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Claus Friedrich Mirbach

"Früher zählte das Auto, heute seine Geschichte"

Porträt - Claus Friedrich Mirbach Foto: 7 Bilder

Claus Friedrich Mirbach gilt als Deutschlands Nummer 1 unter den Oldtimer-Händlern. Der honorige Hanseat erzählt in Motor Klassik zum ersten Mal, wie alles anfing – und wie es dann weiter ging.

14.01.2007 Malte Jürgens Powered by

Wer Träume verkauft, dem bleiben bisweilen auch traumatische Erlebnisse nicht erspart. Claus Friedrich Mirbach, Jahrgang 1937,macht da keine Ausnahme. Der Mann, der seit 1958 im Oldtimer- Handel tätig ist und dessen Name heute längst als Deutschlands Nummer eins in der Branche gilt, erinnert sich zum Beispiel nur ungern an einen ganz speziellen Anruf vor gut 30 Jahren.

Es war ein grau verhangener Tag, und aus dem Hörer schnarrte die Stimme des jungen Hamburger Verlegers, dem Mirbach gerade einen fast neuen Porsche Carrera RS in die Hand gegeben hatte: "Herr Mirbach, ich habe da eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte zuerst: Ich habe den RS mit 240 km/h in einen Stau gesetzt. Und jetzt die gute: Im Handschuhfach lag eine Police, die sagt, dass der Vorbesitzer beim Gerling-Konzern eine gerade noch gültige Vollkasko- Versicherung hat."

Zu diesem Zeitpunkt war Mirbach schon 25 Jahre lang im Geschäft. Geträumt von so einem Job hatte der Sohn eines Hamburger Bauunternehmers allerdings viel länger.

Alte, besondere, schöne, teure und immer sehr individuelle Autos gingen dem Hanseaten seit 1945 nicht mehr aus dem Kopf: "Damals stand ich als neunjähriger Knabe hinter dem Zaun und machte große Augen, als die amerikanischen Sieger mit ihren riesigen V8 und den Beute-Autos vom Schlage Horch, Mercedes oder Wanderer vorbeifuhren. Und ich habe immer davon geträumt, selbst mal in so einem Auto zu sitzen."

Nach der Schule in die Lehre

Das dauert allerdings noch eine Weile. An die Schule schließt sich eine kaufmännische Lehre an. Mirbach wird Junior-Verkäufer bei einem Hamburger Opel-Händler - und trifft oft den richtigen Ton gerade bei prominenten Kunden. 1957 verkauft er sein erstes Auto an den berühmten Band-Leader James Last. Er selbst begnügt sich mit einem betagten P4. Das Geld für einen neuen Rekord fehlt.

1959, bei einer Mittelmeer- Reise, gräbt Mirbach in Südfrankreich auf einem Schrottplatz nahe Cannes zusammen mit einem Freund unter MG und Delahaye einen Bugatti aus:"Keine Ahnung mehr,welches Modell. Aber er lief nach ein bisschen Basteln wirklich prima. Für 500 Mark gehörte er uns, und dann dampften wir ab nach Hamburg damit."

Die zunehmenden Geschäfte mit den alten Autos hatten schon in die Selbständigkeit geführt – und zu Kreditgebern. Die erste Frage der misstrauischen Banker lautet: "Kriegen wir unser Geld auch wieder?" "Na klar", sagt der Jungunternehmer - und führt ein Auto aus seinem Pool vor.


"Der Sitz bricht durch das verrostete Bodenblech"

Mirbach grinst: "Ich setze mich also in das 356 Cabrio rein, lehne mich nach hinten, und da bricht der Sitz durch das verrostete Bodenblech. Doch geistesgegenwärtig war ich schon immer. Der hat sogar Liegesitze, habe ich den Bankern ganz ruhig erklärt, und danach gab es zum Glück keine Fragen mehr."

Die ersten Kunden sind junge Anwälte, manchmal Schauspieler, zum Beispiel Bernhard Minetti. Mirbach: "1963 beantragte ich meinen ersten Gewerbeschein und begann, neben meinem normalen Angestellten-Job schon gebrauchte Porsche und Käfer in die USA zu verkaufen."

Das Geheimnis des Aufstiegs? Die Beschaffung der Handelsware. Mirbach: "Ich leistete mir damals in Hamburg bereits ein Funktelefon, und das kostete allein so viel wie ein ganzes Auto. Sobald eine neue Zeitung mit Annoncen erschien, wurde ich per Telefon informiert und war oft zuerst beim Verkäufer."

Komisches Auto mit seltsamen Türen

Es blieb nicht bei gebrauchten Käfern. Mirbach: "Mein erstes großes Ding war ein Auto, das als 300er unter Mercedes annonciert war. Ich dachte, es sei ein Adenauer, aber mein Vater sagte, es handle sich um ein komisches Auto mit seltsamen Türen. Es war ein SL, der wegen Ölverdünnung nicht mehr lief. Ich handelte ihn auf 4.000 Mark runter, tauschte die Membranen der Einspritzanlage aus, und dann lief der Flügeltürer wunderbar. In dem fuhr ich zum ersten Mal 200 km/h."

Der SL wird für 33.000 Mark annonciert, ein Hamburger beißt an - und kommt mit einem Koffer voller Bargeld. Leider nur 30.000 Mark. Mirbach einigt sich mit ihm: "Der hatte den ersten Samsonite-Koffer in Hamburg. Und da habe ich gesagt, das Geld und der Koffer bleiben hier."

1974 schlägt die Ölkrise durch. Der Oldtimer-Handel läuft gebremst. Mirbachs Maxime aber bleibt: "Alle von mir verkauften Autos mussten aus Erst- oder Zweitbesitz sein. So hatte ich immer gute, unverbastelte Qualität im Angebot." Und noch einem Leitsatz blieb Mirbach treu: "Nie mehr Sammler-Autos aus den USA. Mit diesen Show-Restaurierungen bin ich ein paar Mal ziemlich reingefallen."

1989 riskiert Mirbach einen Seitensprung

1987 wendet sich das Blatt. Ein junger Kunde aus Bremerhaven interessiert sich für einen Mercedes 450 SEL mit 6,3-Liter-Motor. Als er hört, dass Mirbach sich aus dem Geschäft zurückziehen will, macht er ihm ein Angebot. Stefan Luftschitz übernimmt den Traditionsbetrieb. Seit 17 Jahren floriert er nun unter neuer Führung, inzwischen mit einer bayerischen Dependance in Beuerberg bei Riedering am Simssee.

1989 riskiert Mirbach einen Seitensprung und versorgt, aus dem von ihm gekauften alten Güterbahnhof in Mölln heraus, die neuen Bundesländer im großen Stil mit Lada: "Das Bargeld konnten wir an manchen Tagen gar nicht mehr zählen. Wir wussten nicht, ob 50.000 oder 70.000 Mark in den Plastiktüten waren, die wir täglich zur Bank schleppten."

Irgendwann lässt der Boom nach, und der Autohandel verliert selbst für einen Mirbach an Faszination. Er verkauft den Standort Mölln an die Mitarbeiter und beschließt, fortan zu segeln. Ein alter Holzkutter, mit 16 Tonnen Verdrängung und 13 Meter Länge, wird zur schwimmenden Heimat. Doch eine alte Liebe ist kein Oldtimer: Sie rostet nicht. So kommt es, dass Mirbach heute wieder zwei Tage in der Woche für den neuen Patron Luftschitz arbeitet – seine Kontakte sind so leicht nicht zu überbieten.

Die Rückschau auf 46 Jahre Oldtimer-Handel macht den Senior inzwischen nachdenklich: "Früher waren allein die Autos wichtig. Heute ist es deren Geschichte." Die Szene hat sich seiner Meinung nach deutlich verändert. Die Kunden sind viel sachkundiger als früher, eine Restaurierung führt fast schon Zum Wertverlust. Der originale Lack ist wichtig, der Zustand, und natürlich die Historie.

Der Mann, der selbst einen Smart und einen 15 Jahre alten Geländewagen fährt, gibt Oldtimern selbst in Zeiten einer Wirtschaftskrise eine ewige Chance: "Moderne Autos sind ziemlich langweilig, und Geld wird heute immer noch gedruckt. Aber diese wunderbaren alten Autos baut heute niemand mehr."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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