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Concorso Eleganza Villa d'Este 2016

Juwelen auf Kies gebettet

05/2016, Impressionen Villa d'Este Foto: BMW 34 Bilder

Bangen Herzens fuhren wir diesmal nach Cernobbio am Comer See. Die fatale Terminkollision mit der Mille Miglia ließ Schlimmes erwartet. Zwei Highlights der Klassiker-Saison nehmen sich gegenseitig Ihre Strahlkraft. So schien es. Aber zumindest für den Concorso war dies kein Untergang. Im Gegenteil, BMW der Spiritus Rector dieser wahrhaft goldenen Tage am See zelebriete wieder ein Aufgebot automobiler Schönheiten, die ihresgeichen sucht.

23.05.2016 Alf Cremers

Die Gestade des Comer Sees im Mai, blühende Hyazinthen, Nelson-Rosen und Maulbeerbäume. Die schmalen eng bebauten Straßen am Westufer von Como bis Menaggio werden von hell sirrenden Rennrad-Pelotons beherrscht, auf dem azurblauen See vor der Villa tanzen mahagonibraune Riva-Boote Ballett und ziehen kräuselnde Wellen hinter sich her die in der Sonne glitzern.

An diesem begnadeten Ort mediterran-alpiner Einzigartigkeit posieren 54 Klassiker auf dem Kies-Catwalk vor dem legendären Luxushotel Villa d´Este. Baulich vermählen sich hier Renaissance und Klassizismus zu einem besonders schönen Spross italienischer Baukunst. Die kunstvoll arrangierten Naturstein-Mosaiken sind von ebenso vollkommener Ästhetik wie die eleganten Stiletto-Sandaletten die sie stöckelnd belaufen.

Schönes Ambiente, schöne Autos, schöne Frauen. Motor Klassik Redakteur Alf Cremers schaute durch Schlüsselloch ins sonnige Paradies und sah 14 Klassiker-Preziosen aus seiner ganz persönlichen Sicht besonders hell glänzen.

Pegaso Z-102, 1951

Anders als die später von Touring, Milano karossierten Pegaso wirkt dieses Enasa-Eigengewächs noch etwas roh und unbeholfen. Er kommt mir vor wie der große Bruder des Goliath GP 700., aber seine Präsenz ist von spürbarer Autorität. Als ich mich wie magisch angezogen auf den pastellgrünen Pegaso zu bewege, startet sein Besitzer Johan van Puyvelde, den 2,9-Liter-V8 mit vier oben liegenden Nockenwellen. Der Sound ist elektrisierend und lässt den ganzen vergeblichen Mythos des fliegenden Pferds wieder aufleben. Pegaso ist die Sportwagen-Hybris des spanischen Lastwagenherstellers Enasa, die wegen Mißerfolgs zu einer traurigen Legende wird, aber zu einer unsterblichen!

Lancia Aurelia B 52, 1953

Nicht viel an dem imposanten offenen Wagen ist stimmig, aber genau das macht seinen Reiz aus. Lancia ist normalerweise Pinin Farina verpflichtet, aber hier übernahm der bisweilen linkische Vignale die Regie, und er kumulierte scheinbar Vollkommenes zu Unvollkommenem. Er schuf eher ein Alfa Romeo-Gesicht als ein Lancia-Antlitz, verstrickte sich in seltsam arrangierten und unmotivierend geknickten Zierleisten. Aber Länge läuft auch bei Vignale einmal mehr. Unter dem Blech wird unverkünstelt die kapriziöse Aurelia mit ihrem Zweiliter-Ur-V6 und ihrem revolutionären Transaxle-Antrieb.

Aston Martin DB 4 GT Zagato, 1961

Sein Ikonenstatus ist seit Jahrzehnten unbestritten, jetzt kann man auch numerisch den Grad seiner Einzigartigkeit sehr genau bestimmen. Drei Millionen muss man wohl hinblättern, wenn man in den ästhetischen und fahrerischen Genuss dieses wunderbaren Aston Martin DOHC-Sechszylinders kommen will, der weniger mit imposanten Leistungsdaten aufwartet (3,6 Liter, 230 PS), statt mit bezaubernden Formen und Proportionen, die ein wenig den Ferrari 250 GT SWB durchscheinen lassen. Der formale Exzentriker Zagato beließ es bei einem sinnlichen Hüftschwung und verzichtete sogar auf den signaturhaften Double-Bubble im Dach.

Bizzarrini GT Europa 1900, 1968

Was man aus einem Opel nicht alles machen kann. Nach Ferrari, Iso Grifo und vom selbigen Helden abgeleitetem bizarr-faszinierenden Eigengewächs folgten die dürren Jahre des Ingegnere Bizzarini, der auf Basis eines schlichten C-Rekord Sprint mit dem Europa 1900 einen nichtsdestotrotz hinreißenden Gran Turismo schuf. Seine abwechselnd taillierte und wellenförmig gerundete Seitenlinie mit tief dekolletierten hat viel von der Silhouette schöner Frauen und die Magnesium-Räder imitieren die bezaubernde Schlichtheit filigraner Stahlfelgen.

Fiat 8V Supersonic, 1954

Kein faszinierendes Kleinserienauto wurde in solch imposanter Vielfältigkeit karossiert wie der Fiat 8V, wurde in solch einer faszinierenden Vielfältigkeit karossiert wie der Fiat Otto Vu (8V). Zagato, Vignale, Pinin Farina, Touring haben dem exzentrischen Fiat-Achtzylinder, der zu seiner Zeit ebenso ein Phoenix aus der Weltkriegs-Asche war wie der Mercedes 300 SL-Flügeltürer, ein aufregendes Kleid geschneidert. Ghia, eher dem amerikanischen Dream-Car-Style verhaftet, gelang die exzentrischste Interpretation des auf nur wenige hundert Exemplare limitierten Fiat-Juwels. Die denkbar unerotischen Stoßfänger freilich, wurden von einem amerikanischen Exzentriker zum Schutze seiner ursprünglich freigeistigen Karosserie nachgerüstet. Die mildtätige Sanftmut der Villa d´Este-Jury hat diesen Überschallknall des schlechten Geschmacks geflissentlich überhört.

Fiat 8V Zagato, 1955

Fast dezent im Vergleich zur Hollywoodschaukel von Ghia wirkt diese Zagato-Handschrift am italienischen Agnelli-Heiligtum. Auf den ersten Blick dachte ich, es ist ein kostbarer Siata oder ein ergreifend-schöner Maserati A6, aber dieser in schlichter Grandezza karossierte Otto Vu gehörte tatsächlich einst dem Fiat-Patriarchen Giovanni-Agnelli. Neben dem Glorienschein der Aluminium-Blechhaut auf einem Giterrohrrahmen steht der Motor ein wenig zurück. Wer hier ein italienisches Nockenwellenorchester mit 100 PS-Literleistung erwartet, sieht sich enttäuscht. Der kleinvolumige Zweiliter-V8 mit zentraler Nockenwelle leistete maximal 120 PS.

Maserati A6 GCS, 1954

Gleich gegenüber vom Otto-Vu-Zagato gedeiht im Schatten einer Bougainvillien-Rabatte geradezu überlebensgroß der Maserati A6 GCS von Pinin Farina. Nein es ist nicht die Fata Morgana eines dehydrierten, reizüberfluteten Chronisten, die so betörend-begehrlich in der aufgeheizten Frühlingsluft flimmert, er ist es wirklich. Dieser Traum gewordene Gran Turismo mit dem großen Namen und einem großartigen Sechszylinder, der so gar nicht mit Nockenwellen geizt. Ich denke, nicht einmal diese peinliche Zuvielrot-Lackierung mit weißen Shelby-Streifen wird verhindern, dass diese von Neptuns Dreizack gekrönte Preziose, die Jury becircen wird wie einst die Sirenen Odysseus. Kommen wir auf den Boden und attestieren stenografisch: Eines der schönsten Autos aller Zeiten.

Facel Vega Facel II, 1962

Dieser betörende Wagen ist mein persönlicher Best of Show. Er ist imposant, autoritär, ultraselten und von atemberaubender Schönheit. Wie jeder Mann seine Anima, seine unerreichbare Ideal-Traumfrau in sich trägt, so tut er es auch mit Autos. Der Facel ist meine Anima, vielleicht weil ihr vollkommenes Gesicht und ihr mehr als zierlicher Dachaufbau so mercedesfeine Pagoden-Züge trägt. Und sonst ist der Concorso dieses Jahr so ziemlich mercedesfreie Zone. Das ikonografische Charisma des Facel kann noch nicht einmal sein 6,3 Liter-Chrysler-Motor von der Stange trüben. Die inneren Werte sind zwar nicht brillant, aber dem Äußeren adäquat.

Lancia Astura, 1933

Der Sprung von den formal so reinen, aber dennoch im Detail unerhört raffinierten Sachlichkeit der Sechziger in das verspielte Art Déco der dreißiger Jahre fällt angesichts des betont aerodynamisch mit Heckfinne interpretierten Lancia Astura leicht. Der seinerzeit unerhört renommierte Karossier Castagna schuf nur scheinbar eine Epigone des Bugatti 57 SC Atalante, der auch noch versöhnlich auf weichem Kiesbett neben ihm parkt.

Der Astura war seinerzeit das Flaggschiff von Lancia mit Dreiliter-V8-Motor und nicht gerade überwältigenden 80 PS. Die beeindruckende Präsenz des Astura honorierten die Villa d´Este-Besucher mit dem Coppa d´Oro, wa s nicht weniger bedeutet als “Best of Show”.

Rolls-Royce Phantom II Continental, 1934

Kein Concorso ohne die mondäne Noblesse eines Vorkriegs-Rolls-Royce. Dieser Phantom in der distinguierten Farbe Barents-Blue, was sehr nach nördlichem Eismeer klingt, wäre meine Nummer Zwei. Gar nicht konservativ, sondern ein wenig exzentrisch vom unbritisch-phantasievollen Coachbilder Hooper mit einer sanft auslaufenden Heckschleppe karossiert, ist dieser hochherrschaftliche Phaeton mit einer Hight-Output-Version des altehrwürdigen 7,7 Liter-Sechszylinder aus dem legendären Ghost. Der 2 x 3-Langhuber ist wohl in doppelter Hinsicht der langlebigste Motor aller Zeiten

Dual-Ghia, 1957

Diese avantgardistische Heckflossen-Kreation bringt jeden Autokenner zur Verzweiflung. Dual kennen wir als Plattenspieler und Ghia als mutigen Karossier, der in den fünfziger Jahren seine Blütezeit hatte. Aber Dual-Ghia? Der 5,2 Liter-V8 samt Chassis dieser Zuckerbäcker-Ziselierung stammt von Hudson, Nash, Rambler, der Keimzelle der späteren AMC. Kaum zu glauben, aber der Dual-Ghia war ein Must Have der Us-Filmgrößen aus den 50er-Jahren. Das legendäre Rat-Pack, Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr. brachte es auf drei Duals. Obwohl dieses schwüle Convertible alles andere als “macho” war. Aber Jayne Mansfield gefiel es, sie war die letzte Berühmtheit, die ihn lenkte.

BMW 503 Coupé, 1956

Natürlich ist die Wahl der Graf Goertz-Kreation eine Verbeugung vor dem Villa d´Este Spiritus Rector BMW. Aber für mich ist es eine Verbeugung aus Überzeugung. Denn ich finde ihn weit charismatischer als den stets in den Himmel gehobenen 507. Für mich wäre der 503, von dem es auch nur handverlesene und gearbeitete 273 Coupés und 139 Cabriolets gab, in meinem persönlichen Concorso-Ranking der dritte Platz. Wie Van Gogh, so schuf BMW in den traurigsten Zeiten seine großartigsten Werke.

Der 140 PS starke Leichtmetall-V8 beflügelte den deutschen Gran Turismo aus der faszinierenden Sammlung von Heiko Seekamp zu Tempo 190. Villa d´Este-Hostess Veronica fand den 503 genauso entzückend wie ich und heftete ihm spontan ein Sträusschen an den Scheibenwischer. Natural Beauty trifft auf Timeless Beauty. Das gibt es nur auf dem Kies der Villa.

Bentley T-Speciale, 1968

Es gibt Formen, die kann selbst Pininfarina nicht verbessern. Das zweitürige Bentley T-Coupé, ein Zwillingsbruder der zweitürigen Rolls-Royce Silver Shadow-Variante Corniche ist an feingeistiger Distinguiertheit nicht zu übertreffen. Wer an diesem Understatement-Denkmal kratzt, muss zwangsläufig scheitern. Wie dieser Bentley T-Speziale, der neben einem ausdrucklosen Gesicht auch noch ein viel zu heckbetontes Profil aufweist.

Trotzdem ist der T-Speciale ein netter Versuch, vor allem, um uns geistig-moralisch auf den Rolls-Royce Camargue vorzubereiten. Mit ihm zündete Pininfarina die zweite Stufe neureichen Radikalindividualismus, die hier ein paar Reihen weiter auf dem Concorso als cappucinobraunes Sondermodell “Beau Rivage” die Geschmackspolizei zum sofortigen Einschreiten auffordert.

Ferrari 250 Europa, 1953

So gar kein typischer Ferrari, wenn man die Enzo-Ikonen der frühen Jahre traumwandlerisch vor seinen Augen projiziert. Da erscheinen, unerreichbaren V12-Göttinnen gleich, reduzierte, asketische Originale wie 212 Inter, 250 GT Boano oder 250 GT “Ellena”. Der von Vignale glamourös inszenierte 250 Europa bezaubert mich trotzdem als opulenter Gran Turismo im verspielten Pebble Beach-Look.

Das gechoppte, ja geradezu filigrane Dach thront auf einem voluminösen Grundkörper, dessen Massigkeit durch allerlei Sicken und Finnen vergeblich aufgelockert werden soll. Grill und Gesicht sind viel zu pompös. Trotzdem ist das Auto hochgradig faszinierend. Ich durfte es fahrend zwischen den beiden klassizistischen Concorso-Polen Villa d´Este und Villa Erba erleben. Und es war so ergreifend , als ob Marcello Mastroianni die junge Cathérine Deneuve zum Dinner ausführt und ihr den Wagenschlag öffnet: Sound, Präsenz und Silhouette faszinieren. Eine wahrhaft exotische Schönheit, dieser 250 Europa.

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