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Dirk Johaes Klassiker-Blog

Wie ein lebendes Wesen

Foto: Dirk Johae 7 Bilder

Vor mir liegt die neue Ausgabe unseres Magazins Youngtimer. Wir feiern zehnjähriges Jubiläum – zu diesem runden Geburtstag erscheint am 1. August zusätzlich ein Sonderheft mit den besten Geschichten aus einem Jahrzehnt. Aber keine Sorge: Ich ziehe mich ja nicht in die Bar Parco zurück, um mir nette Werbetextchen auszudenken.

05.07.2013 Dirk Johae Powered by

Vielmehr denke ich bei den Autos aus den Siebzigern auf dem Youngtimer-Titel an mein erstes Oldtimererlebnis. Im Juni 1979 war Ich gerade 14 Jahre alt, als in Düsseldorf mit großem PR-Aufwand "die Autoshow des Jahres" gezeigt wurde. Unter dem Slogan "Roth-Händle Raritäten" bestand die auf Plakaten beworbene Ausstellung aus 20 Oldtimern, die von Harrahs Automobile Collection in Nevada stammten: "Zum erstenmal in Europa."

Bugatti Royale im Mittelpunkt

Zum Begriff "Oldtimer": Der wird, das fällt mir jetzt erst auf, nur einmal im Katalog verwendet. das passierte sicherlich nicht zufällig. Offenbar war das damals noch kein gern und häufig verwendeter Modebegriff wie heute. Aber was ist eigentlich ein Oldtimer? Und was dann ein Youngtimer? Ich muss gestehen, dass wir darüber in der Redaktion häufiger diskutieren. Um dieses verminte Gebiet schnell wieder zu verlassen - die verfassunggebende Antwort haben wir noch nicht gefunden.

Für mich jedenfalls war diese Ausstellung in der Alten Messe der NRW-Landeshauptstadt ein Urerlebnis mit ... Oldtimern (lassen wir diesen Begriff jetzt mal stehen - man könnte auch etwas unbestimmter Klassiker sagen oder historische Autos oder Autos vergangener Zeiten, wie auto motor und sport 1979).

Im Mittelpunkt der Ausstellung stand für mich zunächst der Bugatti Royale Coupé de Ville aus dem Jahr 1931. Der 6,50 Meter lange Luxuswagen mit den geschwungenen Kotflügeln zierte auch die Plakate und den Titel des Ausstellungskatalogs im Querformat. Unter der langen Motorhaube mit den aufklappbaren seitlichen Lüftungsschlitzen steckte ein verschwenderischer 12,8-Liter-Motor mit acht Zylindern. Ein Auto aus einer anderen Welt: ein Superlativ auf Rädern, vor dem ich staunend verharrte. Firmenchef Ettore Bugatti pries sein Luxusmobil fast poetisch an: "Geschwind und geschmeidig wie ein lebendes Wesen, sicher, schnell, stark und leise, das ist der Royale: ein phantastischer Traum".

Jean Bugattis Vermächtnis

Heute weiß ich, dass dieser "phantastische Traum" der Bugatti T41 mit der Chassisnummer 41111 ist, der erste von insgesamt drei Royale, der verkauft wurde. Mit einem Preis von 160.000 Mark blieb ein Royale selbst für viele gekrönte Häupter und Firmenbarone unbezahlbar. Seit 1999 gehört dieser T41 mit einer Karosserie von Henri Binder (Paris) der Volkswagen Group.

"Der teuerste Wagen, der seltenste Wagen, der schönste Wagen der Welt und die sagenhafte Automobile der Könige, Maharardschas, Milliardäre und Filmstars aus den 30er Jahren", so wurde Roth-Händle Raritäten in Düsseldorf beworben. Ich ging weiter und fand mit dem T57 SC Atalante Coupé einen weiteren Bugatti, der in der gelben Zweifarblackierung eine auffällige Erscheinung war. Die Karosserie stammt von Jean Bugatti.

Schon kurios: immer wenn ich von Ettore Bugattis Sohn lese oder höre, fällt mir heute noch dieses Auto aus der Düsseldorfer Schau ein. "Leider kam Jean Bugatti 1939 bei einer Probefahrt mit einem Bugatti Typ 57 ums Leben", las ich im Ausstellungskatalog und direkt darunter war der Innenraum des ausgestellten 57 abgebildet. Ich stellte mir beim Betrachten des Bilds vor, Jean Bugatti habe an diesem Lenkrad mit der langen Lenksäule gesessen und beim Fahren auf das edle holzvertäfelte Armaturenbrett vor ihm gesehen. Es reichen wenige Zutaten, ein Foto und ein paar Fakten, um eine Geschichte und Bilder entstehen zu lassen. Bald hatte ich das Gefühl, dass es zu jedem dieser Autos solche Geschichten geben müsste.

Oldtimer sind Autos, über die es was zu erzählen gibt

Bis heute ist dies für mich eine wichtige Eigenschaft eines Oldtimers: Es ist ein Auto, zu dem es etwas zu erzählen gibt. Damit meine ich keine Testberichte, in denen es um technischen Daten und physikalische Eigenschaften geht, sondern Geschichten, die über das rein Technische hinausgehen. Die nackten Zahlen des Baujahrs sind dabei eigentlich egal. Autos, die dieses Kriterium erfüllen, sind aber in der Regel etwas älter.

Ein weiteres Auto aus dieser Ausstellung von 1979 begleitet mich ebenfalls bis heute: nachtschwarz und wie ein halb aufgeblasener Rochen geformt. Es ist der Phantom Corsair, dessen Form von Rust Heinz, Spross des US-amerikanischen Suppen- und Saucenimperiums, stammt. Die glatte Karosserie, die sich über den Rahmen und die Technik eines Cord 810 schmiegt, ließ Heinz im Windkanal verfeinern. Ein für 1938 unglaubliches Autos, das für mich zwischen den weit entfernten, fremd wirkenden dreißiger Jahren und der Jetztzeit schwebte. Aerodynamik kam damals bei den aktuellen Autos - die heute als Youngtimer gelten – als großes Thema auf. Da stand ein Auto vor mir, dessen Form schon 1938 der Stromlinie folgte. Für 1979 ein echtes Wunder. Auf den Abbildungen im Katalog ist die schwarze Flunder, die Heinz übrigens zur Geräuschdämmung im Innenraum mit Kork und Gummi auskleiden ließ, von Kunsteisnebel mystisch umwölkt. Dabei wirkt die Karosserie des Zweitürers wie der Körper einer Urzeitechse, die durch eine sumpfnebelige Landschaft kriecht.

Autos aus dem ersten Drittel des Jahrhunderts

Beim Lesen der Beschreibung im Ausstellungskatalog erfuhr ich dann, dass Rust Heinz wie auch  Jean Bugatti 1939 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb, was die Mystik des schwarzen Corsair nochmals steigerte. Wahrscheinlich prägte mich dieses Urerlebnis mit den Raritäten der Harrah-Sammlung so sehr, dass ich die Geschichten rund um die Autos aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts immer noch am Spannendsten finde.
Leider finden sich für Geschichten über Oldtimer dieser Epoche immer weniger Zuhörer oder Leser. Ich jedenfalls versuche dieses Oldtimer-Urerlebnis noch so lange wie möglich am Leben zu halten: "Geschwind und geschmeidig wie ein lebendes Wesen, sicher, schnell, stark und leise, das ist der Royale: ein phantastischer Traum."

Regelmäßig blättere ich in dem mittlerweile schon recht abgegriffenen Ausstellungskatalog und erinnere mich an die Bugattis, Duesenbergs, den Delahaye mit Saoutchik-Karosserie oder den gelben Miller-Rennwagen von 1929. Der war damals so alt wie ein Lotus 25 heute - eine unfassbare Geschichte.

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