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Citroen Traction Avant von 1934

400.134 Kilometer in der Gangsterlimousine durch Frankreich

Foto: ams 9 Bilder

Mit selbsttragender Karosserie und Frontantrieb bildete der Citroën Traction Avant 1934 die Avantgarde. Was die Konstruktion zu leisten vermochte, bewies 1936 François Lecot: Er war in einem Jahr 400.134 Kilometer gefahren. auto motor und sport bewegt sich auf den Spuren der Vergangenheit.

28.04.2009 Powered by

Temperaturen um den Gefrierpunkt, bedeckter Himmel und leichter Schneefall: Es gibt bessere Tage, um ein 74 Jahre altes Auto aus dem Museum zu fahren. Doch als François Lecot am 22. Juli 1935 den Zündschlüssel drehte und den Startknopf zog, war dem Hotelier wohl bewusst, dass auch er keine Rücksicht auf die Unbilden der Natur nehmen konnte.

Täglich 1.200 Kilometer im Citroën Traction Avant 11 AL

Vor ihm lag eine wahre Herkules-Aufgabe: 400.000 Kilometer wollte er im Citroën Traction Avant 11 AL zurücklegen - in nur einem Jahr. Um dieses Ziel zu schaffen, musste er täglich rund 1.200 Kilometer bewältigen. 65 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit und nie mehr als Tempo 90 auf dem Tacho machten es möglich. Angesichts des damaligen Straßennetzes eine bemerkenswerte Leistung. Zumal Lecot Wert darauf legte, im eigenen Bett in Lyon zu nächtigen. Folglich führte seine tägliche Fahrt abwechselnd von Lyon nach Paris und retour oder nach Monte Carlo.

Nur vier Stunden Schlaf genehmigte sich der Hotelier, plus ein Nickerchen von exakt zwei Minuten unterwegs. Bald war die schwarze Limousine mit den weißen Sponsoren-Beschriftungen und der Trikolore auf den Türen weithin bekannt. Die Menschen entlang den Routes Nationales sechs und sieben konnten ihre Uhren nach Lecot stellen. Unterbrochen wurde die Routine nur durch die Teilnahme an der Rallye Monte Carlo, die 1936 in Portugal startete, sowie einige Trips nach Berlin, Brüssel, Amsterdam, Turin, Rom, Madrid und Wien.

Der Rekordwagen ging verloren

Am 26. Juli 1936 stand der Kilometerzähler bei 400.134, die Rekordfahrt war zu Ende und der Beweis für die Haltbarkeit des später als Gangster-Limousine berühmt gewordenen Traction Avant erbracht. Außer ein paar mechanischen Defekten und zwei Unfällen war der Marathon reibungslos verlaufen. Der Rekordwagen wäre ein Fall fürs Museum, doch in den Kriegswirren ging er verloren. 

Das Musée Henri Malatre stellt eine Replica aus

Deshalb ist der Citroën Traction Avant Typ 11 AL in der Halle des Musée Henri Malatre im Lyoner Stadtteil Rochetaillée-sur-Saône, das anno 1935 auch Wohnort Lecots war, nur eine Replica. Immerhin gleicht sie dem Original bis ins Detail, sogar das Baujahr 1935 stimmt, nur der Kilometerstand ist deutlich geringer. Wie viel, das lässt sich angesichts des defekten Zählers der Art- Déco-Instrumentierung nicht feststellen. Der Rest der Technik aber ist tadellos.

Bevor wir mit dem schwarzen Citroën Traction Avant Citroën auf Tour gehen, müssen die beiden Museumsangestellten kaum mehr als den Luftdruck der Reifen checken. Mit seinem raumsparenden Vorderradantrieb, selbsttragender Karosserie und hydraulischen Trommelbremsen war der Citroën 1934 eine Sensation. Bis heute gilt er unter Kennern als das Auto der dreißiger Jahre, das sich auch nach modernem Verständnis problemlos bewegen lässt. Probieren wir es aus. Zuerst das Startritual: Zündschlüssel drehen, Choke ziehen und Anlasser betätigen. Der 1.911 Kubikzentimeter große Vierzylinder springt sofort an, das Auto vibriert nur leicht. Dass das 46 PS starke Triebwerk schwimmend auf Kautschukblöcken gelagert ist, macht sich bemerkbar.

Der Tritt auf die Kupplung erfordert Kraft

Die beiden Blechdeckel der links und rechts im schwarzen Instrumententräger eingelassenen Handschuhfächer sirren metallisch - die ursprünglich angebrachten Dichtungen am Deckel fehlen. Ansonsten gibt es nicht viel, was kaputt gehen könnte. Der Tritt auf die Kupplung erfordert von einer auf aktuelle Autos geeichten Wade ungewohnte Kraft. Offenbar lebten die Franzosen in den Dreißigern zudem auf deutlich kleinerem Fuß. Um das Pedal richtig zu treffen, muss der Fuß seitlich abgewinkelt werden.

Mit dem nach rechts unten gebogenen Schalthebel nun vorsichtig den ersten, nicht synchronisierten Gang einlegen, Kupplung kommen lassen, Gas geben. Der Traction Avant rollt. Beschleunigen, nun kommt der Gangwechsel. Einfach langsam und bedächtig schalten, dann brauche es auch kein Zwischengas, meinte der Museumsangestellte bei der Einweisung. Und tatsächlich: Der Hebel bewegt sich ohne Protest der Mechanik in die gewünschte Position, die Zahnräder packen geräuschlos ineinander. Gas geben, und weiter geht es.

Lenkrad im Format einer Familien-Pizza

Die schwarze Limousine fährt sich erstaunlich kultiviert. Sicher, von Federungskomfort nach heutigen Maßstäben kann kaum die Rede sein. Doch immerhin verfügt der Citroën über Einzelradaufhängung vorn und eine drehstabgefederte Starrachse hinten. Das Lenkrad im Format einer Familien-Pizza hilft nur vage, den Wagen auf Kurs zu halten. Das ausgeprägte Spiel animiert zum ständigen Schaukeln am Volant. Schon nach wenigen Metern hat man sich eingewöhnt. Selbst der dichte morgendliche Berufsverkehr entlang des Flüsschens Saône verliert am Steuer des Oldtimers schnell seinen Schrecken. Zumal ihm die anderen Autofahrer mit Respekt begegnen. Und das ist auch besser so, denn wie alltagstauglich der Citroën Traction Avantmit seinen für die damalige Zeit sensationellen Fahr- und Bremseigenschaften auch sein mag: Wer verzögern will, muss mangels eines elektronischen Bremskraftverstärkers energisch zutreten.

Dick vermummt unterwegs im Citroën Traction Avant

Und beim Halten an Steigungen sollte dieser Druck aufs Pedal tunlichst beibehalten werden. Das winterliche Schmuddelwetter offenbart noch einen weiteren Entwicklungssprung seit 1935: Die Scheibenwischer des Traction Avant - zu betätigen über einen störrischen Knopf über dem Rückspiegel - bewegen sich nur unter Protest. Bald lassen wir die Wassertropfen, wo sie sind. Immerhin sorgt die horizontal geteilte Frontscheibe dank einem konstanten kühlen Luftstrom für eine beschlagfreie Sicht nach draußen. Dass mit der Luft auch feinste Regentröpfchen über die Gesichter der Insassen verteilt werden, sollte man gelassen nehmen. Wir sitzen ohnehin dick vermummt auf den bequemen Sitzen, denn gegen den Luftzug hat die Heizung keine Chance.

Unterwegs kommt es einem immer wieder so vor, als ob die Fenster geöffnet sind. Die Geräuschdämmung ist im Vergleich zu heutigen Autos äußerst gering. Parlierende Passanten an der Ampel sind erstaunlich gut zu verstehen. Doch genug vom Stadtverkehr, hinaus auf die Landstraße - dorthin, wo Lecot seine Kilometer abspulte. Hier ist das Auto in seinem Element. Der Citroën rollt beschwingt über die kurvigen Straßen, und wer den Oldie nicht hetzt, erlebt ein entspanntes Fahrgefühl, das auch das Wetter nicht mindern kann. Es müssen ja nicht unbedingt 1.200 Kilometer am Tag und 400.000 im Jahr sein.

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