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Dirk Johaes Klassiker-Blog

Vom Club der toten Marken

08/2013, Sachsen Classic, 2013, Horch, Wanderer, Auto Union Foto: Thomas Kurz

Er ist der Sven Plöger der Autoindustrie: Professor Ferdinand Dudenhöffer erzählt in schöner Regelmäßigkeit von den wirtschaftlichen Entwicklungen in der Autoindustrie. Über Saab liegt weiterhin ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet, dafür scheint über Jaguar sowie Land Rover die Sonne und  Opel steht unter Hochdruckeinfluss. Über Lancia halten sich dagegen sehr dichte Regenwolken.

04.10.2013 Dirk Johae Powered by

Wenn Dudenhöffer damit nur seine Studentinnen und Studenten am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg/Essen behelligen würde, wäre das vielleicht nicht schlimm. Da der Professor aber bei vielen Medien ein gefragter Gesprächspartner ist, erreichen uns Dudenhöffers Erzählungen mit der mit steten Präsenz eines Wettervorhersagers.

Eine Marke ist erst dann tot, wenn sich niemand mehr an sie erinnert

Vor wenigen Tagen hat er wieder einen meiner Kollegen gefunden, der eifrig mitgeschrieben hat. Dudenhöffer vermute, dass Fiat die Marke Lancia in absehbarer Zeit "rausnehmen"werde, ist zu lesen. Dann wird eine seiner Prophezeiungen  zitiert: "Das wird eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der kommenden fünf Jahre." Gemeint sind die einst englischen, traditionsreichen Marken Jaguar und Land Rover.

Schonungslos fällt das Urteil des Auto-Propheten aus dem Ruhrgebiet über eine skandinavische Traditionsmarke aus: "Saab wird tot bleiben." Anlass der messerscharfen Vorhersage ist der Bau eines neuen Autos in Trollhättan, wo ein Unternehmen mit chinesischer Beteiligung das Sagen hat.

Der Journalist ist von dem ehemaligen Opel- und Porsche-Mitarbeiter, der seit 1996 als Professor sein Leben eigentlich der Forschung und Lehre, nicht der Weissagung widmen sollte, so begeistert, dass er ihn als "Automobilforscher" bezeichnet. Da hört bei mir der Spaß auf.
Einem Forscher, der sich diese Bezeichnung verdient, müsste eigentlich auffallen, dass eine Automarke nicht dann stirbt, wenn sie keine Autos mehr produziert - was für ein Mumpitz? Eine Marke ist erst dann tot, wenn sich keiner mehr an sie erinnert, wenn es keinerlei Dokumente oder andere Zeugnisse ihrer Geschichte gibt. Dann würde aber auch niemand mehr die Worte des Propheten hören. Und darum geht es wahrscheinlich.

Populistisches Wortgeklingel

Die Zukunft und die Gegenwart des Automobils sowie die davon untrennbare Geschichte ist zum Glück sehr viel größer und vielfältiger, als es der Blick aus einem Professorenzimmer offenbar erscheinen lässt. Zu einer Marke gehört weit mehr, als die nackte Anzeige der Stückzahlen. Mindestens ein Kapitel der Erfolgsgeschichten von Jaguar und Land Rover beschreibt die Historie dieser Marken: Darin geht es zum Beispiel um den E-Type und die frühen Land Rover-Generationen.

Auch über den Nutzwert der Historie für den Abverkauf der aktuellen Modelle hinaus bleibt das Wissen um die Autos einer Marke und ihre Geschichte ein wichtiger Bestandteil, der von einem Wissenschaftler, der Automobilforscher genannt wird, eigentlich erhalten und bewahrt werden sollte. Doch mit seinem populistischen Wortgeklingel tut der Professor so, als wäre eine Automarke für die Menschen keinen Pfifferling mehr wert, sobald keine aktuellen Autos mehr vom Band rollen.

Doch es kommt noch schlimmer: Es gibt Nachahmer von Professor Dudenhöffer, die zum Beispiel erzählen, die Entwicklung von Opel sei "absolut faszinierend". Die kommende Werksschließung in Bochum möchte der Vertreter vom ifA-Institut für Automobilforschung damit jedoch sicher nicht gemeint haben. In den Onlineportalen von "Handelsblatt" und "Die Zeit" sind die Artikel zu lesen, die den Dudenhöffer-Stil unkritisch im Lauftext übernehmen: "Die Rückkehr vom Status der lebenden Industrie-Leiche auf die Erfolgsspur (gemeint ist Opel). Eben noch von den Medien begraben, reiht sich nun eine positive Meldung an die andere."

Vom Bewahren und Neuentdecken

Zum Glück aber bleibt es ein Märchen, dass Professoren oder Medien eine Automarke (wie auch andere Marken) begraben oder für tot erklären können. Dies ergibt sich allein in den Zeitläuften. Wir als Motor Klassik-Redakteure folgen lieber dem Weg, die Fakten und Hintergründe über Automarken, die Menschen dahinter und die Autos zu bewahren oder neu zu entdecken. Davon haben wir alle viel mehr als von vagen Wettervorhersagen auf der großen globalen Marken-Karte.

Nur ein Beispiel zum Abschluss: Die Automarke Wanderer ist beileibe nicht tot, nur weil seit über 70 Jahren kein Fahrzeug mehr mit diesem Namen gebaut wird. Wie sie lebt, erfahren Sie im neuen Motor Klassik-Heft, das es ab dem 16. Oktober am Kiosk gibt.

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