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DKW F5 Reichsklasse Restaurierung

Konserviert fürs Museum

DKW F5 Reichsklasse, Restaurierung, Impressionen Foto: Stefan Warter 21 Bilder

77 Jahre alt, nur 60.000 Kilometer auf der Uhr und dabei in bestechend gutem Zustand: So bekam Audi Tradition einen DKW, der nur eine behutsame Konservierung brauchte, um im Rampenlicht zu glänzen.

08.02.2015 Dirk Johae Powered by

Wie ein Boot im Trockendock steht der DKW F5 Reichsklasse 1,20 Meter über dem Boden auf zwei Holzböcken. Die vier schmalen Räder sind abgenommen und lehnen an der Wand. Auch die Haube der schwarzen Limousine ist demontiert: Zwischen Kühler und Spritzwand thront der Zweizylinder-Motor des Kleinwagens, hinter dem elegante Bootsrümpfe als Restaurierungsobjekte die Halle beherrschen. Bis zur Decke sind die historischen Boote gestapelt, die auf ihre Wiederbelebung warten. Der Geruch von Holz, Lack und alten Maschinen liegt in der Luft.

DKW-Restaurierung in der Werft

Dieses ungewöhnliche Ensemble der Berliner Bootsrestaurierer Malte Krüger und Carsten Klink können nur Eingeweihte aufspüren. Das Gelände mit der Bootshalle befindet sich auf der Rückseite eines Wohngebiets in Berlin-Köpenick, einem historischen Stadtteil im Südosten der Hauptstadt am Fluss Dahme. Vom Parkplatz eines Supermarkts führt nur eine schmale Durchfahrt auf das Gelände der ehemaligen Engelbrecht-Werft.

Der DKW F5 Reichsklasse als Landratte ist inmitten all der Wasserfahrzeuge ins Exil gegangen. Der Restaurierer Dirk Voigtländer nutzt in der riesigen Halle einen kleinen Bereich, um den Kleinwagen von 1936 zu konservieren: "Ich bin mit den Inhabern der Werft befreundet und immer, wenn ich eine Restaurierung ausführe, darf ich mich in ihrer Halle einquartieren."

Voigtländer ist einer der Künstler in Deutschlands Restaurierungsszene. Der Berliner ist gelernter Zahntechniker mit einer Ausbildung zum Diplom-Restaurator und nimmt nur die Aufträge an, die ihn besonders reizen. "Etwa an zehn Autos habe ich bislang gearbeitet", schätzt der Berliner, der sich privat mit Autos von Tatra befasst. Am DKW F5 Reichsklasse interessierte ihn der Ansatz, den ausnehmend gut erhaltenen Kleinwagen nur zu konservieren und für den Einsatz als Museumsfahrzeug fit zu machen.

Deutscher Kleinwagen von 1936

Wieso hat er jetzt den Auftrag für einen deutschen Kleinwagen mit Baujahr 1936 angenommen, dessen einfache Konstruktion mit Zweitaktmotor und Kunstlederkarosserie ein leichtes und vor allem billiges Auto ergeben sollte? Die Technik des DKW F5 Reichsklasse kann es nicht sein, also liegt es wahrscheinlich am äußerst guten Erhaltungszustand des einstigen Brot-und- Butter-Autos. Ein weiterer Reiz des Auftrags liegt natürlich im Auftraggeber Audi Tradition, der historischen Abteilung der Marke aus Ingolstadt.

Am Stammsitz von Audi kümmert sich ein engagiertes Team um die Geschichte der vier Ringe. Während das Emblem heute allein für die Marke Audi steht, war es in den 30er-Jahren das Symbol für die Auto Union AG: Bei diesem Zusammenschluss der sächsischen Autobauer Wanderer, Horch und Audi zum Konzern übernahm DKW als absatzstärkste Marke die Trägerfunktion.

Der wirtschaftliche Erfolg der Marke sicherte der Auto Union den zweiten Rang in der Zulassungsstatistik in Deutschland hinter Opel. Vom F5 wurden allein im Jahr 1936 47.670 Exemplare gebaut. Die Fertigungskapazität in Zwickau reichte nicht aus, sodass in diesem Jahr sogar rund 5500 Autos im DKW-Werk Spandau montiert werden mussten. Insgesamt lieferte die Auto Union von der Frontantriebs-Modellfamilie zwischen 1931 und 1942 rund 268.000 Automobile aus.

Der Schatz stand in der Garage eines Audi-Verkäufers

Zu diesen Autos zählt auch die DKW F5 Reichsklasse, die jetzt in Berlin konserviert wurde. Audi-Mitarbeiter Ralf Hornung, der die Arbeiten in der Bootswerft betreut, hatte auch schon dafür gesorgt, dass der Kleinwagen in die Sammlung kam. "Das Auto gehörte dem Verkäufer eines Audi-Händlers in Ludwigsburg, der es uns anbot, weil es bei ihm seit vielen Jahren ungenutzt in einer Garage stand", erzählt Hornung.

Dieses Angebot bescherte Audi einen wahren Schatz: Wie durch ein Wunder blieb der 77 Jahre alte Kleinwagen von DKW, den der Audi-Verkäufer von der Familie des Erstbesitzers übernommen hatte, in einem exzellenten Zustand erhalten. "Dieser DKW F5 Reichsklasse ist ein echter West-Fall. In Ostdeutschland wäre das Auto verbraucht worden", weiß Voigtländer, der selbst aus dem Osten des einst geteilten Berlin stammt.

Ralf Hornung zieht die Kopie des originalen Fahrzeugbriefs aus der Tasche. Das Dokument mit der Nummer 1071256 zeigt, dass der DKW F5 Reichsklasse im Mai 1936 in Vaihingen bei Stuttgart zum ersten Mal angemeldet wurde, im Laufe seines ersten Lebens fünf unterschiedliche Kennzeichen trug, aber nur einen Besitzer hatte. Der Schreiner aus Vaihingen behielt den Wagen mit der Fahrgestellnummer 296 215 zumindest bis Februar 1968. Bis dahin hatte er nur etwa 60.000 Kilometer mit dem Kleinwagen zurückgelegt, im Schnitt 1875 Kilometer pro Jahr.

In Sammlung aufnehmen

Hornung kam also mit guten Nachrichten zurück zu Thomas Frank, Chef bei Audi Tradition, und den Kollegen nach Ingolstadt. "Das Auto sollten wir in unsere Sammlung aufnehmen", empfahl er. Bei eingehender Sichtprüfung hatte er festgestellt, dass der 1936 gebaute Wagen vollständig und ungewöhnlich gut erhalten war. Auch eine Verwendung für den DKW konnte schnell gefunden werden: Der DKW F5 Reichsklasse wird ab Herbst 2014 in einem neu gestalteten Bereich des August-Horch-Museums in Zwickau zu sehen sein.

Restaurierer Dirk Voigtländer kennt den DKW F5 Reichsklasse mittlerweile bis in die letzte Ritze. Während zwei Mitarbeiterinnen die Kotflügel und die Radläufe mit Pinsel und Wasser vom in Jahrzehnten angesammelten Schmutz säubern, führt er durch die Besonderheiten des Autos wie durch die Ausgrabungen einer antiken Ruine: "Die intakten Polsterstoffe der Sitze hatten zwar einige Wasserflecken, die ich mit Meerschaumpulver behandelt habe. Aber insgesamt ist das Auto in einem sehr guten Zustand". Voigtländer schwärmt: "Der Besitzer hatte sich zwar für den Einsatz seines Autos im Winter mit Schneeketten gerüstet, allerdings zeigen die Holz- und Blechteile keine Spuren einer Nutzung auf verschneiten Straßen."

Zurück auf die Straße soll der DKW F5 Reichsklasse auch als Oldtimer nicht mehr: Das wahrscheinlich am besten erhaltene Exemplar ei nes DKW Reichsklasse wird für seinen Einsatz als Museumsexponat konserviert. "Damit fahren?", meint Voigtländer und schüttelt den Kopf: "Für einen Betrieb muss man bei einem Auto immer Kompromisse eingehen." Der Gummihandschuh zum Beispiel, mit dem der Schreiner aus Vaihingen die defekte Achsmanschette vorne rechts flickte, wird so belassen und nicht durch ein technisch korrektes Ersatzteil ausgetauscht.

Charta von Turin als Maßstab für die Restaurierung

"Wir wollten dem DKW F5 Reichsklasse sein Leben lassen", betont Ralf Hornung und fügt an: "Mit der Konservierung folgen wir den Vorgaben der Charta von Turin der FIVA, in der erstmals international gültige Standards für die Erhaltung von Straßenfahrzeugen formuliert wurden." Auch für einen Autohersteller wie Audi bietet die Charta erstmals eine weltweit anerkannte Leitlinie für den Umgang mit historischen Fahrzeugen.

Die Charta beeinflusste die Entscheidung in Ingolstadt, das Auto lediglich behutsam vom Schmutz zu befreien und zu konservieren, anstatt mit einer Vollrestaurierung alle Spuren eines einmaligen Auto- Lebens zu zerstören. So konnte sich Dirk Voigtländer neben der gründlichen Reinigung auf Details beschränken: die Gläser für das defekte Rücklicht nachzufertigen, die nachgerüsteten Blinker entfernen und die Winker wieder anbauen sowie die ursprünglichen Nummernschilder von einer Überlackierung zu befreien.

Dadurch kommt wieder die Aufschrift IIIA 30794 zum Vorschein: das originale Kennzeichen des im Mai 1936 zum ersten Mal angemeldeten DKW F5 Reichsklasse.

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