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Peter Bazille

Der Lancia-Tüftler

0706 Porträt Peter Bazille Foto: Uli Jooß 8 Bilder

Peter Bazille erfüllte sich seinen Lebenstraum. Mit der B&F Touring Garage setzt der Oldtimer-Liebhaber und Vollblut-Ingenieur seiner Lieblingsmarke Lancia ein lebendiges Denkmal. Nebenbei überholt er noch Motoren.

14.01.2007 Alf Cremers Powered by

Seine Kindheit stellte die Weichen für sein heutiges Leben. Zwei Leidenschaften prägten Peter Bazille früh und nachhaltig. Schon als kleiner Junge beschäftigte er sich mit Technik-Spielzeug und tüftelte an den Miniaturmotoren seiner Modellflugzeuge. Als Schüler reparierte und frisierte er Mopeds und Motorräder. Großvater und Vater fuhren Lancia, was hier zu Lande in den dreißiger und fünfziger Jahren als elitär galt.

Eine Aurelia B 20 GT, der Inbegriff des klassischen Gran Turismo, kostete 1955 fast so viel wie ein Adenauer-Mercedes. Vater Helmut Bazille war damals Politiker in Heilbronn mit Bundestagsmandat und nutzte die Aurelia – zuerst die Limousine, später das Coupé –, als schnellen und zuverlässigen Reisewagen für die Fahrten vom Wohnort Stuttgart nach Bonn.

Wegen einer Kriegsverletzung musste er die rechtsgelenkte Version nehmen. Sohn Peter begleitete ihn oft auf dem Beifahrersitz. Er inhalierte damals heftig den Duft des Leders, den Geruch warmen Öls, der aus der Heizung strömte. Und er freute sich an den riesigen Rundinstrumenten und dem kraftvollen Klang des V6-Motors.

Keine Lancia-Monokultur

Peter Bazilles Liebe zu den innovativen und technikverliebten italienischen Klassewagen ließ ihn bis heute nicht los. Er lebt sie täglich in seinem eigenen Restaurierungsbetrieb intensiv aus. Bazille pflegt aber bei aller Zuneigung keineswegs eine reine Lancia-Monokultur. Auch andere Edel-Klassiker wie etwa Jaguar XK und E-Type, Porsche 356 und 911, Mercedes 300, Bentley und Rolls-Royce, Lagonda und Alvis, ja sogar Ferrari entstehen hier wieder in alter Pracht.

Sie verleihen der Werkstatt ein mondänes Flair. Es darf aber auch gern Volkstümliches sein. Oben auf dem Dachboden über der Werkstatt, zu dem ein aufwändig konstruierter Auto-Lift führt, wartet ein Fiat Topolino auf seine Genesung. Die B & F Touring-Garage in Troisdorf bei Köln, die er zusammen mit seinem Schwager, dem Diplomingenieur Jochen Fricke und zehn Mitarbeiten betreibt, gilt natürlich vor allem unter Lancisti als erste Adresse, wenn es darum geht, klassische Lancia bis zur Fulvia-Ära zu warten, zu reparieren und zu restaurieren.

"Autos der Fiat-Ära wie Gamma-Coupé, Beta Spider oder den Stratos machen wir zwar auch", gibt Bazille zu. Er stellt aber gleichzeitig fest, dass ihnen der innovative Geist des Vincenzo Lancia ein wenig abhanden gekommen ist. "Die selbsttragende Karosserie, die Einzelradaufhängung rundum, die Bilux-Lampe, das Transaxle-Prinzip, die kompakten V-Motoren, das moderne Bremssystem, all das hat Lancia erfunden, weil die Techniker das Sagen hatten und nicht die Kaufleute."

Haus Spich heißt das Domizil der Touring-Garage. Der Firmenname ist eine kleine Reverenz an den berühmten Mailänder Karossier, der hinreißende Alu-Karosserien für Aprilia und Flaminia schneiderte. Das Hofgut aus dem 19. Jahrhundert ist die standesgemäße Herberge für eine Oldtimer-Werkstätte. Es liegt direkt an der B 8 nach Köln, eine alte Magistrale, die schon zur Römerzeit existierte und Via Agrippina hieß – welch feine Parallele zur Lancia-Nomenklatur.

Unter den Rädern knirscht der Kies

Unter den Rädern der dunklen Aurelia B 20 GT knirscht der feine Kies der Piazza Lancia. Rechts hinter dem großen Holzlenkrad von SU-ZV5H sitzt Peter Bazille, der das elegante Coupé geschickt durch eines der Flügeltore in die Werkstatt zirkelt. Es gibt ein paar Kleinigkeiten zu machen.

Während er zärtlich über die Dachlinie streicht, zeigt er wieder sein jungenhaftes, verschmitztes Lächeln. "Das ist meine Aurelia, ein B 20 GT 2,5-Liter", sagt er andächtig und erklärt in ernstem Ton: "Sie gehörte meinem Vater, meine Mutter hat sie 1969 nach seinem Tod verkauft. Ich habe lange nach den Autos meines Vaters gesucht und die Aurelia GT in den frühen achtziger Jahren in Hamburg wiedergefunden, in diesem Wagen bin ich aufgewachsen." Sein erstes eigenes Auto war ein NSU Prinz III.

Peter Bazille ist nicht nur der introvertierte Schrauber, der sich mit einem Problem ins stille Kämmerlein zurückzieht und tüftelt, bis er die Lösung hat. Sein zweites großes Talent ist das des mitreißenden Erzählers und des wissenden Dozenten.Keiner Frage weicht er aus, es gibt kaum einen klassischen Automobilmotor, den er nicht inwendig kennt.

Eine Domäne der B & F Touring-Garage ist die Instandsetzung von Motoren und Getrieben, sogar von Vorkriegsaggregaten. Zum Kundenkreis gehören unter anderem die Klassik-Abteilungen von Ford und Opel sowie das Mercedes-Benz Classic Center. Ein riesiges Lager an Ersatzteilen unterstützt den Neuaufbau der Triebwerke. Der Erwerb des renommierten Kölner Motorenbauers Bruns, dessen Spezialität die Nockenwellenfertigung war, lieferte 1990 einen Teil des Maschinenparks und der Werkzeuge.

Ingeniösen Komplexität der Lancia-Motoren

Natürlich ist der Maschinenbauer Bazille, der nach einer Lehre als Automechaniker und dem Studium von Maschinen- und Fahrzeugbau zunächst Motorjournalist wurde,von der ingeniösen Komplexität der Lancia-Motoren besonders angetan. Aber er bewundert auch die berühmten Maserati-Reihen-Sechszylinder, die Alfa Romeo 6C und 8C-Motoren der Vorkriegszeit, den legendären Alfa-DOHC-Vierzylinder der 105er-Typen ("den haben die Japaner für den Toyota 2000 GT abgekupfert"), oder die Colombo-V12 der frühen Ferrari. Zufällig steht gerade ein 212 Vignale in der Werkstatt, ein Traum von Sportwagen, atemberaubend. Schwarz mit türkisem Dach, so, wie es die Taxis in Portugal hatten.

Selbst als Motorjournalist mit den Stationen Auto Zeitung, Rallye Racing und Auto-Bild hat der spannende Erzähler und sachkundige Schreiber den Schraubenschüssel privat nie aus der Hand gelegt. "Nach Feierabend gab es immer was zu tun, wir waren schon Anfang der Achtziger eine verwegene Clique Oldtimer-verrückter Freaks",gibt Bazille grinsend zu. Aber erst 2001, pünktlich zu seinem 50. Geburtstag, nimmt sein Lebenswerk vollends Gestalt an und reift zur Größe.

Das Hofgut Haus Spich hat sich in die heutige B&F Touring Garage verwandelt, ein Vorzeigebetrieb der Branche, der seine Auszubildenden quasi in Serie als Bundes- und Landessieger zu Gesellen befördert. Eine Kaderschmiede des Automobil-Handwerks, die "Fertigungstiefe" bei B & F ist ungewöhnlich hoch. Fast alle Disziplinen vom Karosseriebau bis zur Instandsetzung exotischer Automatik-Getriebe leistet die Mannschaft, nur Galvanik und Lack werden außer Haus gegeben.

Der Mann mit der Latzhose zieht beinahe ehrfürchtig zwei Kipphebelbrücken aus der Schublade – sie gehören zu einem Aurelia-Motor. Es sind hohlgebohrte, gehärtete Teile mit feinen Kanälen für die Ölversorgung, die sie sich mit Nocken und Stößel teilen. Peter Bazille schwärmt "das funktioniert auf geniale Weise ganz wunderbar, die zwei Kipphebel pro Brücke werden sofort nach dem Start perfekt geschmiert. Das ist eben Lancia."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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