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Detroit Motor Show 2009

Stimmung einer Totenmesse

Detroit Skyline Foto: press-inform / Downtown Detroit Partnership 21 Bilder

Wer den dramatischen Niedergang der US-Autoindustrie mit eigenen Augen sehen will, muss nach Detroit fahren. Die Stadt im Nordosten der USA an der Grenze zu Kanada ist seit Amerikas automobilen Anfängen das Wahrzeichen der Branche.

06.01.2009

Heute spiegelt ihr erschütternder Verfall die schwere Not von General Motors (GM), Ford und Chrysler wider. Die einstigen "Big Three" haben alle drei ihren Konzernsitz in der Region. Und angesichts einer Talfahrt der gesamten Autobranche weltweit droht der an diesem Sonntag startenden legendären Autoshow in Detroit eine Stimmung wie bei einer Totenmesse.

Bevölkerung flüchtet

Schon lange laufen Detroit die Einwohner fast so schnell davon wie derzeit die US-Autoabsatzzahlen sinken. Seit den Boomzeiten Anfang der 50er Jahre mit mehr als 1,8 Millionen Bürgern schrumpfte die kurz "Motown" genannte Autostadt um rund die Hälfte. Auch Detroits Heimatstaat Michigan leidet mit der Branche. Er ist neben Rhode Island der einzige US-Bundesstaat mit sinkenden Einwohnerzahlen. Mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent zählt Detroit landesweit zu den Schlusslichtern. Das Risiko, in der sterbenden Stadt ermordet zu werden, ist sechsmal so hoch wie in New York. Dass die Opferzahl zuletzt etwas fiel, nennt Bürgermeister Ken Cockrel schon "ermutigend". Die Hoffnung stirbt zuletzt.

GM, Ford und Chrysler in der Krise

Vor rund 100 Jahren startete Henry Ford hier mit der Fließband-Produktion seines liebevoll "Tin Lizzy" (Blechliesl) genannten Model-T eine verheißungsvolle automobile Zukunft. Heute sind viele von Detroits einstigen Fabrik-Ikonen rostige Ruinen - verfallen wie die Art-Deco-Wolkenkratzer, prunkvollen Kaufhäuser, Kinos und Opernhäuser aus besseren Zeiten. Riesige Brachflächen klaffen mitten in der Stadt als offene Wunden. Amerikas Nordosten zählt zu großen Teilen zum “Rust Belt“, dem Rostgürtel einer dahinschwindenden Schwerindustrie.

Mittendrin residiert die Opel-Mutter GM in ihren prunkvollen Glasfassaden-Türmen des Detroit Renaissance-Center. Hier bilanziert Amerikas größter Autobauer seit Jahren Milliardenverluste. Auch die Nummer zwei Ford ist tiefrot, laut Experten aber vom Abgrund noch etwas weiter entfernt als GM und der kleinste US-Hersteller Chrysler, an dem der deutsche Daimler-Konzern noch knapp 20 Prozent hält.

Für die US-Autobauer ist die Krise inzwischen schon Dauerzustand. In mehreren Wellen bauten sie über Jahre hinweg Hunderttausende Jobs ab. Heute arbeiten noch rund 240.000 Beschäftigte in etwa 100 Fabriken. Ein Ende der Werksschließungen ist nicht in Sicht. Gerade vermeldete GM für 2008 die schlechtesten Verkaufszahlen seit 50 Jahren. Allein im Dezember brach der Absatz bei GM und Ford um mehr als 30 Prozent ein - bei Chrysler gar um mehr als 50 Prozent.

Staatliche Finanzhilfen

GM und Chrysler hängen derzeit am Tropf milliardenschwerer Überbrückungskredite des Staates. Ohne die Finanzspritze hätten die zwei die Detroit Autoshow womöglich im Insolvenzverfahren erlebt. Bis Ende März müssen sie laut Regierung “ihre Überlebensfähigkeit beweisen“ - sprich: nochmals massiv kürzen, auch bei der Belegschaft. Vorbilder für den Sparkurs finden GM & Co viele hundert Meilen von Detroit entfernt in südlichen US-Bundesstaaten. Aus Kostengründen haben hier europäische und asiatische Wettbewerber ihre Werke. So fertigen BMW (Spartanburg/South Carolina) und Mercedes (Tuscaloosa/Alabama) seit mehr als zehn Jahren im Südosten der USA. VW will gerade trotz Krise ein Werk in Chattanooga (Tennessee) bauen.

Die Löhne sind hier weit niedriger und die sonst übermächtige Autogewerkschaft UAW bekommt im Süden kein Bein auf die Erde. "Im Norden arbeitest Du zuerst für die UAW und dann für die Firma", sagt Ökonom George Hoffer von der Virginia Commonwealth University. Der künftige US-Präsident Barack Obama werde den Gewerkschaften zur Rettung der Autobauer neue Zugeständnisse abringen müssen, meint Professor Logan Robinson von der Universität Detroit Mercy. Das Problem: Die UAW zählte zu Obamas großen Wahlkampfhelfern. Gleich nach seiner Amtseinführung am 20. Januar muss er über weitere Milliardenhilfen für die Konzerne entscheiden.

Mit angezogener Handbremse

Detroit droht derweil der nächste Nackenschlag. Wegen der Krise fahren fast alle Aussteller zur Messe in diesem Jahr mit angezogener Handbremse: kleinere Stände, weniger Shows und Promis. GM lässt auf seinen Messeflächen laut Berichten statt teuren Parketts nur Teppich verlegen. BMW und andere verzichten auf noble Besucher-Lounges in der Top-Etage ihrer Messestände. Nissan kommt gleich gar nicht mehr. Für Detroit befürchten Experten während der Messe 25 Prozent Umsatzminus zum Vorjahr. In ihrer Not sucht die Stadt ihr Heil seit einigen Jahren im Glücksspiel: Riesige Kasino-Bauten sollen Touristen anlocken und für Jobs sorgen, könnte es doch für die US-Autobranche bald heißen: "Nichts geht mehr".

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