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Daytona 500

Kein Platz für Fehler

Impressionen Daytona 500, Nascar Foto: xpb 14 Bilder

43 Autos sausen mit einem Affenzahn im Millimeterabstand durch das riesige Oval von Daytona. Mit 315 km/h – im Schnitt. Wie kann das funktionieren? Wer den Funkverkehr zwischen Fahrer, Box und Spotter beim Daytona 500 mithört, kommt den Gesetzmäßigkeiten dieser Windschattenschlachten schnell auf die Spur.

22.04.2014 Claus Mühlberger Powered by

Danica Patrick hörte sich an, als hätte sie eine schlimme Migräne. "Was war das denn?", maulte sie in der Auslaufrunde des Nationwide-Rennens im Boxenfunk. Mit Platz 19 war die 31-Jährige alles andere als glücklich. Sie klagte der Crew ihr Leid: "Man kann hier ja nichts machen. Das ganze Rennen über war ich im Pulk eingeklemmt. Es dreht sich hier alles darum, an welcher Position du in diesem Haufen bist." Was Miss Patrick nicht erwähnte: Sie war als Dritte losgefahren und hatte nach etwas schlafmützigem Start schon in der ersten Runde acht Positionen verloren.

Maßarbeit bei Tempo 320 durchs Oval von Daytona

Für die US-Rennprinzessin, die erst ihre zweite Saison in der obersten Stockcar-Liga in Angriff nimmt, war dieses Rahmenrennen am Vortag des wichtigsten Stockcar-Rennens, des Daytona 500, eine willkommene Übungsstunde in Sachen Windschattenfahren. Schließlich unterscheiden sich die Stock-Cars der Nationwide-Serie nur marginal von den Autos der Topklasse, die nach dem Sponsor, einer Telekommunikations- Firma, auf den Namen "Sprint-Series" getauft wurde.

Wichtigstes Utensil bei beiden Autos ist der Luftmengenbegrenzer, von den Amerikanern Restrictor Plate genannt. Bei den Rennen auf den extrem schnellen Superspeedways von Daytona und Talladega wird die Leistung der V8-Saugmotoren so zurechtgestutzt. Von fast 900 PS bleiben nur 425 PS übrig. Wegen des eklatanten Leistungsmangels lässt die Beschleunigung der 1,5-Tonner ziemlich zu wünschen übrig: "Das Feld braucht mehr als eine Runde, um das Marschtempo zu erreichen", sagt Scott Maxim, der Motorenchef des Hendrick-Teams. Erst nach fünf Kilometern geht's mit dem regulären Marschtempo um die Bahn – mit knapp 320 km/h.

Es dauert zwar, bis die Meute in Schwung ist. Aber was dann am "Birthplace of Speed" (Daytona-Eigenwerbung) passiert, ist einzigartig. Wenn das Feld "double file" fährt, also paarweise nebeneinander, liegen die ersten 30 Autos innerhalb von einer Sekunde. 15 Pärchen auf nicht mal 100 Metern Strecke, da bleibt kein Platz für Fehler. Die Sicht für die Fahrer ist mehr als bescheiden: Vorne türmt sich der Heckflügel des Vordermanns auf, seitlich ist die Sicht durch die Ohren des Sicherheitssitzes eingeschränkt. Der halbmeterbreite Innenspiegel hilft immerhin, das Geschehen hinter dem eigenen Heckbürzel im Auge zu behalten.

Dem Vordermann einen Fallschirm anhängen

Ein Restrictor-Plate-Rennen auf dem mächtigen Oval von Daytona – das ist die wildeste Wettfahrt seit Ben Hur. Und anders als von der im Plate-Racing noch ziemlich unerfahrenen Danica Patrick bemängelt, kann man im Oval durchaus überholen. Die alten Hasen kennen den Trick: "Man muss extrem nah auf den Vordermann auffahren", sagt einer. "Weil dann der Luftstrom an seinem Heckspoiler nicht mehr sauber anliegt, wird er langsamer." Daraus ergibt sich die Chance zum Überholen. Die Fahrer sagen dazu: "Man hängt dem Vordermann einen Fallschirm an."

Solche Manöver sind natürlich nicht ganz risikofrei – gelinde gesagt. Wenn der Vordermann plötzlich langsamer wird, ist der Weg zum Autofriedhof nicht weit. Das zweite Qualifikationsrennen am Donnerstag bot diesbezüglich erstklassigen Anschauungsunterricht. Einen Kilometer vor dem Ziel ging dem drittplatzierten Jimmie Johnson das Benzin aus. Und obwohl der sechsmalige Champion noch versuchte, die nachfolgenden Jungs per Handzeichen zu warnen, krachten acht Autos ineinander.

Ohne die sogenannten Spotter wäre die Hatz auf den Superspeedways das reinste Himmelfahrtskommando. Ganz speziell dann, wenn "three-wide" oder gar "four-wide" gefahren wird. Jeder Fahrer hat einen auf dem Tribünendach platzierten Beobachter, der aufpasst wie ein Schießhund und seinen Fahrer mit Verkehrsdurchsagen füttert.

An der Strecke können alle den Teamfunk mithören. Die Frequenzen sind für jedermann zugänglich, und das Mieten eines Scanners kostet nur rund 30 Euro. Wer die Startnummer 10 ins Display eintippt, hört Danica Patrick. In der Einführungsrunde zum Daytona 500, dem "Great American Race", startet sie eine Charmeoffensive: "Ihr seid das beste Team", flötet die aparte 31-Jährige ins Mikrofon, "das weiß ich zu schätzen."

Spotter extrem wichtig beim Doytona 500

Dann wird es ernst beim Rennen. Hörprobe aus dem Funkverkehr von Fahrer Jeff Gordon: "All three-wide, ten Rows deep, stay at the Bottom. Ambrose is coming to your Bumper." Übersetzt: "In den ersten zehn Reihen wird jeweils zu dritt nebeneinander gefahren. Ambrose kommt von hinten." In diesem Stile geht das stundenlang. Die meisten der Spotter reden sich schier die Zunge faltig. Ohne Punkt und Komma quasseln sie ihrem Mann auf der Piste die Ohren voll.

Die Fahrer schweigen meist, aber wenn sie doch etwas sagen, hat dies oft großen Unterhaltungswert. "Die Nummer 28 ist ein Idiot", klagt Danica Patrick beim Nationwide-Rennen. "Der hält viel zu viel Abstand zu seinem Vordermann." Kurz darauf ärgert sich die Renn-Lady mit der kurzen Zündschnur über einen anderen Kollegen: "Der braucht ja die ganze Fahrbahn für sich alleine."

Danica Patrick hat überhaupt ein ziemlos loses Mundwerk. Als sie von ihrem Crewchief Mike Greci zweimal daran erinnert wird, in einer Safety-Car-Phase Benzin zu sparen, bellt sie im Stile eines Kimi Räikkönen barsch zurück: "Warum sagst du mir denn alles zweimal!" Greci rudert zurück: "Sorry for that."

Auch taktische Fragen werden oft in Dialogen zwischen Crewchief und Fahrer ausgekaspert. Oft lautet die Preisfrage: "Wann sollen wir tanken? Wenn ja, sollen nur die Reifen auf der rechten Seite gewechselt werden oder alle vier?" Steve Latarte, der Crewchief von Dale Earnhardt, entscheidet nach einigem Hin und Her: "Wenn die Spitze reinkommt, fahren wir auch an die Box."
Earnhardt, der Sohn des 2001 in Daytona tödlich verunglückten "Intimidators" gleichen Namens, fuhr damit nicht schlecht: Was die Taktik anging, folgte er zunächst dem Mainstream, manövrierte sich dann in den Spitzenpulk – und gewann schließlich das Daytona 500.

Wann kracht es im Rennen?

Die Spotter tun zwar ihr Bestes, um ihre Schützlinge durch das Verkehrsgetümmel zu lotsen. Aber Unfälle gänzlich verhindern, das können sie meist nicht. Alle wissen: In Daytona ist es nicht die Frage, ob ein großer Crash passiert, sondern nur, wann es tüchtig kracht.

Ein 500-Meilen-Rennen ist ein Langstreckenrennen. In den ersten 400 Meilen geht es nur darum, in der Führungsrunde zu bleiben und sich für den Schlusssprint eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Auf den letzten 40 Runden, nach dem letzten Stopp, ist es vorbei mit der defensiven Fahrweise. Dann wird der große Hammer ausgepackt. Diesmal klingelte es mächtig im letzten Viertel des Rennens. Vier Massenkollisionen sorgten für Spektakel. Jedes Mal waren zwischen acht und zwölf Autos in das Schlamassel verwickelt.

Auch Danica Patrick landet unsanft in der Mauer. "Oh man", seufzt sie. Eingehüllt in eine dichte Dampfwolke trudelt ihr übel demolierter Chevrolet auf dem durch den Dauerregen aufgeweichten Grünstreifen aus. "Und jetzt krieg ich auch noch nasse Füße", fügt sie cool hinzu, so als hätte sie gerade einen kleinen Parkrempler gehabt und nicht einen garstigen 45-Grad-Aufprall mit geschätzten 150 km/h in eine pickelharte Betonwand.

Genervt feuert Patrick ihr HANS-System in den Krankenwagen. Ein paar Minuten später steht sie nach der obligatorischen Untersuchung im Medical Center vor den Fernsehkameras: "Auf dem Speedway kann immer alles passieren", lautet ihr Statement aus dem Standard- Wortbaukasten der NASCAR-Fahrer.

"Das macht ja die Faszination von Daytona aus." Patrick spricht weiter, doch in diesem Moment schaltet die Regie auf das Livebild von der Strecke um. Der nächste Unfall, wild kreiselnde Autos, funkensprühende Wracks – typisch Daytona halt.

Alle können mithören

Der oft recht kurzweilige Funkverkehr zwischen den Fahrern, den Crewchiefs und den Spottern, die vom Tribünendach aus das Geschehen im Auge behalten, kann jeder Fan mithören. Die Miete für die Scanner beträgt rund 30 Euro. Die Funkgeräte sind einfach zu bedienen: Startnummer des Lieblingsfahrers eintippen und Ohren aufsperren.

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