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Die Monte neben der Monte

Foto: Peter Göbel 32 Bilder

Echte Rallye-Fans fahren neben der eigentlichen Rallye ihre eigene Veranstaltung. Dabei bekommt die Jagd nach dem besten Zuschauerplatz gleich viel mehr Pfeffer, wenn das Transportmittel für den geplanten Einsatz völlig überdimensioniert ist. Ein Selbstversuch.

30.01.2007 Markus Stier

Es ist irgendwie nicht ganz das, was wir bestellt haben. Irgendwie größer, riesig, monströs. Bei 2,30 Meter Breite wird eine Allgäuer Landstraße schon zum Nadelöhr. "Kein Thema", sagt Peter am Telefon. "Bei der Monte gibt es dieses Jahr nur breite Straßen." Zu diesem Zeitpunkt ist ihm nicht klar, dass die Windschutzscheibe gut und gerne Einmeterdreißig vom Lenkrad entfernt ist, die Sonnenblenden sind so groß wie Surfbretter. Der Auftritt des Dethleffs Advantage 6611 ist so Ehrfurcht gebietend, dass sämtliche Wachposten in Valence das Ungetüm ohne jeglichen Widerstand bis auf den eigentlich gesperrten Rallye-Serviceplatz  rollen lassen.  

"Das ist ganz sicher das größte Presseauto, das je bei einer Monte akkreditiert war", sagt ein Fotograf, der uns gleich am ersten Tag das Leben rettet.  Auf unserer dynamischen Abfahrt vom Shakedown hält er uns auf: "Weiter unten kommen zwei schmale Brücken, da kommt ihr nie durch." So werden die Fernsehzuschauer um herrliche Bilder betrogen, auf denen ein weißes Monstrum und dahinter sechs World Rally Cars und ein halbes Dutzend Fahrer zu sehen sind, die versuchen, die Schwachköpfe zu verprügeln, die die Straße blockiert haben.

Gleich treffen wir ein Wildschwein

Was lernen wir daraus: Nach all den Jahren mit kompaktem Übernachtungsgerät sollten wir uns mit unserem Dethleffs-Boliden, unter dem sich unsichtbar ein Fiat Ducato versteckt, ganz schnell an neue Dimensionen gewöhnen. Der gute Vorsatz hält etwa einen halben Tag. Auf der Suche nach einem schönen Übernachtungsplatz mit Aussicht stoßen wir in einen asphaltierten Hohlweg. Drei Kilometer geht es durch den Wald. "Gleich treffen wir ein Wildschwein", sagt Peter. Kein Thema, Rosmarin und Thymian haben wir dabei. Das Problem ist eher ein unüberwindbares Nadelöhr. Im Stockdunkeln geht es einen halben Kilometer rückwärts. Immerhin stoßen wir auf eine schöne große Wiese mit Blick auf die tausend Lichter von Valence, was, wenn man nur weit genug weg ist, durchaus seine Reize hat.

Am nächsten Morgen dann die böse Überraschung: Dass der Camper schon vor der Abreise 120 Liter gebunkertes Trinkwasser selbständig abgelassen hat, damit die Heizung nachts nicht zufrieren kann, macht ja Sinn. Dass er einen Tag nach erneutem Auftanken und drei Mal Kaffeewasser Aufsetzen schon behauptet, er sei nur noch halb voll, sind wir gewohnt. Doch nach der ersten Nacht ist der Strom komplett weg. Das Display fordert: Batterie aufladen. Es ist ein völliges Rätsel, wer in der Nacht den Fernseher angelassen hat. Wir haben nämlich gar keinen. Doch damit nicht genug: Beim Wiedereinschalten der Standheizung behauptet auf einmal eine der Gasflaschen, sie wäre schon auf Reserve. So macht Reisen Spaß. Später stellt sich heraus: Es war falscher Alarm.

Weiche Stellen im Stacheldraht

Nach den ersten zwei Nacht-Prüfungen am Donnerstag mit Lagerfeuern und Silversterraketen sind nicht nur die Zuschauer in Bombenstimmung. Im Überschwang der Gefühle trauen wir uns spät abends am Col de la Fayolle an der langen Schlange parkender Autos vorbei. Die Hoffnung, weiter vorn noch einen Stellplatz zu finden, ist eigentlich völlig utopisch. Was für eine Verschwendung, neben uns gibt es tausende Quadratmeter unbenutztes Weideland. Wir finden - formulieren wir es mal so – eine weiche Stelle im Stacheldrahtzaun. Noch Stunden später fragen sich die frisch anreisenden Horden: Wie sind die bloß mit ihrem Riesenkoffer über den Zaun geflogen.

Die Nacht ist ein bisschen unruhig, nicht nur, weil uns der Fluch der bösen Tat mit Träumen von wütenden Bauern mit doppelläufigen Flinten heimsucht, auch der Lärm von schlagenden Autotüren und angeheiterten Franzosen hält uns auf Trab. Am Morgen ist unsere Wiese komplett zugeparkt. Jemand mit noch kriminellerer Energie hat einfach auf ein paar Metern den Draht durchgeknipst und die Weide zum regulären Parkplatz erklärt. Die Menschen haben heutzutage einfach keinen Respekt mehr vor fremdem Eigentum.

Hoffnungslos eingekeilt

Wir sind hoffnungslos eingekeilt. Doch wer bei der Rallye Monte Carlo möglichst nah am Geschehen parken will, muss sich sowieso damit abfinden, dass er vor dem Abend nicht mehr wegkommt. Das Abendessen wird also heute vor der Abreise serviert. Es wird Spagetti mit einer Sauce aus gegrillten Paprika und getrockneten Tomaten geben. Bei einer vollausgestatteten Küche mit drei Gasflammen sind wir vom Aufwärmen von Dosenfutter weit entfernt.

Aufbruch mit vollem Bauch zur nächsten Etappe. Die ringförmige Prüfung bei St.Bonnet le Froid liegt eigentlich nur eine gute Stunde nördlich, doch weil sich vermutlich die Massen bei Start und Ziel im Süden versammeln werden, planen wir den den großen Umgehungsangriff im Norden. Nach drei Tagen mit dem weißen Monstrum geht das Manövrieren über nächtliche Landsträßchen erstaunlich leicht von der Hand. Für seine Maße und 3,2 Tonnen Lebendgewicht lässt sich der Dethleffs dazu verblüffend gut fahren. Der 2,3 Liter Saugdiesel mit seinen 130 PS zieht auch auf gebirgiger Strecke gut vorwärts, die Bremsen zeigen bergab keine Ermüdungserscheinungen. Bevor jedoch Übermut um sich greift, ein Warnschuss: Frische Bremsspuren und ein zwischen Bäumen eingekeilter Alkoven mahnen auf dem Weg nach Norden zur Mäßigung.

Flüche auf die klobigen Riesen

Früher haben wir auf die klobigen Riesen leidenschaftlich geflucht. Die rollenden Verkehrshindernisse sind zu langsam, zu breit und verursachen bei Begegnungen in engen Dörfchen auch gerne mal eine Vollblockade. Nun fahren wir ganz vorn in einer Kolonne und bemühen uns, die Eiligeren möglichst schnell passieren zu lassen und ansonsten zügig voranzukommen.

Es hat einiges für sich, seine Reisen mit einem mehrmaligen deutschen Rallyemeister zu unternehmen. Göbels Peter auf dem rechten Sitz verzweifelt zwar an unserem Nachrüstnavigationsgerät, weil sich die Dame im Computer ständig verirrt, aber die Kartendarstellung auf dem Bildschirm ist zuverlässig, und so brausen wir fortan mit Streckenansage durch die Nacht: "Rechts fünf ... links fünf kurz über Kuppe ... lange Gerade," Mit derlei präzisen Voraussagen lässt sich unser Schwergewicht deutlich effektiver in Schwung halten. Das Fahren mit Aufschrieb erfordert zwar große Konzentration, macht aber einen Heidenspaß. Nach einer Viertelstunde sind keine Lichter mehr hinter uns.

Der kürzeste Heimweg


Schön dunkel ist es auch auf dem gefundenen Waldparkplatz. Nur wenige Autos haben sich an den nördlichsten Punkt der Rallye verirrt. Für teutonische Rallye-Fans hat der Besuch der Ortsdurchfahrt von St.Julien de Molesabathe einen großen Vorteil: Von hier ist der Heimweg am kürzesten. Nach dem zweiten Durchgang liegen die beiden Citroën von Loeb und Sordo bequem in Front. Die Rallye ist schon am Samstagnachmittag entschieden.

Es ist ein seltsames Gefühl, sich schon jetzt auf den Heimweg zumachen, aber nur für eine Gaudi-Prüfung auf den Straßen von Monte Carlo am Sonntagmorgen noch 400 Kilometer nach Süden fahren – nein danke. Eigentlich schade, denn das mondänste Wohnmobil, mit dem wir je zur Monte reisten, hätte sich auch im Hafen von Monaco gut gemacht.

Blick aus dem Weltraum

So bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits war es nett, mal neue Gegenden zu erkunden und das Frühlingswetter zu genießen, während in Deutschland der Orkan tobte, andererseits waren die Prüfungen nicht wirklich spannend. Wie genial wäre es gewesen, hätte überall ordentlich Schnee gelegen. Genug geträumt: Jetzt müssen wir noch schnell mal ins Google Earth schauen. Unsere mobile Villa ist bestimmt das erste Presseauto, das vom Weltraum aus zu sehen ist.

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