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Die Zukunftspläne von Mercedes

Vom Groß-E zum Volks-G

Mercedes E-Klasse Foto: Christian Schulte 24 Bilder

Nicht nur wegen einer überarbeiteten E-Klasse, sondern auch wegen der Mercedes-Modellstrategie sollte die Konkurrenz wachsam sein. Mit neuen Fahrzeugen werden unter anderem Audi und Porsche ins Visier genommen.

06.06.2015 Jens Katemann

Gerade erst hat Audi-Chef Rupert Stadler öffentlich erklärt, wie inspirierend der sportliche Wettstreit mit BMW sei. Es werde spannend, wer bis 2020 die Nase vorn haben wird – Audi oder BMW. Zwischen den Zeilen gelesen: Die dritte deutsche Premium-Marke Mercedes spielt für Stadler offenbar keine nennenswerte Rolle. Muss man Mercedes beim Innovationswettlauf um die Kundschaft der Zukunft nicht länger auf der Rechnung haben? Nach unseren Recherchen zu den Plänen der Stuttgarter ist genau das Gegenteil der Fall.

Was richtig ist: Das Konkurrenzumfeld für die nächste E-Klasse-Generation könnte nicht schwieriger sein. Der aktuelle BMW 5er ist so komfortabel wie nie, Audi legte mit dem Facelift beim A6 in Sachen Verarbeitungsqualität noch mal die Messlatte höher. Doch was im Januar 2016 der Weltöffentlichkeit auf der Detroit Auto Show präsentiert werden wird, ist im Streit um die Premium-Krone keineswegs ein unscheinbarer Außenseiter. Und das nicht nur wegen der stattlichen Erscheinung – die E-Klasse wächst um fast zehn Zentimeter auf eine Länge von knapp fünf Metern – sondern auch wegen der Technik unter dem Blech.

Drei-Kammer-Luftfederung

Das gilt zunächst für die klassischen Daimler-Tugenden: Durch die Kombination eines etwas längeren Radstandes mit einer an der Hinterachse serienmäßigen Drei- statt vorher Zwei-Kammer-Luftfederung (vorne optional erhältlich) will Mercedes den Federungskomfort seiner Business-Limousine noch mal deutlich steigern. Das neue System soll die kleine Schwäche der aktuellen Luftfederung beim Anfedern ausmerzen. Das aus der S-Klasse bekannte Magic-Carpet-System, das mithilfe der Stereokamera und weiterer Sensoren die Straße abtastet und das Fahrwerk vorkalibriert, kommt nicht zum Einsatz. "Diese Technologie soll noch der S-Klasse vorbehalten bleiben", sagt ein Insider.

Das Platzangebot in der neuen E-Klasse wird für die Fondpassagiere dank des Längenwachstums etwas üppiger ausfallen. In den Kofferraum des T-Modells passt trotz des Plus an Länge jedoch nicht mehr rein, da die Heckscheibe künftig flacher steht. Die fließend anmutende Außenhaut, die sich stark an die mit S- und C-Klasse eingeschlagene Richtung anlehnt, sorgt nicht nur für einen Gegenpol zu den scharfen Kanten und Linien des VW-Konzerndesigns, sie verhilft der E-Klasse (Limousine) auch zu einem hervorragenden cw-Wert von voraussichtlich 0,23 (bisher: 0,25). Das hilft ebenso beim Spritsparen wie die weitere Gewichtsreduzierung um über 100 Kilogramm, die bereits mit der in der C-Klasse eingeführten Mischbauweise aus Aluminium und Stahl erreicht werden konnte. Das Leergewicht der Business-Limousine dürfte damit auf rund 1.500 kg sinken. Zum Vergleich: Der aktuelle BMW 5er bringt 1.670 kg auf die Waage, auf 1.610 kg kommt der Audi A6.

Im Cockpit kommt die nächste Connectivity-Generation von Mercedes zum Einsatz, mit der sich alle gängigen Smartphone-Modelle problemlos koppeln lassen sollen. Außerdem machen das analoge Kombi-Instrument und das ins Armaturenbrett integrierte Mitteldisplay einem rund 70 cm breiten und 15 cm hohen durchlaufenden Display Platz, in dem im Laufe des Modellzyklus Augmented Reality Einzug hält. Das heißt, das von einer Kamera erfasste Bild der Fahrbahn wird durch Echtzeit-Informationen via Internet ergänzt. So können zusätzliche Infos für Fahrer und Beifahrer in das Kamerabild eingeblendet werden. Außerdem neu: ein optionales Head-up-Display. Ein Touchscreen oder Gestensteuerung, wie sie BMW ab Herbst beim neuen Siebener einführt, sind bei Mercedes dagegen kein Thema. "Wir halten Gestensteuerung derzeit für den falschen Weg", sagt ein hochrangiger Manager zu auto motor und sport. Die Steuerung erfolgt stattdessen über ein Touchpad in der Mittelkonsole, welches die Funktion des bekannten Dreh-Drück-Stellers übernimmt. Dazu soll es eine verbesserte Sprachsteuerung geben.

Neue Mercedes E-Klasse startet nächstes Jahr

Marktstart der neuen E-Klasse ist im ersten Quartal 2016 zunächst mit den bereits in der C-Klasse eingeführten Vierzylinder-Benzinern. Dazu gesellt sich zügig ein neuer Vierzylinder-Diesel, der den glücklosen OM 651 ablöst. Sie erinnern sich, der mit den defekten Injektoren und Dichtungsringen am Kettenspanner. Ab 2017 folgt schließlich eine neue Generation doppelt aufgeladener Reihensechszylinder, die die V6-Triebwerke ersetzt. Nein, Mercedes geht es nicht darum, BMW ein Schnippchen zu schlagen, die sich von ihren legendären Reihensechsern ja verabschiedet haben. Vorteil der Bauart: Vier- und Sechszylindermotoren basieren bei Daimler künftig auf einem Baukasten, was viel Geld spart.

Die neue E-Klasse soll aber nicht nur bei Effizienz, Komfort und Konnektivität Maßstäbe setzen, sondern auch beim automatisierten Fahren. Ziel ist ein Autobahnpilot, der nicht nur angepasst an die Geschwindigkeit des Vorausfahrenden die Spur hält, sondern auch selbstständig die Spur wechselt und überholt – und dabei noch geschmeidiger agiert als das bekannte ACC. Mit ermöglichen soll dies die nächste Generation der Stereokamera, die eine noch bessere Auflösung bietet. Entsprechend höher wird die Rechnerleistung der E-Klasse ausfallen.

Kleiner kompakter Sportwagen á la AMG GT

In den vergangenen Jahren hat Mercedes bereits damit begonnen, seine Modellpalette deutlich zu erweitern – zunächst mit der A-Klasse-Familie. Der jüngste Spross ist der CLA Shooting Brake. Doch mit der nächsten Generation, die schon ab 2017/18 auf die neue MFA2-Plattform wechselt, soll es noch mehr Derivate geben. Dazu gehört eine Limousine, die anders als der CLA mehr Platz für Fondpassagiere und Gepäck bieten soll. Hauptfokus ist der chinesische Markt, auf dem Kompakt-Limousinen gefragt sind.

Spektakulärer könnte das zweite Projekt werden, an dem nach Informationen von auto motor und sport bereits gearbeitet wird: ein kompakter Sportwagen mit ähnlichem Look wie der AMG GT. Gegner? Der Audi TT. Sollte der Vorstand das Auto beschließen, könnte das auch das Ende des SLK sein. Denn eine offene Version eines kleinen AMG GT auf A-Klasse-Basis mit Stoffdach wäre günstiger zu realisieren.

Bei den SUV hat Mercedes bereits ein breites Angebot. Mit dem GLE Coupé rollt der BMW-X6-Gegner derzeit zu den Händlern. Was fehlt? Aus Sicht von Mercedes ein emotionaler City-SUV mit etwas mehr Platz als der coupéhafte GLA. Der GLB kommt 2019. Optisch wird er Anleihen am legendären G-Modell nehmen – allerdings mit moderner Interpretation.

Mercedes-AMG zielt auf Porsche

Der AMG GT bläst zum Angriff auf den Porsche 911, und bald sollen weitere AMG-Autos den anderen Porsche-Modellen das Leben schwer machen. Der AMG-Ableger des C Coupés, das Mercedes auf der IAA im September vorstellt, wird zwar lange nicht so eigenständig wie der AMG GT, aber doch eine deutliche AMG-Handschrift tragen. So bekommt das Auto massive Eingriffe in Fahrwerk und Karosserie. Und auch der Panamera muss sich warm anziehen: Ein sehr eigenständiges AMG-Modell mit vier Türen soll auf Basis der neuen E-Klasse gegen die sportlichste Business-Limousine der Welt antreten. Wie das aussieht? "Zumindest nicht wie ein AMG GT mit vier Türen", verrät ein mit dem Projekt Vertrauter. Intern wird auch aus Kostengründen die Strategie wie beim C Coupé favorisiert: starke Differenzierung zum normalen Mercedes-Modell ja, komplett eigene Karosserie eher nein.

Mercedes Image-Werte ziehen an

Traditionell steht die Marke Mercedes für besten Komfort, hohe Sicherheitsstandards und Solidität. Doch mit der neuen Optik von Chefdesigner Gorden Wagener rückt der Look der Mercedes-Modelle stärker in den Fokus der Käufer. Und auch in den der Leser von auto motor und sport: Im Rahmen der Leserwahl Best Cars beurteilten sie zuletzt nicht nur das Image der Marke Mercedes insgesamt signifikant besser, sondern auch das Design (plus vier Prozent). "Mercedes hat es geschafft, die klassischen Baureihen optisch eher klassisch-elegant weiterzuentwickeln und gleichzeitig mit emotionalen Autos wie der A-Klasse und dem AMG GT auch eine andere Richtung einzuschlagen. Ich habe davor hohen Respekt", sagt ein hochrangiger Manager eines anderen deutschen Autobauers. Ebenfalls stark auf das Image der Marke hat der Formel-1-Titelgewinn eingezahlt. Bei wichtigen Image-Kriterien wie "fortschrittliche Technik" erzielten allerdings Audi und BMW zuletzt noch etwas bessere Werte.

Doch was nützen Top-Design und gutes Image, wenn es in der Kasse nicht klingelt? Auch hier geht Daimler-Chef Zetsche seine Hausaufgaben an: "Die Modul- und Plattform-Strategie wird konsequent umgesetzt", sagt Henner Lehne vom Marktbeobachter IHS Automotive. "Waren es 2007 noch 24 Modell- bzw. Aufbauvarianten, sind es 2015 schon 27, und 2020 werden es 34 sein. Bei den Plattformen hingegen ist der Trend gegenläufig. 14 Plattformen in 2007, 11 in 2015 und 10 in 2020." Bis 2020 will Zetsche erreichen, dass Daimler die Nummer eins unter den deutschen Premium-Herstellern ist. Das mittelfristige Renditeziel der Pkw-Sparte von zehn Prozent wurde 2014 mit acht Prozent allerdings verfehlt. Trotzdem: Die Auslastung der Werke steigt kontinuierlich, in Europa und Nordamerika ist sie schon auf einem Top-Niveau.

Auch bei den Kooperationen hat Zetsche offenbar ein besseres Händchen als seine Vorgänger. Vor allem mit Partner Nissan laufe es sehr gut, heißt es intern. Aus der Partnerschaft entstehen in Zukunft mehr gemeinsame Modelle. So setzt die Nissan-Luxusmarke Infiniti auf die A-Klasse-Plattform ein Pendant zum GLA, Smart bekommt im Gegenzug einen kleinen SUV auf Basis der nächsten Generation des Nissan Juke.

Fasst man alles zusammen, gibt es ausreichend gute Gründe, Mercedes auch in Zukunft auf dem Radar zu behalten.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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