Deutschland-Reise: Deutschlandtour im Ford Mustang

Eine Reise im Ford Mustang durch Deutschland, als sei es Amerika: Wir fahren nur über Landstraßen von Küste zu Küste - vom Bodensee zur Ostsee -, essen nur in Dinern und schlafen im Motel.

Die Nacht ist schon vor ein, zwei Stunden auf diesen staubigen und glühend heißen Sommertag gefallen. Als der Nebel kurz vor Mitternacht aus den Wiesen kriecht, stehen wir in einem Industriegebiet vor einem dunklen Diner-Restaurant und wissen: Jetzt ist das Harmoniebudget von Fahrer und Beifahrer überzogen. Wir sollten im Motel sein, nach 18 Stunden Fahrt über Landstraßen. Schlafen wäre jetzt gut. Aber wer blöderweise eine Zeile in der Adressliste verrutscht, verursacht eine weitere Stunde Fahrt.

Fahrt über Land

In dieser Stunde reden wir nicht, Led Zeppelin und der V8 übertönen unser Schweigen - damit wir einander nichts an den Kopf werfen, was uns morgen früh schon leid tun könnte. Vielleicht, dachten wir, liegt das Glück ja doch auf der Straße. Aber wir konnten die Autobahn nicht mehr ertragen: Kilometerfressen über immer gleiche Straßen, Stopps an verwechselbaren Raststätten. Wir wollten nicht nur rasende Autos sehen, sondern das Land.

So reisen wir durch die Republik, als sei sie die USA: die ganz große Strecke, von Küste zu Küste. Über Land. Dienstag bei Sonnenaufgang steht der Mustang am Ufer des Bodensees. Als der V8 startet, zittert die Motorhaube. Sie zeigt nach Norden und reicht bis zum Horizont. Da wollen wir hin. Der Wählhebel flappt auf D. Bevor die Box in den vierten Gang geschaltet hat, liegt halb Oberschwaben mit all seinen tauglänzenden Weiden, Zwiebeldach-Kirchtürmen und kehrwochengewienerten Dörfchen schon hinter uns.

Straße mitten durchs Leben

Am Vormittag kommt erst die Wärme. Dann die Hitze. Sie flirrt über den Asphalt, der sich zwischen Weizenfeldern über weite Hügel schwingt. Der Weg führt durch Orte, die schon in der Vergangenheit keine Zukunft hatten, und vorbei an unbedeutenden Kreuzungen, die einst Knotenpunkte waren. Dort verfallen Gasthäuser mit zugenagelten Fensterhöhlen. Nackte Mauern schleudern das Echo vorbeidonnernder Lastwagen zurück. In der Ferne streift die Autobahn das wahre Leben. Die Landstraße führt mitten hindurch.

Wir stoppen auf einen Kaffee abseits der Route in Wertheim Village. Die Freiluft-Mall lebt im Irrglauben, in fränkischem Stil erbaut worden zu sein. Erschöpfte Familienväter werden inmitten einer Piazza auf einer Bank zurückgelassen, während Gattinnen und Töchter mit Papas EC-Karte weiter durch die 85 Outlet-Boutiquen marodieren. Wir fliehen, erschrecken noch mit einem Burnout eine Gruppe Landfrauen, die am Haupteingang aus einem Bus gekippt wird. Dann sind wir weg.

Zwischen Wertheim und Würzburg geht uns die dermaßen entzückende Landschaft schrecklich auf die Nerven. Einzige Ablenkung davon bietet das Überholen von Reisemobilen, die vor dem Mustang herjuckeln. Mit den roten Ganzkörper-Streifen zeigt der Ford zwar einen eher sorglosen Umgang mit dem Thema Eleganz, aber sein Auftritt verschafft dem Coupé ein überragendes Überholprestige.

Trostlose Passagen

Bei Würzburg biegen wir auf die B 27. Sie ist wie eine Freundin, wir begegnen ihr immer wieder, gehen dann ein Stück des Weges gemeinsam. In Bad Brückenau treffen wir sie erneut. Aber hier ödet sie uns an. Höhepunkt auf den B 27-Kilometern bis Bebra ist ein Steinmetzbetrieb, der "Grabsteine zu Tiefstpreisen" anbietet, was fein zu dieser sterbenslangweiligen Gegend passt.

Nachmittags ab fünf wird es zäh. Eisenach fiebert im Berufsverkehr. Träge zerfasert die Bundesstraße in Provinzsträßchen, die schale Dörfer verbinden. An einem Ortsende fordern uns zwei Jungs im tiefstgelegten Opel Astra zum Beschleunigungsduell. Sie wissen nicht, dass es für den Mustang keine Gegner gibt, nur Opfer. Bei Grün legt der V8 los. Sein Schrei entlaubt Bäume, Mütter holen ihre Kinder ins Haus, weil sie fürchten, ein Unwetter ziehe auf. Der Astra ist abgeschlagen, frisst den Staub, den die 305 Mustang-PS aufwirbeln.

Vorbei an schaukelnden Lovemobils

Entlang der B 247 weitet sich die Landschaft, wir passieren verlassene Tankstellen, links und rechts der Straße verdorren Gebrauchtwagen. Ab und zu fahren wir an umwaldeten Parkplätzen vorbei. Dort schaukeln alte, rosafarben geschmückte Lovemobils vor eilig parkierten Handelsvertreter-Limousinen. In Netzkater entspringt die B 81. Wie ein Wildbach schlängelt sich sie durch dichten Wald.

Der V8 berauscht sich an der kühlen Luft, klingt jetzt, als habe ihm jemand einen Eimer Koks in den Luftfilter gekippt. Allen Haken, die die Strecke schlägt, zackt der Ford heckwedelnd hinterher - weil die hintere Starrachse von der alleinerziehenden Traktionskontrolle nur antiautoritär zurechtgewiesen wird.

Zwischen Schatten dunkler Tannen und Lichtschächten der späten Sonne stroboskopt der Mustang über Geraden, schießt endlich aus dem Wald heraus. Von einem letzten Gasstoß geschüttelt, steht er vor der Westernstadt Pullman City. Erschüttert stellen wir fest, dass wir das Motorsägen- Wettschnitzen verpasst haben.

Sonne duckt sich im Westen

Ab Halberstadt gehen der Straße die Kurven, der Landschaft die Ideen aus. Der Wind wogt links und rechts in Weizenfeldern, deren Enden in der Erdkrümmung verschwinden. Obwohl das Coupé über den Asphalt pfeilt, scheint es nicht voranzukommen, da sich die Aussicht nicht ändert - nur die Sonne duckt sich tiefer in den Westen. Sie ist untergegangen, als wir Magdeburg erreichen. Wir bestellen ein spätes Frühstück: Rühreier mit Speck.

Noch eineinhalb Stunden bis zum Motel. Doch wegen des Adressdrehers stehen wir da vor einem geschlossenen Diner in einem verratzten Industriegebiet. Der eine zu müde, um sich wegen des Navigationsfehlers zu beschweren, der andere zu müde, um sich dafür zu entschuldigen, erreichen wir nach Mitternacht unser Motel bei Berlin. Weil wir uns schon früh um sechs zum Start der zweiten Etappe treffen, kostet uns jede kurze Stunde Schlaf acht Euro.

Streng nach Norden

Wir verlassen Berlin Richtung Nordosten über die B 5 - eine Gerade bis zum Horizont, ab und zu gestreift von Bäumen, Tankstellen und Siedlungen. Von Südwesten drückt der Wind dunkle Wolken über das flache Land. Wir treiben den Mustang voran, halten erst mittags zur letzten Portion Eier mit Speck in Wittenburg. Dort treffen wir ein paar Boss-Hoss-Biker, die uns den Strand von Boltenhagen empfehlen. Streng nach Norden.

Wir riechen das Meer, lange bevor wir es sehen. An der Promenade des schunkeligen Seebads parken wir den Ford so, dass er das Meer sehen kann. Nach der langen Fahrt fallen wir aus dem Mustang wie John Wayne vom Pferd und latschen breitbeinig zum Strand. Die Ostsee patscht sachte auf den Sand. Nach 1.800 Kilometern sind wir da. Über die Autobahn wäre es nur die Hälfte gewesen. Aber wir wollten reisen, das Land sehen und wissen jetzt: Das Glück, es liegt auf der Landstraße.

Kurz-Tipps Deutschlandtour:

Der Wagen: Ford bietet den aktuellen Mustang in Deutschland nicht offiziell an. Viele Grauimporteure, etwa MaxxCar in Leonberg (www.maxxcar.de), holen ihn aber doch zu uns. Es gibt den Mustang als Coupé und Cabriolet in drei Motorvarianten: als Vierliter-V6 (Coupé ab rund 28.000 Euro), als 4,6-Liter-V8 (Coupé ab etwa 32.000 Euro) und als Mustang Shelby GT500 (ab rund 55.000 Euro), den ein 5,4-Liter-V8 mittels 507 PS zu Ehren von Carol Shelby in unter fünf Sekunden auf Tempo 100 presst. 13 Liter Superbenzin brauchte unser 4,6-Liter-V8 auch auf gemütlich gefahrenen 100 Kilometern.

Die Übernachtung: An Übernachtungsmöglichkeiten mangelt es nicht entlang der Strecke, nur richtige Motels sind kaum dabei. Wer auf der Deutschland-Tour in großen Städten Station macht, findet dort aber Motels der Kette Motel One (www.motel-one.de). Übernachtungen ohne Frühstück kosten ab 39 Euro im Einzelzimmer, im Doppelzimmer ab 49 Euro.


Die Wegzehrung:
Bei einer Reise durch ganz Deutschland liegen natürlich die ganzen kulinarischen Höhepunkte der germanischen Küche auf dem Weg: von Kässpätzle über Thüringer Bratwurst bis Labskaus. Wer sich nach US-Flair verzehrt, sollte in einem Diner dinieren. Davon gibt es zwar nur wenige, aber immerhin zwei etwas verbreitetere Ketten: Bonny’s Diner (www.bonnysdiner.com) und die an einigen Aral-Autohöfen platzierten Lara’s Diner.

Die Strecke: Am spannendsten ist es, nur der Kompassnadel nachzufahren. Uns führte sie zu folgenden Stationen: von Überlingen über Ostrach, Bad Saulgau, Herbertingen, Ehingen, Hochstädt, Donauwörth, Weißenburg, Gunzenhausen, Ansbach, Uffenheim, Würzburg, Gemünden, Jossa, Bad Brückenau, Hünfeld, Bebra, Eisenach, Bad Langensalza, Ebeleben, Sondershausen, Nordhausen, Netzkater, Hasselfelde, Halberstadt, Magdeburg, Genthin, Brandenburg, Berlin, Wustermark, Kyritz, Ludwigslust, Wittenburg, Gadebusch, Grevesmühlen nach Boltenhagen.

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Sebastian Renz

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