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Die Stunts von BJ Baldwin

Ein Mann und seine Macken

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Der US-Rennfahrer BJ Baldwin hat zwei Gründe, um mit seinem 800-PS-Pickup nach Mexiko zu reisen: die Wüsten-Rennen Baja 500 und Baja 1.000 und der Dreh eines irren Videos auf den Straßen der Stadt.

28.03.2015 Claus Mühlberger Powered by

Mit Karacho schießt der schwarze Pickup über die Kante des Bürgersteigs, poltert eine Treppe hinunter. Die Hauptstraße überquert das fast drei Tonnen schwere Monster fliegend, in zwei Metern Höhe. 40, 50 Meter später setzt der Pickup zur Landung an, die Fuhre taucht tief in die Federn ein. Fahrer BJ Baldwin kennt kein Erbarmen – er gibt Vollgas. Angriffslustig röhrt der 800-PS-V8. Mit qualmenden Hinterrädern und verwegenem Driftwinkel biegt er in eine Seitenstraße ein.

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Reportage Die Stunts von BJ Baldwin
auto motor und sport 05/2015
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"Danach blutet mir der Hintern"

Sieben Minuten lang ist dieses in der mexikanischen 250.000-Einwohner-Stadt Ensenada gedrehte Actionvideo "Recoil 2". Und keine Sekunde davon ist langweilig. In der Hauptrolle: der schwarze Pickup-Prototyp, ein sogenannter Trophy Truck, mit dem der Amerikaner BJ Baldwin 2012 und 2013 jeweils das schwerste Eintagesrennen der Welt gewann, das Baja 1.000 – ein Nonstop-Rennen, das, wie der Name nahelegt, über eine Distanz von rund 1.000 Meilen führt. Zeit für den Sieger: rund 20 Stunden. Harte Burschen nehmen dieses Rennen als Solisten in Angriff. BJ Baldwin ist ein solcher Ironman. "Danach blutet dir der Hintern", brummt er.

Die Handlung von "Recoil 2"? Nebensache. Und hanebüchen. Aber das ist egal. Aus irgendeinem Grund, den der Zuschauer nicht erfährt, fliegt BJ mit einem Hubschrauber nach Mexiko, begleitet von einem Rudel praller Bikini-Schönheiten und einem Kampfhund. Baldwins Aufgabe besteht darin, schnellstmöglich die Stadt zu durchqueren, um die Bunnys am Strand wiederzutreffen.

Verglichen mit dem, was Baldwin in Ensenada aufführt, wirkt Steve McQueens sagenhafte Verfolgungsjagd in dem Hollywood-Krimi-Epos "Bullitt" von 1968 wie ein betuliches Filmchen vom Verkehrsübungsplatz. Und sogar Ken Block, der ungekrönte König der Stuntfahrer, hat allen Grund, blass zu werden, denn BJ Baldwin gab den Stunts die dritte Dimension.

Vollgastier oder stiller Athlet? Sowohl als auch

"Bei den Dreharbeiten hatte ich eigentlich nur eine Sorge", sagt er. "Nämlich, dass ich bei den meterhohen Sprüngen mit dem Dach des Pickups die Stromleitungen runterreiße." Viel Zeit zum Üben oder für x-faches Wiederholen der Szenen hatte er nicht: "Nach fünf Tagen waren wir fertig." Von den Klickzahlen des Youtube-Königs Ken Block ist "Recoil 2" noch ein ganzes Stück entfernt. "Aber sechs Millionen Aufrufe nach drei Wochen sind auch nicht schlecht", meint Baldwin.

Im Getümmel der Sema-Show von Las Vegas, der weltgrößten Messe für Tuning-Autos, ist BJ nicht leicht auszumachen, weil er meist von einer Schar von Grobianen umgeben ist, die ihm mit ihrem massiven Körperbau, den struppigen Bärten, den üppig tätowierten Armen und den schief aufgesetzten Baseball-Kappen sehr ähnlich sind. Dauernd klopfen sich diese Burschen krachend auf die Schultern, und sie schreien sich an, dass selbst der Schwerhörigste ihrer Konversation noch in 20 Metern Entfernung mühelos folgen kann. Kostprobe von Baldwin: "Ich bin Rennfahrer geworden, weil ich weder singen noch tanzen kann." Die tätowierte Entourage wiehert begeistert.

Solange seine hyperaktiven Buddys in der Nähe sind, ist mit Baldwin kaum ein vernünftiges Wort zu wechseln. Doch wenn man erst mal ein ruhiges Eck fürs Interview gefunden hat, vollzieht sich bei BJ eine erstaunliche Metamorphose. Aus dem krachigen Vollgastier wird ein eher stiller Athlet, der über seinen Sport ernsthaft reflektiert, ausgefallene Fremdwörter korrekt verwendet und nicht mal Angst davor hat, über seine Nervosität vor den Rennen zu sprechen.

Extreme Belastung im 800 PS Truck

"Schon Wochen vor der Baja 1.000 schlafe ich schlecht", räumt er ein. "Schon einen Monat zuvor bin ich ein anderer Mensch. Meine Dämonen sind immer mit dabei." Nicht zu unterschätzen ist bei der Baja 1.000 auch die physische Belastung. Mehr als 20 Stunden nonstop saß Baldwin bei seinen Siegesritten jeweils hinter dem Lenkrad. "Danach hatte ich einen blutigen Hintern und wund gescheuerte Schultern – von den Gurten", grinst er. "Die Belastung nimmt exponentiell zu, je länger man unterwegs ist. Zehn Stunden hinter dem Lenkrad fühlen sich an wie 15 Stunden. Aber wenn du erst mal 15 Stunden unterwegs warst, hast du das Gefühl, als würdest du schon seit einer ganzen Woche fahren."

Romantische Vorstellungen von der wunderschönen Landschaft mit noch wunderschöneren Wildwest-Sonnenuntergängen sind bei diesem Rennen völlig unangebracht. "Es ist wirklich hart, und die Trophy Trucks sind ziemlich schnell." Ziemlich schnell – das ist eine glatte Untertreibung: Bis zu 230 km/h schafft Baldwins 800 PS starker Trophy Truck, und da spielt es kaum eine Rolle, ob die Schlaglöcher zehn Zentimeter tief sind oder einen halben Meter.

Prestige-Offroad-Rennen Baja 1.000

Der Amerikaner kennt übrigens auch die Dakar-Rallye. Zweimal ist er bei dem Etappenrennen gestartet, und er fand es "ziemlich langweilig, weil die Autos dort bloß 400PS haben. Mein Baja-Truck hat doppelt so viel Leistung, er ist 40 km/h schneller, und er marschiert viel besser durch die Löcher." 2012 und 2013 gewann Baldwin das Baja 1000, das prestigeträchtige Offroad-Rennen auf der mexikanischen Halbinsel Baja California. "Danach habe ich jeweils vier oder fünf Tage gebraucht, bis ich wieder ich selbst war."

Aber wer ist BJ Baldwin wirklich? Ansatzlos wechselt er ins Fach des Unterhaltungskünstlers – Spezialgebiet: derber Humor. "Bis jetzt habe ich in meiner Karriere 146 Rennen verloren – und ich zähle weiter. Na ja, ein paar Rennen habe ich ja auch gewonnen." Absolut schmerzfrei ist Baldwin, wenn er seine Instagram-Fotos kommentiert: Diese Bildtexte sind mal mehr, mal weniger geistreich. Eines sind sie aber immer: schonungslos direkt, hoffnungslos albern – und in allerhöchstem Maße politisch unkorrekt. Mal postet der Liebhaber großkalibriger Waffen den Merksatz: "Sunday ist gunday" – Sonntag ist Schützenfest. Mal ist Freundin Lisa Zielscheibe seines derben Humors: "Heute gebe ich ihr ein paar Drinks aus", schreibt BJ zu einem Foto, das die beiden zeigt, wie sie sich zuprosten. "In der Hoffnung, sie später nackt zu sehen."

Einem Jungen, der ihn fragt, wie man Rennfahrer wird, rät er: "Du bist doch erst 15. Du könntest bessere Sachen machen, als Rennen zu fahren. Du könntest beispielsweise Gynäkologe werden. Klingt nach einer Menge Spaß." Wäre BJ ein Baseball-, Basketball- oder Footballstar, hätten solche Witzchen Folgen: Boulevard-Journalisten würden weinen vor Glück, Feministinnen würden eine drakonische Bestrafung des Wüstlings fordern, und die meisten Sponsoren würden den Geldhahn zudrehen.

BJ Baldwin der Einzelgänger

Baldwin hat da Glück, denn sein Geldgeber Monster strebt ein eher nonkonformistisches – manche würden sagen: finsteres – Image an. Außerdem fährt er nicht auf glatt gelutschten Rundstreckenkursen mit Auslaufzonen, die so groß sind wie die Sahara, sondern in der Wüste. Dort, wo Kerle noch Kerle sein dürfen.

"Ich bin nicht mit dem Lenkrad in der Hand auf die Welt gekommen", sagt BJ Baldwin bescheiden "Mein natürliches Talent zum Autofahren hielt sich in Grenzen. Ich habe mir alles mühsam erarbeitet." In Larry Ragland, dem fünfmaligen Sieger der Baja 1.000, hatte der 35-Jährige einen hervorragenden Lehrer. "Mein Vorbild war aber immer Ivan Stewart. Der heute 69-jährige Amerikaner ist eine Baja-Legende, weil er bei den Wüstenrennen stets als Ironman unterwegs war, also auf Ablösung verzichtete. Das heißt bei den Nonstop-Rennen in der Wüste: 20 Stunden und mehr ohne Pause hinter dem Lenkrad, die Hälfte davon bei Nacht. Baldwin wurde zum Ironman, weil er sich über die unzureichenden Leistungen seiner Teamgefährten ärgerte: "Sie hatten Unfälle, sie haben sich überschlagen oder sie hatten eine Menge Plattfüße." 2012 und 2013 gewann Baldwin das Baja 1.000, beide Male als Solist.

Die Mutter aller Offroader

Trophy Trucks sind die schnellsten und spektakulärsten Rennfahrzeuge im Offroad-Sport. Diese Autos unterliegen nur ganz wenigen Beschränkungen. Solange die Sicherheit des Prototyps stimmt, ist mit Ausnahme von Allradantrieb beinahe alles erlaubt. Der Renn-Pickup von BJ Baldwin, auf den Namen "Fedor" getauft, wird von einem Smallblock-V8 mit 7,5 Litern Hubraum angetrieben. Die Leistung liegt bei 800 PS, der Bestwert für das Drehmoment bei 935 Nm.

Eine Dreigang-Halbautomatik reicht die Kraft an die Hinterachse weiter. Die Fahrleistungen des schwarz-grünen Offroad-Monsters sind ebenso beachtlich wie sein Durst: 400 Meter genügen dem 2,9-Tonner, um Tempo 180 zu erreichen. Aber bei rascher Fahrt verlangt der Pickup nach 75 Litern Benzin pro 100 Kilometer. Der Tank fasst 250 Liter. Das Skelett des Pickups ist ein unzerstörbarer Stahlrohrrahmen. Für die überragenden Geländeeigenschaften zeichnen die gewaltigen Federwege, die riesigen Räder mit 37 Zoll (94 Zentimeter) Durchmesser und die Hightech-Stoßdämpfer verantwortlich: Vorne beträgt der Hub der Radaufhängung 66 Zentimeter, hinten sind es 86 Zentimeter.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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