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Dirk Johaes Klassiker-Blog

Original fährt nicht

Mercedes S Kompressor, Frontansicht Foto: Simon Clay 20 Bilder

Die neue große Mode heißt Originalität: Zeitschriften widmen dem Thema viele Seiten, ein Wirtschaftsmagazin sogar ein ganzes Heft. Aber: Für ein komplettes Fahrzeug ist diese trendige Vokabel nicht zu gebrauchen.

22.12.2013 Dirk Johae Powered by

Ich will Sie auch gar nicht lange aufhalten. Nehmen Sie auf eine Tasse Espresso Platz, ich erzähle Ihnen das kurz. Und weil Sie mir als vergleichsweise jungem Menschen wahrscheinlich nicht ganz trauen, beginne ich mit dem Zitat von Denis Jenkinson (1920-1996). Dieser legendäre englische Motorjournalist ist vor allem als Beifahrer von Stirling Moss im Werks-Mercedes berühmt: 1955 gewann das englische Team die Mille Miglia in Rekordzeit.

Buch von Jenkinson

1987 erschien von Denis Jenkinson ein schmales Buch, dessen Titel übersetzt so viel heißt wie„Verzeichnis der historischen Rennwagen“. Die Übersetzung des Untertitels: "Die Überlebenden - echt, authentisch & Facsimile". Historische Rennwagen waren für Jenkinson ausschließlich Monoposti. Um die noch existierenden Rennwagen zu beschreiben, verwendete Jenkinson Begriffe, die er vorher klar definierte.

Unmöglich

Zum Stichwort "Original" schrieb "Jenks": "Nahezu unmöglich, etwas in dieser Kategorie zu finden. Es hätte gleich nach der Fertigstellung in einem Lager verstaut werden müssen. Vielleicht kommt der Trossi-Monaco Special im Biscaretti Museum einem originalen Rennwagen so nahe wie möglich. Die ‚Alt-Auto-Industrie’ benutzt immer wieder Grade von Originalität wie ‚nahezu original’, ‚fast original’, sogar ‚vollständig original’; aber alle diese Beschreibungen sind bedeutungslos, weil sie nicht quantifiziert werden können. Hat ein Rennwagen seit seiner Fertigstellung nur einen neuen Satz Reifen bekommen und wurden die Zündkerzen gewechselt, so ist er nicht mehr ‚original’. Viele Komponenten sind ‚original’ geblieben, wie zum Beispiel Getriebe, Zylinderköpfe, Achsen und so weiter. Und Nachbauteile wurden nach ‚Originalzeichnungen’ und ‚originalen Materialspezifikationen’ hergestellt, aber weder sind es dadurch originale Teile, noch kann ein komplettes, mit diesen Teilen gebautes Auto als ‚original’ gelten. Unabhängig davon, was der Konstrukteur oder der Besitzer darüber denken mögen. Ein solches Auto ist nichts mehr als eine Reproduktion oder ein Facsimile."

Bessere Vermarktung

Die Begriffe "Originalität" und "Original" in Verbindung mit einem historischen Fahrzeug dienen schlicht einer besseren Vermarktung. Für die Verständigung über alte Autos zum Beispiel ist "Echtheit" das passende Wort.  In der Folge der Charta von Turin der FIVA (Federation International des Vehicules Anciennes) wird es eine Reihe von klaren, international gültigen Definitionen geben. Sie werden sich aber nicht an den Bedürfnissen des Fahrzeug-Marketings ausrichten. Vielmehr ermöglichen diese Begriffsbestimmungen eine sachliche Verständigung über historische Fahrzeuge als technisches Kulturgut.

Zum Beispiel

Mit "Echtheit" kann ich zum Beispiel einen Mercedes-Benz von 1927 beschreiben, den ich 2012 in Motor Klassik beschrieben habe. Der sportliche Kompressor-Wagen befand sich bis zu seiner Versteigerung im Besitz einer Familie. Der Mercedes war nie restauriert worden, aber im Laufe seine Nutzung in einigen Bereichen gegenüber dem Auslieferungszustand verändert worden. Er hat zum Beispiel ein nachgerüstetes Vorwählgetriebe, welches Anfang der 30er Jahre Mode war. Das falsche Ideal eines Originalzustands wäre verheerend: Würde man ihm bei einer Restaurierung folgen, so verschwänden alle Spuren aus mehreren Jahrzehnten der Nutzung. Niemand aber würde bezweifeln, dass es sich um ein echtes Auto handelt. Und darum geht es: Echtheit und Authentizität. Das hat Denis Jenkinson schon 1987 erkannt.

Ich will Sie in der Bar Parco nicht länger aufhalten: Buon natale und besinnliche Tage!

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