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Club-Slalom: So kommen Sie in den Motorsport

Die, die mit den Hütchen tanzen

Club-Slalom Foto: Frank Herzog 47 Bilder

Kein Fahrerlager, keine großen Auflieger, keine Berührungsängste. Im Slalomsport ist Motorsport noch so, wie er eigentlich sein sollte - eine kostengünstige Art richtig Spaß zu haben. Eine Geschichte von Männern, die ihren Traum vom Rennfahrerdasein fast jeden Sonntag verwirklichen.

21.11.2009 Bianca Leppert Powered by

Irgendwo in der schwäbischen Provinz. Ein mausgrauer Toyota Yaris steht inmitten sportlich getrimmter VW Polo GT. "Tschuldige, hast du vergessen die Reifen zu wechseln?", fragt ein junger Kerl die Besitzerin. "Hä, was hast du da für ein Fahrwerk drin?", fragt ein anderer und lacht. Sie entgegnet peinlich berührt: "Äh, also Serienreifen und Serienfahrwerk …" Betretenes Schweigen. Einige ziehen die Augenbrauen hoch, andere grinsen so breit, dass man ihnen Schadenfreude unterstellen könnte. Besagte Besitzerin dieses Toyota Yaris Baujahr 2005 mit knapp 90 PS - auch liebevoll "Reisschüssel" genannt - ist die Verfasserin dieses Beitrags.

Im Wissen, dass ein Yaris nicht gerade ein Renn-Monster ist, machte ich mich auf zu meinem ersten Club-Slalom. Und wurde wie ein Wesen von einem anderen Stern begrüßt. Auch wenn es beim Club-Slalom nicht so professionell wie in höheren Klassen zugeht, sind Sportreifen und ein spezielles Fahrwerk Standard.

Der Toyota Yaris neigt sich in jeder Kurve des Slaloms wie ein 2CV

Ein halbes Jahr später beim Club-Slalom auf dem Flugplatz in Schwäbisch Hall. Mittlerweile haben sich alle Teilnehmer der Einsteiger- Klasse G5 an den Exoten gewöhnt. Aus dem Spitznamen Reisschüssel wurde inzwischen Schaukelpferd - kein Wunder, der Yaris neigt sich in jeder Kurve wie ein Citroën 2CV. Ein Außenseiter ist der kleine Japaner deshalb aber keineswegs. Denn im Club-Slalom ist Motorsport noch ein Miteinander - ein Geben und Nehmen, ein Sport, bei dem es um den Spaß an der Freude geht. "Wenn einem mal das Auto stehenbleibt, dann findet sich immer jemand, der einen heimfährt", sagt Markus Fenz und lehnt sich dabei auf einem kleinen Parkplatz vor dem Flughafen an seinen VW Polo Coupé GT mit 75 PS.

Fast jeden Sonntag lässt der 27-Jährige seinen Polo zusammen mit den anderen Jungs in der Klasse G5 bei den Club-Slaloms des ADAC Württemberg um die Hütchen rum. "Eigentlich sind wir Konkurrenten, aber im Grunde genommen sind wir eine lockere Truppe, die viel Spaß hat." Einziger Wermutstropfen: Die Rennen um die wie Rundkurse abgesteckten Strecken finden meist sonntags um 10 Uhr statt - dann, wenn andere sich noch genüsslich in ihren Betten wälzen. "Aber Ausgehen ist trotzdem drin", meint Markus und grinst. "Außerdem hat man noch was vom Tag. Nach rund einer Stunde sind wir ja schon wieder fertig."

Kleiner Aufwand bringt großen Spaß

Meist sind die Veranstaltungen nicht mehr als eine Stunde von Stuttgart entfernt und auf Parkplätzen oder Verkehrsübungsplätzen angesiedelt. Eine Lizenz braucht es zur Teilnahme am Club-Slalom nicht, lediglich einen Clubsportausweis des ADAC, der mit 14 Euro für ADAC-Mitglieder und 25 Euro für Nicht-Mitglieder den Geldbeutel nicht sonderlich beansprucht. "Unsere Klasse ist wohl die kostengünstigste Art Motorsport zu betreiben", meint Markus und montiert mit dem Schraubenschlüssel ein Rad ab. Diese Prozedur steht ihm vor jedem Rennen bevor. Denn das "Brötchen-Hol-Auto" kann gleichzeitig auch das Einsatzauto im Slalom sein.

Vor Ort tauscht Markus lediglich die Straßen- gegen die Sportreifen. So bleiben auch die Reisekosten im Rahmen. Die Sportreifen kosten mit rund 700 bis 800 Euro nicht gerade ein Vermögen und halten eine Saison, die aus bis zu 20 Rennen besteht. Pro Veranstaltung werden zusätzlich 25 Euro Startgeld fällig. Alles in allem kommt die Club-Slalom-Saison auf rund 1.500 bis 2.000 Euro. Noch günstiger wird es, wenn man sich ein Auto teilt. So, wie Markus und seine Schwester Carmen. Die ist dieses Mal aber nicht dabei, Markus muss die Vorbereitung des Polo alleine stemmen.

Die Technische Abnahme vor dem Rennen ist Pflicht

Langsam macht sich Hektik breit. Es ist kurz nach neun Uhr. Bis um 9.30 Uhr müssen die Teilnehmer ihre Nennung abgegeben haben und die Autos bei der Technischen Abnahme gewesen sein. Markus kniet sich in den Dreck und pumpt mit einem Mini-Kompressor noch ein bisschen Luft in die Reifen. Gerhard Leidig, der aussieht wie die schwäbische Version des Force India-Teamchefs Vijay Mallya, wartet schon ungeduldig vor seinem weißen Bus. Davor steht ein provisorisches Pappschild mit der Aufschrift Technische Abnahme.

Leidig ist bei fast allen Club-Slaloms dabei und prüft als ehrenamtlicher Technischer Kommissar die Gültigkeit des Helms und wirft stets einen Blick unter die Motorhaube. "Ich prüfe außerdem, ob die Reifengröße stimmt und ob technische Veränderungen eingetragen sind", grummelt er. Die Einsteiger-Klassen werden nach Leistungsgewicht eingeteilt. Dabei ist die Klasse G5 mit einem Leistungsgewicht ab 21 kg/kW eine der kleinsten Kategorien. Außer den Reifen, dem Fahrwerk und den Sitzen darf hier im Gegensatz zu höheren Klassen so gut wie nichts verändert werden - selbst die Hutablage muss im Auto bleiben, wenn sie serienmäßig ist. "Aber im Slalomsport geht es sowieso überwiegend fair zu", meint Leidig.

Ein schneller und präziser Fahrstil ist gefragt

Das mit der Konkurrenz sehen in der Klasse G5 auch alle nicht zu verbissen. Es geht vor allem darum, das Fahrverhalten des eigenen Autos und seine Abmessungen einschätzen zu lernen. "Wenn du erstmal eine Pylone geschmissen hast, ist sowieso alles vorbei", nuschelt Daniel unter seinem mit Flammen lackierten Helm. Er weiß wovon er spricht, denn pro umgeworfener Pylone hagelt es drei Strafsekunden. Ein schneller, aber eben auch präziser Fahrstil ist gefragt.

Mit seinem rot-weißen Polo mit den goldenen Außenspiegeln darf Daniel nach der Technischen Abnahme als Erster auf die noch mit Pfützen gespickte Strecke. Auf der Frontscheibe prangt ein Sponsorenaufkleber mit der Aufschrift "Karosserie Wurst". Die Startnummer pappt als Papierzettel an der Seitenscheibe. "Du musst rund und gleichmäßig fahren - vor allem im Regen. Nicht zu übermütig und nicht zu spät bremsen", sagt er und düst los. Das ist nicht so einfach wie manch einer denkt und wie es aussieht, denn bei so vielen Pylonen auf der Strecke verliert der Fahrer schnell mal den Überblick. Deshalb gehen vor jedem Rennen alle Starter der Klasse G5 gemeinsam die Strecke ab und tauschen sich darüber aus, wo die Ideallinie liegt. Daniel hat dabei offensichtlich besonders gut aufgepasst. Gleich beim ersten Übungsdurchgang legt er eine Fabelzeit hin. Wie an einem Taxistand rücken alle anderen in der Schlange nach.

ABS und ESP sind im Slalomsport ein Hindernis

Hosenträgergurte werden noch einmal festgezurrt, die Rennhandschuhe übergestülpt und natürlich der Helm aufgesetzt. Nun ist Marcel an der Reihe. Mit Jeans und Puma-Rennschuhen zwängt er sich in den Schalensitz seines roten BMW E30 316i. Rund 4.000 Euro hat der Werkzeugmechaniker in den Umbau investiert und dem Auto ein anderes Fahrwerk, Domstrebe, Sportsitze, Hosenträger- gurte und Sportreifen spendiert. ABS oder ESP hat der Dreier aus dem Baujahr 1989 nicht - die elektronischen Helferlein würden beim Spiel mit den Hütchen nur unnötig stören.

Marcel stiert geradeaus. Aufgeregt ist er nach so vielen Jahren nicht mehr. "Nur bei einem engen Kurs, wo es Mauern gibt und das Auto kaputtgehen könnte", sagt er und fährt in Schlangenlinien bis zur Startlinie vor. Der Streckensprecher versucht das Quietschen der Reifen mit der Durchsage der Zeiten und der Anzahl der geschmissenen Pylonen zu übertönen. Marcel interessiert das in diesem Moment überhaupt nicht. Er hat einfach nur jede Menge Spaß. Als er sich wieder in der Reihe hinten anstellt, legt er einen Arm auf den Fensterrahmen und brüllt zu den anderen: "Des hebt, des hebt wie d'Sau."

Hier gratuliert jeder jedem

Nach dem Übungsdurchgang und zwei gezeiteten Läufen wird wie so oft schon um elf Uhr gemeinsam Schnitzel und Pommes gegessen. Mit vollem Magen wartet es sich schließlich viel entspannter auf die Siegerehrung. Die zehn Herren der G5 sind eine eingeschworene Gruppe. Der jüngste ist gerade mal 18, der älteste ist Fahrlehrer Gerald mit 48 Jahren. Wie bei einem Kaffeekränzchen lästern sie über das nebenan stattfindende Tuning-Treffen. "Das ist ja oft nur äußerlich. Und fahren können sie meist auch nicht", meint Marcel. Und Gerald macht schon einmal seine Hoffnungen auf den Sieg deutlich. "Als ich vor zwei Jahren anfing, habe ich mit meinem Polo mit GT3-Schriftzug noch ordentlich auf die Nuss bekommen. Aber jetzt ist es mein Hobby, den Marcel und den Markus zu schlagen", scherzt er und kaut genüsslich auf seinem Schnitzel. "Und heute ist ein guter Hobbytag."

Wie gut dieser Hobbytag wirklich ist, zeigt die Zeitenliste, die an einem alten Lastwagen hängt. Weder Gerald noch Markus oder Marcel haben das Rennen gemacht - Daniel war wieder einmal Schnellster. Und Marcel ärgert sich: "Jetzt haben mir gerade mal fünf Hundertstel auf Gerald gefehlt." Bei der anschließenden Siegerehrung ist der Groll wieder vergessen. Denn Neid gibt es hier nicht. Hier schüttelt jeder jedem die Hand und gratuliert - sogar der Sieger der dank Serienfahrwerk und Serienreifen letztplatzierten Besitzerin des mausgrauen Toyota Yaris.

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