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Dirk Johaes Klassiker-Blog

Offene Worte

Dirk Johae Foto: Archiv

Wenn ich in der kleinen Bar an der Via Rebuffone in Brescia sitze und Richtung Startplatz der Mille Miglia schaue, denke ich an die Veränderungen für die Oldtimerrallye im nächsten Jahr: Start bereits ab 18 statt ab 20 Uhr und Zielankunft erst am Sonntag um die Mittagszeit statt Samstagnacht. Es ändert sich was, und nicht nur bei der Mille Miglia.


18.10.2013 Dirk Johae Powered by

Neue Sichtweisen kommen auf den Plan: "Motorsport mit Oldtimern sollte ein Tabu werden." Mit diesem in einen längeren Kommentar eingebettetes Zitat meldete sich Dr. Karl-Friedrich Ziegahn, der Präsident des Deutschen Sportfahrer Kreises (DSK), zu Wort.

Es ist eine von mehreren seiner Anregungen zur Sicherheitsdebatte im Motorsport. Ich habe daraufhin geschrieben und diese undifferenzierte Äußerung kritisiert. Der DSK-Präsident hat mir sofort geantwortet: "Ich wollte mit einer provozierenden Formulierung eine Diskussion vom Zaun brechen, die ein seit Jahren schlummerndes Sicherheitsproblem aufgreift." Wir treffen uns auf der Motor Show Essen, um weiter zu diskutieren.

"Wir haben als DSK die Verpflichtung, eigenverantwortlich kritische Fragen aufzugreifen und ohne Denkverbote über Lösungen nachzudenken", hat mir Dr. Ziegahn geschrieben. Kritische Fragen, keine Denkverbote - haben wir das nicht fast verlernt? Und hatte ich nicht Walter Röhrls Äußerungen zum DTM-Lauf auf dem Norisring gelobt?

Charakterköpfe gesucht

Kritische Fragen, keine Denkverbote - Wie sehr uns das abhanden kommt, zeigt die hitzige Diskussion um Hans-Joachim Stucks Aussagen zur DTM in der Münchener Abendzeitung vom 1. Oktober. Darin geht es unter anderem um die Popularität der letzten DTM-Champions: Mike Rockenfeller sei zu leise und zu lieb. "Spengler war ein toller Meister, aber ehrlich: Den kennt man nicht."

Das hat für viel Aufruhr gesorgt: Wie kann ein DMSB-Präsident so etwas sagen, noch dazu der Motorsportrepräsentant des Volkswagen Konzerns? In einem zweiten Interview, das fünf Tage später im gleichen Blatt erschien, sagt Stuck unter anderem zum Zustand der Rennserie: "Wir müssen uns da auch an die eigene Nase fassen. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht in einer Blase befinden", bemerkt er. "Wir müssen den Fans wieder zuhören."

Auch wenn ich nicht den Inhalt jeder Provokation, die eine Diskussion vom Zaun brechen soll, vollkommen teile: Um aus dem Trott der allgefälligen Meinungen herauszukommen, braucht es Menschen wie Hans-Joachim Stuck oder DSK-Präsident Ziegahn, die sich trauen, ihre Meinung zu äußern. Sie sind Charaktere, die wir vielfach im Cockpit vermissen oder vielleicht sogar gar nicht mehr suchen.

Warum ist Kimi Raikkönen bei den Fans so beliebt? Wieso hat sich Hollywood-Regisseur Ron Howard bei "Rush" für die Charakterköpfe Lauda und Hunt als Hauptfiguren entschieden? Weil sie durch ihr Rückgrat und ihre eigene Meinung interessant sind und nicht nur die Hunderstel hinterm Komma bei Rundenzeiten und Topspeed.

Unbekannte Rennfahrer mit großen Erfolgen

Hat Hans-Joachim Stuck nicht recht mit seiner Einschätzung? Die DTM-Piloten sind ja nur ein Beispiel. Nicht zuletzt durch die gezielte Nachwuchsförderung gibt es in Deutschland derzeit so viele erfolgreiche und Rennfahrer: Wirklich bekannt sind aber von den aktuellen Piloten nur Sebastian Vettel, Nico Rosberg, möglicherweise Niko Hülkenberg sowie vielleicht Adrian Sutil. Da gibt es jedoch sensationelle Fahrer wie Timo Bernhard, der schon die 24 Stunden-Rennen von Le Mans, Daytona und am Nürburgring gewonnen hat, der ein ebenso guter Rundstrecken- wie Rallyefahrer ist. Bekannt ist Bernhard aber nur bei Insidern. Ich möchte ihn nur beispielhaft nennen, es gibt einige andere mehr.

Andererseits hatten Renn- und Rallyefahrer selten den Stellenwert, den sie verdient hätten. Am vergangenen Wochenende bin ich zum ersten Mal Fabrizia Pons begegnet. Ich bin schon lange keinem Menschen mehr begegnet, der mich derart beeindruckt hat. Als Beifahrerin stand sie immer im Schatten ihrer Fahrerinnen und Fahrer, allen voran Michele Mouton, mit der sie von 1981 bis 1984 im Audi Quattro fuhr. "Ich habe Fußball immer gehasst", erzählt sie. "Allein deshalb, weil der Sport viele Seiten der Zeitungen belegt hat. Wenn wir eine WM-Rallye gewonnen hatten, tauchte das als kleine Meldung auf Seite 9 unten in der Ecke auf."

Kritische Fragen - keine Denkverbote

Aber die Italienerin, die nie etwas anderes gelernt hat als Rallye-Copilotin, war bei Rallylegend so beliebt wie die Weltmeister Biasion, Auriol oder Sainz.

Auch Fabrizia Pons liebt die gerade Linie und das offene Wort. Sie hat zu allem eine klare Meinung, die sie charmant, aber bestimmt äußert. Ich schreibe gerade eine Geschichte über sie, die im November in Auto Straßenverkehr erscheinen soll. Aber jetzt muss ich das Manuskript zum Interview mit Mario Theissen, der Oldtimer-Referenten des ADAC, und Frank Reichert, neuer Leiter der ADAC-Oldtimersektion lesen, das in der nächsten Motor Klassik-Ausgabe erscheint. Kritische Fragen - keine Denkverbote: Bin gespannt, was die beiden Interviewpartner zu sagen haben. Dafür brauche ich jetzt aber einen großen Kaffee, Signora.

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