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Der unvernüftige Kauf Mercedes 230 CE (C124)

Deutschlands billigstes Mercedes-Coupé

Mercedes-Benz 230 CE, C124, Seitenansicht Foto: Karl-Heinz Augustin 28 Bilder

Deutschlands billigstes fahrbares Youngtimer-Coupé für 699 Euro. Es ist sogar ein Mercedes. Hält das etwas verwohnte C124-Coupé, was die schöne Form verspricht? Alf Cremers checkt den Billigheimer - und wagt den Kauf.

28.01.2015 Alf Cremers Powered by

Internet kann jeder. In fünf Minuten habe ich 50 Coupés unter 1.000 Euro am Start, meist totale Exoten: Mazda MX-3, Ford Probe II, Mitsubishi Eclipse oder Nissan 100 NX. Für mich ist es spannender, die Beute in freier Wildbahn zu erlegen als virtuell am Schreibtisch. Meine mir selbst gestellte Aufgabe lautet: Finde Deutschlands billigstes Coupé, fahrbereit und mit mindestens zwei Monaten Rest-TÜV. Warum? Weil ich Lust darauf habe, eine elegante Alternative zu meiner Limousinen-Monokultur zu finden. Spontan mache ich mich auf. Entschlossen dringe ich in die Wildparks riskanter Verbrauchtwagen vor.

Autoparadies Rosenheim

Es gibt in Süddeutschland bestimmte Areale ergiebig hoher Altauto-, sprich Youngtimer-Population: Augsburg-Lechhausen, Ingolstadt-Süd, Straubing oder München-West. Auch Rosenheim ist so ein Hotspot schnell und schmutzig gehandelter Exportautos.

Viel billige Ware aus Österreich schwappt hier rüber. Gerne auch mal ein Mercedes 300 E 4Matic, der aber leider kein Coupé ist. Allrad heißt entweder Limo oder Kombi.

Rosenheim, Klepperstraße, stark befahren, ein paar Hundert Meter lang läuft sie parallel zur Bahnlinie. Dahinter liegt der Maschendrahtzaun von Autoparadies. Geschätzte 150 Autos funkeln in der Sonne, oft scheppern endlos lange Güterzüge vorbei. Man riecht die Rangier-Diesellok und die Eichenschwellen, denen die Hitze den Teer aus dem Holz treibt. Mein Scannerblick tastet das Gelände langsam und gründlich ab.

Ein C124 in der Fehlfarbe Bornit

Vorne steht ein Opel Kadett D, daneben tatsächlich ein 4Matic, sogar ein superseltener 300 D Turbo, und drüben lehnt ein Volvo 240 an der Bretterbudenwand. Drinnen lässt jemand die Mischkugel einer Farbspraydose heftig klicken, später rollt da ein BMW 525tds mit geschminkten Radläufen raus. Ich zoome auf ein Coupé, sehe nur die C-Säule. Ein Mercedes CE, Farbe Bornit, selten und edel. Viele sagen absichtlich "Borniert", weil sie die nicht mögen.

Ich schlängele mich durch die Reihen, laufe Slalom zwischen Außenspiegeln und Anhängerkupplungen. Der Mercedes CE kommt immer näher, sein Lack glänzt in der Sonne, die Original-Aluräder verheißen authentische Gepflegtheit. Mein Wunsch wird Wirklichkeit.

Das könnte es sein, dein Sonntags-Coupé für kleines Geld, denke ich. Das Preisschild, schöne Schrift auf krassem Gelb, hypnotisiert. Steht doch da 230 CE, 270.000 km, 699 Euro. Ich hätte das Doppelte erwartet. Jetzt erst mal ruhig bleiben, Rosarot runterdimmen, Sonnenbrille ab und kritisch durchs Klarglas geschaut. Der Mercedes steht rundum eng zugeparkt. Die Inspektion wird zur Leibesvisitation, meine Hose putzt dabei die Sacco-Bretter.

Ein echter Sportline mit guter Ausstattung

Der Mercedes 230 CE scheint sogar ein echter Sportline zu sein: Sieben-Zoll-Räder, leicht tiefer und mit lederbezogenem Airbag- Lenkrad. Schon beim neugierigen Reinschauen entdecke ich Wurzelnussfurnier, eine mit Schaltern gespickte Mittelkonsole samt ersehntem Automatik-Wählhebel und schräge Sportkaro-Sitzbezüge. Die passen perfekt zu Bornit, aber sie sind so peinlich hypermodisch oder so endzeitcool wie einst Pasha bei Porsche.

Ich entdecke aber auch, dass in dem Mercedes 230 CE ein Hund gewütet haben muss, die Abdeckung der Instrumententafel ist schlecht geklebt, der Himmel hängt über der Beifahrertür herunter. Kurz: Die Karre sieht innen ziemlich verwahrlost aus. Normalerweise wäre es das jetzt für mich, denn ein schlechtes Interieur turnt mich total ab.

Bei dem Mercedes 230 CE Sportline-Coupé bleibe ich dran, das violette Bornit gibt in der prallen Sonne alles, um mich rumzukriegen. Sechshundertneunundneunzig Euro, hörst du den Ruf der Sirenen? In Gedanken werfe ich die verwohnte Karo-Garnitur raus, kaufe mir Leder bei E-Bay. Sechshundertneunundneunzig Euro, aber laufen muss er. Nichts wie her mit dem Schlüssel, eilig laufe ich zum Bürocontainer. Autoparadies-Inhaber Joachim Landauer ist Diplom-Kaufmann und hat einen trockenen Humor.

"Einmal durchsaugen, und der ist wieder wie neu"

Das kleine Schlüsselbündel zum Mercedes 230 CE ist schnell gefunden. "Der springt sofort an, ich bin ihn vor Kurzem noch gefahren, einmal durchsaugen, und der ist innen wieder wie neu", grinst Landauer. Er weiß, er kann mir nichts vormachen, und ich weiß, dass 699 Euro der Minimaltarif für Fahrbereites ist, durchgerostete Hinterachsaufnahmen im Ernstfall inklusive.

An dem Mercedes 230 CE mit der tollen Farbe zählt ab jetzt nur das, was geht, und nicht das, was nicht geht. Der Motor springt an, läuft auf Anhieb rund, die Fensterheber funktionieren, das Schiebedach rührt sich nicht. Der Auspuff bläst, innen riecht das einst traumhaft elegante, bezaubernde Coupé stark nach Rauch, aber nicht nach Hund. Die Klimaanlage macht keinen Mucks, aber die Probefahrt zeigt bis auf eine etwas ausgeschlagene Vorderachse keinerlei Anzeichen, dass der Wagen die 200 Überführungskilometer nicht aushalten würde.

Radwechsel tut not

Selbst der Mercedes-typische Rost ist bei diesem 230 CE auf den ersten Blick nicht so dramatisch, ein paar üble Lackabplatzer an der Fahrertür und ein fieses Bläschennest am linken Vorderkotflügel, wie immer unter dem Blinker. Drei von vier Wagenheberaufnahmen sehen bei geöffneten Clips passabel aus, die hinten rechts ist durch, darunter guckt aber der TÜV nicht nach.

Doch die eingeschlagenen Vorderräder offenbaren links stark abgefahrenes Profil. Es würde mir einen Punkt einbringen, wenn die Polizei mich damit anhielte, was sie bei roter Nummer gerne tut. Also ist ein Radwechsel bei dem Mercedes 230 CE im Autoparadies angesagt, selbst ist der Mann, Landauer drückt mir grinsend einen Kreuzschlüssel in die Hand, der Schweiß tropft mir beim Kurbeln auf die Hände. Links heißt die Reifengröße jetzt 205/65 R 15 statt rechts 195/65, aber Hauptsache, es ist genug Profil drauf. Später muss ich die Vorderachsgeometrie prüfen lassen, weil der Reifen nur außen so blank ist.

23 Extras trieben den Neupreis auf 83.000 Mark

Im Container "drücke ich ab", wie Landauer jovial meint, "690 Euro wegen des Slicks vorne links". Bevor an der nächsten Tankstelle die drei Kontrollleuchten für Benzinvorrat, Waschwasserstand und ein defektes Rücklicht zum Schweigen gebracht werden, sehe ich mir das Mercedes 230 CE-Coupébewusst an.

Mich erinnern Gesicht und Silhouette des Mercedes 230 CE an eine elegante ältere Frau, der man immer noch ansieht, wie schön sie einmal in der Blüte ihrer Jahre war. Anmut und Grazie sind dem einst 83.000 Mark teuren Coupé mit 23 Extras immer noch nicht fremd.

Ruhigen Gewissens, dass unterwegs nichts schiefgehen kann, steige ich ein. Ernsthaft vermisse ich nur die große erfrischende Luke des Schiebedachs. Im Grunde meines Herzens empfinde ich stille Freude und fast ein wenig Verliebtheit über so viel Auto für so wenig Geld. Kaum etwas, das kaputt oder verwohnt ist, lässt sich nicht preiswert über E-Bay beschaffen. Es gibt jetzt schon eine Mängelliste für den Mercedes 230 CE im Kopf, die zehn Positionen für das Nötigste umfasst. Einen guten Reifensatz auf Fuchs-Alus habe ich noch, auch einen Schriftzug "230 CE".

Kultiviertes Fahren im 124er-Coupé

Frisch gewaschen und vollgetankt macht sich der Mercedes 230 CE auf die Heimreise. Ich gehe nicht gleich auf die Autobahn, möchte mich lieber langsam an das 23 Jahre alte Auto und seine Eigenheiten gewöhnen. Die Bremsen lassen Biss vermissen, das Lenkrad steht bei Geradeausfahrt schief, und die Vorderachse torkelt ein bisschen über ausgefahrene Spurrillen. Trotzdem fährt sich das Coupé angenehm, es ist handlich und komfortabel, die 132 PS aus dem kultivierten Vierzylinder sorgen für genügend Temperament.

Sogar das Kassettenradio funktioniert. Robert Plant singt, solo, nicht mit Led Zeppelin. "Pictures at Eleven", sanft und melodiös, passend zur Stimmung. Mit Tempo 100 fahre ich im Mercedes 230 CE die B 15 entlang, überhole einen Tankwagen per Kick-down. Temperatur und Öldruck sind im grünen Bereich. Alles läuft bestens für nur 690 Euro. Deutschlands billigstes Coupé fährt und sieht auch noch gut aus.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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