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Das erste Hybrid-Auto

Neues Leben für den Semper Vivus

Lohner-Porsche Semper Vivus Foto: Porsche 31 Bilder

Der Lohner-Porsche Semper Vivus, das erste Hybridfahrzeug der Welt, wurde im Auftrag von Porsche in mehr als drei Jahren komplett neu aufgebaut. Jetzt fährt der 111 Jahre alte Entwurf wieder.

25.03.2011 Kai Klauder Powered by

Schwarzwäldern sagt man eigentlich nicht unbedingt nach, dass sie Abenteurer sind, doch mit Hubert Drescher und seinem Team gibt es da eine ganz besondere Ausnahme. In Hinterzarten im Hochschwarzwald gingen fünf Männer ein Abenteuer ein: in mehr als drei Jahren ließen sie ein 111 Jahre altes Automobil wiederauferstehen - als Vorlage dienten vier Fotografien.

Lohner-Porsche Semper Vivus
Semper Vivus: Neues Leben für erstes Hybrid-Auto 1:45 Min.

"Der immer Lebendige" mit "benzin-elektrischem Mischantrieb"

Dabei handelt es sich um kein gewöhnliches Fahrzeug, das dürfte schon bei den Kosten von rund 650.000 Euro für das Projekt klar sein. Nein, hier wurde das erste Hybridfahrzeug der Welt wieder aufgebaut: der Lohner-Porsche Semper Vivus aus dem Jahr 1900. Der Name des zukunftsweisenden Fahrzeugs von Ferdinand Porsche sollte Programm sein: Bei dem "immer Lebendigen" präsentierte Porsche erstmals einen "benzin-elektrischen Mischantrieb". Er kombinierte zwei Radnaben-Elektromotoren mit zwei wassergekühlten De Dion Bouton-Einzylinder-Verbrennungsmotoren, die die Batterien laden. Letztere leisten jeweils 3,5 PS, die Elektromotoren jeweils 2,5 PS. Die elektrische Energie wird in 44 Blei-Gel-Zellen mit jeweils zwei Volt Spannung gespeichert. Am Ende stehen 88 Volt und 110 Ampere auf dem Papier - und ein Wirkungsgrad von 83 Prozent! Doch leider war bei dem originalen Semper Vivus der Name nicht Programm - er überlebte nicht; und auch das Papier gab es nicht. Selbst in dem umfassenden Porsche-Archiv war nicht mehr als die vier Fotografien zu finden.

Doch Hubert Drescher ließ sich auf das Abenteuer ein und recherchierte in ganz Europa. "Wir wollten schließlich alles so originalgetreu wie möglich bauen", verdeutlicht er seinen Anspruch. Die Schwierigkeit bei diesem Mammutprojekt lag laut Hubert Drescher in der fehlenden Dokumentation, wie der gelernte Automechaniker zurückblickt, der sich seit 1984 um die Restaurierung und den Nachbau alter Autos kümmert. Im Technischen Museum von Budapest fand er ein Radnabenmotor, in alten Büchern aus seiner Bibliothek Informationen über den damaligen Stand der Technik. "Wir haben uns in das alte Handwerk wieder einarbeiten müssen", sagt er, "Hilfreich war etwa ein Ingenieur-Taschenkalender über Automobile Technik von 1905." Die Abmessungen des Radnabenmotors konnte der Patentschrift entnommen werden, die Abmessungen für den Neuaufbau wurden dann von Drescher anhand der Fotografien festgelegt.

Alte Handwerkstechnik neu entdeckt

So entstand in mühevoller Kleinarbeit das Grundkonzept für den Aufbau, bei dem die alten Handwerkstechniken angewendet wurden. Auch die Materialien entsprechen dem Stand von 1900. So besteht das strömungsgünstige Windschild aus einem Holzrahmen, der mit Sackleinen bespannt wurde und mit einer Pech-Farbe bemalt wurde. An der Pinsel-Struktur kann man
die Handarbeit sehen und erfühlen.

Das Faszinierende an dem Lohner-Porsche ist, dass er von Grund auf aus Neuteilen entstanden ist. Mit Ausnahme der beiden Motoren, der Lampe und den beiden Hupen sind alle Bauteile des Lohner-Porsche neu angefertigt worden - was dem Betrachter allerdings nicht auffällt. "Und genau so soll es ja auch sein", freut sich Drescher.

Monatelang wurde gerechnet und entworfen, Betriebe gesucht und gefunden, die die Wünsche des Lohner-Porsche-Teams umsetzen konnten und wollten. "Natürlich gibt es viele Betriebe, die einen Auftrag erfüllen wollen, doch wenn sie dann die Stückzahl "1" ins Spiel bringen, sind sie ganz oft schneller wieder draußen, als ihnen lieb ist", erinnert sich der Blechkünstler.

Ein Vorderrad wiegt 277 Kilogramm

Die Dimensionen werden bewusst, wenn man sich ein paar Daten des Semper Vivus ansieht: Jedes der beiden Vorderräder mit Radnabenmotoren wiegt 277 Kilogramm, das Gesamtgewicht liegt bei knapp 1.800 Kilogramm. Die Messingrohre für den formschönen Kühler mussten zunächst mit Blei ausgegossen und dann in die korrekte Form gebogen werden. Jede Kupferleitung wurde von Hand in Form gebracht, für keines der verwendeten Bauteile gab es ein Vorbild, alles entstand in Handarbeit.

Horst Auburger aus München kümmerte sich um die gesamte Elektrik und das Sicherheitskonzept. Denn der Semper Vivus sollte in erster Linie absolut authentisch und originalgetreu sein, doch musste er zudem auch die hohen Hürden der VDE-Bestimmungen erfüllen. So gibt es zwar geringe Abweichungen zum 111 Jahre alten Lohner-Porsche, doch sichtbar sind sie nicht. "Das Anzeigeinstrument mussten wir beispielsweise mit moderner Technik aufbauen, doch die Optik entspricht der Zeit von 1900", erklärt der pensionierte Diplomingenieur der Elektrotechnik. Bei der Batterie- und Antriebstechnik wartete dann eine der größten Herausforderungen. 

Auburger erzählt: "Das Risiko war: Stimmen die mehrere Ordner füllenden Berechnungen? So waren wir ganz schön aufgeregt als es im Februar 2011 zum ersten Probelauf kam. Mit einer kleinen Hilfsschaltung und geringer Spannung machten wir den ersten Versuch - Und beim ersten Schuss hat's funktioniert!"

Der Zufall hilft - in Frankreich und Großbritannien

Bei den beiden Verbrennungsmotoren hatten die Autobauer allerdings Glück. Den ersten fand Hubert Drescher auf einem Oldtimerteilemarkt in Straßburg, den zweiten Klaus Bischoff, der ehemalige Chef des Porsche Museums, bei einem britischen Spezialisten. Beide wurden bei Porsche Engineering neu aufgebaut und laufen nach kurzem Ankurbeln laut und rund.

Im rein elektrischen Betrieb überrascht der Lohner-Porsche bei der Mitfahrt allerdings mit leisem Fortkommen. Lautlos wäre übertrieben, denn der Aufbau mit dem großen Holzkasten für die Batterien schaukelt auf dem Kopfsteinpflaster wild hin und her, die Federn gehen auf Block und die per Hand (!) aus dem Gummi geschnitzten Vollgummireifen sind hart wie Holzräder an einer Kutsche.

Das Porsche Museum hat mit dem funktionsfähigen Lohner-Porsche Semper Vivus nun ein weiteres, einzigartiges Stück Automobilgeschichte im Fundus.

Wer den Lohner-Porsche Semper Vivus in Kation sehen möchte, hat 2011 gleich mehrere Möglichkeiten: Am 8. Mai bei dem 125 Jahre-Corso in Stuttgart, vom 10. bis 27. Mai in der Sonderschau "Pionier des Hybridantriebs" im Porsche-Museum. Am 21. und 22. Mai wird der Semper Vivus jeweils ab 15.00 Uhr vorgeführt.

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