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DC-Prozess

Dreimal Nein von Schrempp

Foto: Daimler-Chrysler

Der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler, Jürgen Schrempp, hat den Vorwurf des Betrugs bei dem Zusammenschluss der Autokonzerne Daimler-Benz und Chrysler vehement zurückgewiesen.

10.12.2003

Der Zusammenschluss sei immer als Fusion unter Gleichen geplant gewesen und durchgeführt worden, sagte Schrempp am Dienstag (9.12.) vor dem Bezirksgericht in Wilmington (US-Bundesstaat Delaware).

Drei Mal ein knappes, aber klares "Nein" gab Schrempp zum Auftakt seiner Zeugenaussage im Schadensersatzprozess in Wilmington zu Protokoll. War die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler eine getarnte Übernahme? "Nein!" Wollte er die die US-Investmentgesellschaft Tracinda betrügen? "Nein!" Wollte er Chrysler in Wirklichkeit übernehmen? "Nein!" - Es war der fulminante Start des mit großer Spannung erwarteten Auftritts von Schrempp.

Eine Zeugenaussage wie im Drehbuch

Das Drehbuch dafür hatten die Daimler-Chrysler-Anwälte geschrieben. Nach amerikanischem Prozessrecht werden Kläger und Beklagte zunächst von ihren eigenen Anwälten befragt, ehe sie von der Gegenseite ins Kreuzverhör genommen werden. Wie der Kläger Kirk Kerkorian erhielt Schrempp deshalb ausführlich Gelegenheit, sich und seine Argumente ins beste Licht zu Rücken. Anwalt Tom Allingham spielte ihm dafür geschickt die Bälle zu.

So konnte Schrempp den Richter mit der Beschreibung seines Werdegangs über den zweiten Bildungsweg beeindrucken. Auch mit der Tatsache, dass Schrempp in Englisch aussagte, wollten die Daimler-Chrysler-Leute punkten. Warum er das denn tue, fragte der Anwalt wie ahnungslos, wo er in seiner Muttersprache doch sicherlich viel eloquenter sei? Naja, sagte Schrempp, und drehte sich zu Richter Joseph Farnan um, er versuche es halt auf Englisch, weil er doch gerne direkt mit dem Gericht kommunizieren wolle.

Schrempp, im dunklen Anzug, saß nach dem Eid "die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe" zu sagen, zunächst ein bisschen steif im Zeugenstand. Die Hände auf dem Pult vor sich gefaltet, kamen die ersten Antworten ziemlich knapp. Doch im Laufe der mehr als vier stündigen Befragung taute der Vorstandschef zusehends auf. Er gestikulierte, um die Führungsstrukturen zu erklären, holte weit aus und nahm die Brille ab, um über die Fusionsgespräche zu referieren. Ein paar Mal kam fast etwas Oberlehrerhaftes durch. "Ich sag's jetzt mal für Laien."

"Die Beschreibung als Fusion unter Gleichen ist absolut korrekt."

Allingham ließ Schrempp ausführlich aus dem Fusionsvertrag vorlesen, vor allem die Passagen, in denen der Begriff "Fusion unter Gleichen" vorkam. "Die Beschreibung als Fusion unter Gleichen ist absolut korrekt", sagte Schrempp. "Indem ich die Wahrheit sage, glaube ich nicht, dass ich irgendjemand betrogen habe." Auch habe er nie insgeheim den Plan gehegt, das US-Unternehmen zu übernehmen. "Legten Sie es darauf an, die Chrysler-Leute zu feuern?" fragte Anwalt Tom Allingham. "Natürlich nicht", antwortete Schrempp. "Es wäre auch gegen meine eigenen Interessen gewesen." Chrysler habe damals ein fantastisches Management-Team gehabt, dessen Expertise er geschätzt habe.

Anwalt Tom Allingham ließ Schrempp lang und breit erklären, das nicht er, sondern sein damaliger Ko-Vorsitzender, der Ex-Chrysler-Chef Bob Eaton, den Abgang von Chrysler-Leuten betrieb. Daimler-Benz habe im Rahmen der Fusion auch gute Leute verloren, sagte Schrempp. Und wie als Trost für die gebeutelte Chrysler-Sparte: "Das sind ganz klasse Leute dort. Die haben ihre Qualität mit Hilfe der Daimler-Benz-Technologie jedes Jahr um 20 Prozent gebessert."

"Die Situation eher als halb volles denn als halb leeres Glas"

"Wir gingen von Anfang an von der Prämisse aus, dass es hier zwei gleichberechtigte Partner zusammenkamen", kann Schrempp dank der geschickten Choreografie der Daimler-Verteidigung immer wieder betonen.

Der Daimler-Chrysler-Anwalt ging nur kurz auf das umstrittene Interview ein, das Schrempp der "Financial Times" im Oktober 2000 gab. Darin sagte der Vorstandschef, der Zusammenschluss der Unternehmen sei "aus psychologischen Gründen" als "Fusion unter Gleichen" dargestellt worden. Die Struktur mit Chrysler als Sparte des Konzerns sei aber die, die er immer gewollt hatte. Kerkorian hatte seine Klage nach Lektüre dieser Zitate eingereicht. Schrempp sagte, das Interview habe zu einem schwierigen Zeitpunkt stattgefunden. Chryslers Geschäft sei in der zweiten Jahreshälfte 2000 massiv eingebrochen. "Meine Absicht war, die Situation eher als halb volles denn als halb leeres Glas darzustellen", sagte Schrempp. Es sei ihm vor allem um das operative Geschäft gegangen.

Vier Stunden lang lauschte Richter Joseph Farnan und verzog dabei kaum die Miene. Fragen an den Zeugen hat er nicht. Auf den Besucherbänken saßen aber bereits die 16 Tracinda-Anwälte in den Startlöchern. Sie wollten Schrempp am Mittwoch in die Zange nehmen. Dann dürfte sich der Ton der Zeugenbefragung um einiges verschärfen. Kurz vor dem Ende des Prozesstages gelingt es Anwalt Allingham noch einmal, Schrempp mit einer unvermittelten Frage ins für Daimler-Chrysler rechte Licht zu rücken: "Als sie zustimmten, den Zusammenschluss als Fusion unter Gleichen laufen zu lassen, wollten sie damit Chrysler und die Aktionäre täuschen?" "Absolut nicht, Sir", antwortet Schrempp.

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