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Der Moufang-Brüder Clan

Schrecken der nationalen Rallye-Szene

Moufang-Brüder Foto: Roeseler 15 Bilder

Brüder sind die Erfolgsgespanne der Gegenwart. Da sind die Ludolfs oder die Klitschkos, und irgendwo dazwischen wohnen in der hessischen Rallye-Hochburg Schotten die Moufangs. Sie sind seit zwei Jahrzehnten der Schrecken der nationalen Rallye-Szene.

04.07.2009 Markus Stier Powered by

Es ist schon so etwas wie Konzeptkunst. An der Wand hängt die Skulptur eines nagelneuen Auspuffstrangs, daneben zwei alte Motorradfelgen. Mitten im Raum steht ein halb zugedeckter Rallye-Motor, an einem Regal parkt ein halbes Dutzend Skier, am Boden liegt ein Stapel Titanpleuel. Wer sich hier frei bewegen will, sollte eine mehrjährige Ballettausbildung haben, um mit sicherem Gleichgewicht auf Zehenspitzen laufen zu können.

Ein paar Kilometer weiter wohnt der Bruder, der hat mehr Platz in der Werkstatt, aber viel anders sieht es nicht aus. Plättchen zur Ventileinstellung lungern in einem offenen Pappkarton, auf allen freien ebenen Flächen stehen Pokale, dazwischen die eine oder andere Bierflasche - es ist nicht ganz klar, welche Trophäe die bedeutendere ist. Auch auf dem Gästeklo muss sich niemand langweilen. Er kann mit der Kurbelwelle spielen, die vor der Tür liegt.

Moufang-Kurve auf dem Schottenring

Kein Wunder, wird der Kleingeist sagen, dass man in den Annalen des Motorsports diese Jungs nicht findet. Von wegen. Es gibt sicher ordentlichere Wartungsstätten für Rallyeautos als die Garagen von Markus und Norbert Moufang, aber der erste Eindruck täuschte selten so gewaltig wie hier. Wie kann es sein, dass die hessischen Brüder seit fast zwei Jahrzehnten der Schrecken der nationalen Rallye-Szene sind? Die Antwort liegt wenige Kilometer entfernt im Örtchen Schotten, das es wegen seiner Straßenrennstrecke, dem Schottenring, zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Dort gibt es eine Moufang-Kurve, seit sich Werkzeugmachermeister Fritz-Ferdinand Moufang in den zwanziger Jahren bei einem Motorradrennen hier zwei Rippen brach.

Drei Generationen Moufang im Rallye-Sport
 
Großpapas Gene waren stark genug, dass sie noch drei Generationen weiter wirken. Als Markus Moufang acht war, schnupperte er zum ersten Mal Rallye-Luft. Dass der Virus nicht abzutöten war, lag auch an Rainhard Hainbach, der in Schotten Ford Escorts und Opel Asconas vorbereitete, mit denen er deutscher Rallye-Meister wurde. Da traf es sich, dass der Metall verarbeitende Betrieb der Moufangs ihm Spezialteile liefern konnte. Indessen wurde das Jucken im rechten Fuß von Norbert Moufang unerträglich. Norbert ist der ältere von Fritz-Ferdinands Enkeln, und mit ihm ging es richtig los. Anfang der Achtziger kaufte er sich einen C-Kadett und brauchte drei Rallyes, bis er die erste Bestzeit gegen Eberhard Krumm einfuhr, damals der Mann in der Zweiliter-Klasse, den es zu schlagen galt.
 
Wenige Jahre später startete auch der acht Jahre jüngere Markus mit einem Kadett zu seiner ersten Rallye, wie bei Norbert stellten sich auch bei ihm schnell Erfolge ein. Allerdings wurde er mit dem Opel nicht so richtig warm, weshalb er 1990 einen BMW M3 anschaffte, mit dem er nur knapp die deutsche Rallye-Trophäe gegen einen gewissen Dieter Depping verlor, der es später zu drei deutschen Meistertiteln brachte. Doch mit den Jahren wurde es mit den Moufangs und ihren Autos wie mit altem Malt-Whiskey: Sie wurden immer besser. Die neuen Autos waren immer schwerer und größer geworden, bei den meisten lösten die Vorderräder den Heckantrieb ab.
 
Der beste Opel, den BMW je gebaut hat
 
Bei den Moufang-Geräten lief zwar irgendwann die Homologation aus, aber zum Glück gibt es ja die Gruppe H. Mag sein, dass das H mal Historisch bedeutete, in Wahrheit steht es für Hammer-Apparate, denn in dieser Gruppe ist fast alles erlaubt, was sonst verboten ist. Und so wich in Norberts Kadett der schon zu Röhrl-Zeiten anfällige Zylinderkopf einem Experimentalteil aus der Formel-2-Abteilung. Die Pleuel sind (selbst gefertigt) aus Titan, und Doppeleinspritzanlagen sucht man beim Serien-Kadett vergebens. 260 PS holt Norbert Moufang aus dem Motor - die Karosse verdient ihren Namen kaum noch, denn abgesehen von Dach und Bodengruppe ist alles an diesem 900-Kilo-Bomber aus leichtem Kunststoff. Das Tüpfelchen auf dem i ist der von einem M3 Evo entnommene Heckflügel, der dank verstellbarer Lippe ab Schaltstufe drei Traktionsprobleme unterbindet.
 
Böse Zungen sagen zum Moufang-Kadett: "Der beste Opel, den BMW je gebaut hat." Das vergammelte Nummernschild ist mit einer Inbusschraube notdürftig an die Front gedübelt, im speckigen Motorraum klafft ein Loch, weil der Motor gerade überholt wird, das Cockpit könnte mal neu tapeziert werden. Es ist immer noch sein erster Kadett, und auch wenn die Kilometerleistung allein auf den Wertungsprüfungen den Tachostand manches Abwrackprämien- Kandidaten übersteigt, sagt Norbert: "Unter 100.000 Euro würde ich mein Zeug nicht hergeben." Kein Wunder - allein wegen der sportlichen Bilanz. Ein erfolgreicheres Rallye-Auto hat es, abgesehen von dem seines Bruders, in Deutschland nie gegeben.
 
Die Moufang-Autos sind schnell und standfest
 
Markus Moufang baute seinen M3 seit 1992 konsequent auf den Stand der letzten DTM-Version des E30 auf. Zum 2,5-Liter-Motor mit 320 PS kam ein sequenzielles Sechsganggetriebe, wo die Rennsportteile im Rallyeeinsatz versagten, fertigte Markus eigenhändig stabilere und leichtere Komponenten. "Andere würden sagen, unsere Autos sind alt. Ich würde sagen, sie sind ausentwickelt", sagt der 45-Jährige. Als Konsequenz sind die Moufang-Autos nicht nur furchtbar schnell, sondern auch enorm standfest. "Selbst in Jahren, wo ich 20 Rallyes fuhr, bin ich allenfalls zwei Mal mit einem Defekt ausgefallen", sagt Norbert. Auch Blech bauen die Brüder selten. Obwohl böse Zungen behaupten, es sei schon nicht so schlecht, dass Markus Moufangs Beifahrer Hartmut Walch einen kleinen Sehfehler habe und nicht so richtig mitkriege, was draußen so vorgeht.
 
Moufangs Fahrstil mag zuweilen wüst aussehen, aber er weiß, was er tut. Das gilt ebenso für Bruder Norbert, der sagt: "Ich habe noch nie im Leben ein Krankenhaus von innen gesehen." Wer ein zuverlässiges Topsportgerät hat und damit ausgezeichnet umzugehen weiß, der gewinnt auch. Norbert fuhr in wildesten Zeiten 28 nationale Rallyes im Jahr. Markus schätzt, bei ihm seien es insgesamt um die 200. Die Siege können sie längst nicht mehr zählen, die Pokale nicht mehr stapeln. Markus gewann von sechs Ost-Bayern-Rallyes sechs, Norbert gewann vier Mal die Rallye-Trophäe, früher die zweite Liga des deutschen Rallyesports.

Die Brüder haben jeden Lauf in ihrer Klasse gewonnen
 
Mit Schrecken denkt der deutsche Rallyesport zurück an das Jahr 1997, als die Brüder bei jedem der zehn Läufe zur Rallye-Trophäe den Sieg in der Zweiliter- und der Zweieinhalb- Literklasse einfuhren und punktgleich den Titel holten. Fahrerisch sehen sie sich auf einem Niveau, aber untereinander haben sie es nie ausgefahren. Die Moufangs gehen sich wie die berühmten Box-Brüder Klitschko aus dem Weg und mehren getrennt den Ruhm der Familie. Markus zieht die internationalen Rallyes in Deutschland und Österreich vor. Allerdings macht er um die Deutsche Meisterschaft neuerdings einen Bogen, weil er die bevorzugte Behandlung der eingeschriebenen Teilnehmer nicht einsieht: "Wenn ich ein Auto habe, mit dem ich unter die Top Ten fahren kann, lasse ich mich nicht mit Startnummer 42 ins Hinterfeld einreihen."
 
Norbert tummelt sich vorzugsweise bei den eintägigen nationalen Veranstaltungen, auch wenn er sich zuweilen nicht so richtig ausgelastet fühlt wenn er gerade richtig warm geworden ist, die Rallye aber nach 30 Prüfungskilometern schon zu Ende. Zum einen hat er wegen seines eigenen Unternehmens nicht mehr so viel Zeit, zum anderen "sind bei den Nationalen die Siegerehrungen lustiger", sagt Norbert. Zurzeit haben beide ihre Autos zerlegt, um sie für neue Taten aufzubauen. Die Konkurrenz darf so lange zittern. Nicht überall sind die Moufangs gern gesehen, denn wer kauft sich schon gern für über 100.000 Euro einen nagelneuen Mitsubishi Evo und lässt sich mit seinem 1,3 Tonnen Turbo-Schwergewicht dann von einem fast 20 Jahre alten Fliegengewicht verblasen?
 
Erfolg ohne großen Hersteller oder Sponsor
 
Doch die Kritik lassen die hessischen Brüder nicht gelten. "Wenn einer sein Allrad-Auto wirklich gut beherrscht, ist er vor uns. Der Rest soll sich lieber mal an die eigene Nase fassen", sagt Norbert. Mit 54 denkt der ältere Moufang manchmal ans Aufhören, aber er kann nicht: "Es ist wie bei allen Süchten wie dem Trinken oder dem Rauchen." Auch wenn es die Brüder manchmal ärgert, dass an sie nie ein großer Hersteller oder Sponsor herantrat, um ihnen auf der Karriereleiter weiterzuhelfen. "Heute sehe ich das so, dass wir einen Haufen Erfolge und eine Menge Spaß hatten", sagt Norbert. Markus will erst Schluss machen, "wenn ich nur noch um die goldene Leberwurst fahren kann."
 
Selbst wenn sie eines Tages den Helm an den Nagel hängen, kann sich die Rallyeszene noch nicht entspannen, denn der nächste Moufang steht schon in den Startlöchern. Maurice ist Markus’ Ältester und tritt nach einem Übungsjahr in einem BMW 320is nun mit einem BMW 120d im HJS-Diesel-Masters an. Auch beim 21-Jährigen steht der Spaß im Vordergrund. Der Suzuki-Cup mag die etabliertere Bühne für den Nachwuchs sein, er fährt lieber mit 400 Newtonmetern und Heckantrieb. "Das ist die bessere Schule", meint Vater Markus, der in diesem Auto selbst 2006 die Diesel-Serie gewann.

Wohin mit den siegverwöhnten Autos?
 
Während seine drei Sprösslinge schon mal spaßeshalber am Mittagstisch diskutieren, wer denn mal die zwei nagelneuen Rohkarossen von zwei weiteren BMW M3 Evo erben wird - was soll später mit Papas Überauto werden? Verkaufen würde er ihn nie. "Wenn man mal so viel Zeit mit einem Auto verbracht hat, ist es , als würde man ein Stück von sich selbst hergeben", meint Markus. Da gefällt den Moufang-Brüdern noch eher der Gedanke, ihre siegverwöhnten Autos einst ausgestellt zu sehen. Das Technik-Museum in Sinsheim wäre doch ein angemessener Ort, natürlich erst, nachdem sie ihre Karrieren beendet haben. "Na, ja", sagt Norbert, "wenn ich mal 83 bin."
 

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