NSU Max erneut nach vorn, hat nach sieben Sekunden die Tempo-40-Marke geknackt, kommt in 15 Sekunden auf 60 und in 34 auf 80 km/h. Nun schiebt man den markentypischen Schalthebel am Instrumentenbrett noch einmal elegant nach vorn, hinein in Stufe vier. Trotz der geringen Motorleistung haben die Citroën-Techniker dieser obersten Fahrstufe ausgeprägten Schongang-Charakter verliehen. Tempozuwachs findet jetzt nur noch mäßig bei absolut ebener Bahn statt, besser ist natürlich ein Gefälle. Wehe, es tun sich umgekehrt Steigungsprozente auf. Noch längst bevor sie der Dyane-Besatzung ersichtlich sind, sinkt die Drehzahl hörbar ab, höchste Zeit, den voluminösen schwarzen Schaltknauf wieder in die Hand zu nehmen. 

Verbrauch: 4,5 Liter minimal und sechs Liter im Mittel

Die 100 km/h-Marke verfehlt der Testwagen, lässt es mit einer Höchstgeschwindigkeiten von 94 km/h gut sein. Wenn die Topographie es erlaubt, darf dies ruhig über Stunden geschehen. Der kleine, vibrationsarm laufende Boxer mit dem eigenwilligen akustischen Timbre schont sich sozusagen selbst, dreht bei Höchstgeschwindigkeit nur 4.000 Touren. Man kommt an mit der  Citroen Dyane, aber es dauert. Immerhin bescheinigt der alte Test dem neuen Citroën Landstraßen- Durchschnitte von 60 oder gar 65 km/h, und die Verbrauchswerte zeigen, dass der Benzinverbrauch auch nach heutigen Maßstäben gering ist. Schon mit viereinhalb Litern pro 100 Kilometer lässt sich das skurrile, hoch bauende Gefährt betreiben - im Testmittel sind es knapp über sechs.

Auch im Federungskomfort können die Kleinwagen von heute der Citroen Dyane nichts vormachen. Selbst gröbste Unebenheiten haben nur ein sanftes, von Liebhabern der Marke äußerst geschätztes Wiegen des Aufbaus zur Folge. Die Langstreckentauglichkeit ergibt sich also nicht aus der Motorleistung, sondern aus einer in dieser Klasse unerreichten Federungsgüte.
Bald darf es auch ein bisschen mehr Motorleistung sein. Der 602 Kubikzentimeter große Zweizylinder aus dem nicht minder absonderlichen Ami 6 stellt bereits 24,5 PS zur Verfügung. Doch bei einem Vergleichstest Ende der Sechziger mit den Konkurrenten Renault R 4, Fiat 850, Honda N 360 und Mini 850 fährt auch der erstarkte Citroën weit hinterher.

Nach 1,5 Millionen Dyane ist Schluss

Man muss noch das Jahr 1970 abwarten, bis der inzwischen eins zu neun verdichtete  Citroen Dyane-Motor einen wahren Leistungssatz nach vorn macht. Nicht weniger als 32 PS zerren nun an den schmalen Vorderrädern, Scheibenbremsen vorn und Automatikgurte gibt es erst 1978. Nun braucht man nicht mehr 33 Sekunden auf Tempo 80, sondern nur noch 16. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 117 km/h - der VW Käfer kann ruhig kommen. 1983, nach 16 Produktionsjahren und fast 1,5 Millionen gebauten Exemplaren, kommt das Aus für die Dyane - jenen formal geglätteten Deux Chevaux, der eigentlich dazu ausersehen war, die berühmte Ente einmal abzulösen. Es ist ein stiller und sanfter Abgang, die wahren 2 CV-Freaks haben das formal verwässerte Original ohnehin nie gemocht. 

Auch die Citroen Dyane fahrende Ehefrau muss sich 1983 von ihrem gepflegten, beigefarbenen Stück trennen. Dieser Abgang ist spektakulärer. Das Auto verbrennt einfach vor der Haustür, Ursache unbekannt. Was auf den Pflastersteinen des Stellplatzes bleibt, sind Reste des Hohlraumschutzes Dinol. Kurz vor dem Unglück ist die Dyane noch präpariert worden. Sie sollte ein langes und erfülltes Leben haben.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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