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Statt Hydropneumatik wie einst in der DS

Citroën mit neuer Fahrwerksrevolution

Citroen DS Foto: Citroen 46 Bilder

Was viele Citroën-Fans schon lange befürchteten, wird nun Gewissheit. Der französische Hersteller verabschiedet sich aus Kostengründen von der aufwändigen Hydropneumatik. Der C5 ist das letzte Citroën-Modell mit dieser Technik. 2017 wollen die Franzosen aber mit einer neuen, revolutionären Federungstechnik neu durchstarten.

08.06.2016 Uli Baumann, Kai Klauder 4 Kommentare

Der Aufschrei bei den Freunden der Marke war nach Bekanntwerden dieser Entscheidung Mitte des Jahres groß, denn damit fällt ein Alleinstellungsmerkmal von Citroën weg, das schon seit 60 Jahren für einen unerreichten Fahrkomfort sorgt. Die Hydropneumatik gehörte seit 1955 fest zum Programm, seit die göttliche DS diese besondere Art der Federung spendiert bekam - und ein sänftenartiges Schweben ermöglichte. Aber Citroën wäre nicht Citroën, wenn die Franzosen nicht eine neue, eigenwillige Technik in der Hinterhand hätten. Gegenüber dem britischen Magazin Autocar hat Citroën-Chefin Linda Jackson jetzt enthüllt, dass die Franzosen ab 2017 mit einer neuen, revolutionären Federungstechnik das Erbe der Hydropneumatik antreten werden.

Fahrwerkstechnik setzt auf hydraulische Endanschläge

Die neue Citroën-Federungstechnologie ist im Prinzip einfach und setzt auf eine herkömmliche Federung, bestehend aus einem Stoßdämpfer, einer Feder und einem mechanischen Anschlag, der zwei hydraulische Anschläge, die auf beiden Seiten für Druck und Zug sorgen, hinzufügt. Die Federung arbeitet also in zwei Etappen, je nach Beanspruchung:

  • Bei leichtem Druck haben Feder und Stoßdämpfer gemeinsam die vertikalen Bewegungen unter Kontrolle und benötigen die Hilfe der hydraulischen Anschläge nicht. Dennoch haben diese eine Funktion, da die Ingenieure einen größeren Federweg erzielen können.
  • Bei größerem Druck und stärkerer Entlastung arbeiten Feder und Anschlag gemeinsam mit dem hydraulischen Anschlag, der für Druck oder Zug zuständig ist. Im Gegensatz zu einem mechanischen Anschlag, der die Energie ganz absorbiert, aber nur zum Teil wiedergibt, absorbiert der hydraulische Anschlag die Energie und führt sie ab. Es gibt kein Phänomen der Rückfederung.

Die neue Fahrwerkstechnologie soll in allen Segmenten und auf allen Märkten angeboten werden – von den Stadtautos bis zu den hochwertigeren Modellen. Zudem soll die neue Federungstechnik als Alleinstellungsmerkmal exklusiv Citroën-Modellen vorbehalten bleiben, in anderen PSA-Modellen soll sie nicht zum Einsatz kommen.

Kugeln statt Federn - sanftes Schweben dank Hydropneumatik

Ein kurzer Rückblick auf die Hydropneumatik: Die Hydropneumatik kombiniert, kurz gesagt, wie der Name schon sagt, ein hydraulisches System für die Dämpfung mit einem pneumatischen für die Federung. Kern des Hydropneumatik-Systems sind mit Stickstoff gefüllte "Federkugeln" die an das hydraulische System angeschlossen sind. Je nach Fahrbahnzustand und Grad der Einfederung wird über das hydraulische System mehr oder weniger Druck auf die Stickstofffüllung ausgeübt.

Hydraulikflüssigkeit und Stickstoff sind durch eine Membran voneinander getrennt. Je nach Radposition und Komprimierung des Systems wird somit mal mehr und mal weniger Hydraulikflüssigkeit benötigt, um das Fahrzeugniveau immer gleich zu halten und den Fahrbahnzustand auszugleichen. Dies stellt eine Hochdruckpumpe sicher.

Überlegenes Fahrwerk und Zentralhydraulik

Die Hydropneumatik ist dem sonst üblichen System aus Federn und Dämpfern überlegen - je nach Druck kann die Wagenhöhe variiert werden - somit ist eine Niveauregulierung schon serienmäßig an Bord. Das Fahrverhalten ist sänftenmäßig und mit konventionellen Systemen schwer zu erreichen.

Zudem nutzt Citroën das vorhandene hydraulische Drucksystem auch gleich noch für die Servounterstützung der Lenkung sowie das Bremssystem. Das erhöht zwar die Komplexität der Hydropneumatik, bedeutet aber eine Reduzierung der Bauteile - Servopumpe und Bremskraftverstärker fallen zum Beispiel weg.

So anfällig, wie oft behauptet, ist die Hydropneumatik übrigens nicht. Meist verrichtet sie jahrelang ohne größere Eingriffe außerhalb der regulären Wartung ihren Dienst. Selbst einen Druckverlust durch ein Leck im System kann die Hydropneumatik zeitweise ausgleichen. Auch die Unterhaltskosten sind durch einen leicht erhöhten Wartungsaufwand nur geringfügig höher. Für Gebrauchtwagenkäufer entscheidend ist hier der Pflegezustand des Wagens.

Hydropneumatik rettete Charles de-Gaulle das Leben

Ein dramatisches Ereignis bewies die Qualitäten der Hydropneumatik. Als am 22. August 1962 in Petit-Clamart ein Attentat auf den damaligen französischen Präsidenten Charles de-Gaulles verübt wurde, konnte der dank seiner Citroën DS trotz eines zerschossenen Hinterreifens fliehen - die Hydropneumatik hielt den Wagen sicher auf der Fahrbahn und glich permanent das Niveau der drei Räder aus.

Mercedes und Rolls-Royce als Lizenznehmer

Die Vorteile der Hydropneumatik haben auch die Mitbewerber erkannt. Gerade die Luxuswagenhersteller überzeugten sich schnell von dem Komfortgewinn gegenüber einem konventionellen Fahrwerk. So waren Rolls-Royce/Bentley und Mercedes Benz Lizenznehmer von Citroën.

Sie nutzten in ihren Luxusmodellen Rolls-Royce Silver Shadow, Bentley T1 und T2 bzw. Mercedes W116 (450 SEL 6.9) und W126 allerdings die Hydropneumatik nur für das Fahrwerk und die Niveauregulierung - an die Kombination mit Lenkung und Bremsen trauten sie sich nicht heran.

Hydropneumatik aktuell nur noch in einem Modell

Aktuell gibt es die Hydropneumatik nur noch im Citroën C5, doch auf dem Gebrauchtmarkt gibt es viele bewährte Citroën, die mit dem einzigartigen Fahrwerk unterwegs sind. Hier sind alle Citroën mit Hydropneumatik:

  • 15CV (nur an der Hinterachse)
  • Typ H (nur an der Hinterachse)
  • DS / ID
  • SM
  • GS / GSA
  • M35 (Kleinserie mit Wankelmotor)
  • CX
  • BX
  • XM ("Hydractiv" - erstmals mit elektronischer Steuerung)
  • Xantia
  • C5 (erstmals mit einer elektrischen statt einer vom Motor angetriebenen Pumpe)
  • C6
Neuester Kommentar

Mercedes bietet natürlich nicht erst seit kurzem in der C-Klasse eine Luftfederung an, sondern schon seit vielen Jahren (und laut Artikel im W116 und W126 sogar als Lizenz der Hydropneumatik von Citroën) und ist auch längst nicht der einzige Hersteller. Audi, BMW, Rover und andere haben sie längst zumindest in ihrer Aufpreisliste. Citroëns aufwendige Kombination aus Pneumatik und Hydraulik blieb aber immer eine Klasse für sich - solange man nicht auf hohe Kurvengeschwindigkeiten aus ist. Und natürlich ist es teurer, wenn man mit seiner Technologie alleine darsteht, es fehlen die Stückzahlen.
Auf die "Fahrwerksrevolution" bin ich gespannt. Nachdem sich die französischen Autobauer m.W. nie an adaptive Fahrwerkslösungen herangetraut haben, ist Ihnen zu wünschen, dass sie mit ihren hydraulisch entschärften Anschlägen einen erneuten technologischen Coup landen. Laut der französischen Presse verstehe ich das System so, dass durch die "zwischengeschalteten" hydraulischen Anschläge die kurzen und harten Schläge der mechanischen Anschläge deutlich abgeschwächt werden. Für die Frankophonen unter den ams-Lesern: http://effectifreduit.blogspot.de/2016/06/blabla-citroen-advanced-comfort-ou.html
Und wenn es mit der neuen französischen Revolution nicht klappt, muss ich mir wohl noch schnell einen C5 zulegen - oder einen gebrauchten C6..?

gecko62 11. August 2016, 15:53 Uhr
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