Dodge Challenger: Dodge bringt die Hemi-Sphäre zurück

Dodge Challenger und Hemi: Das schmeckt nach dickem Achtzylindermotor, nach rauchenden Reifen und bösem Auspuffton. Das Kultauto der frühen Siebziger ist wieder auferstanden, und alles ist - fast - so wie früher.

Auftritt Kowalski. In einer Story über den Dodge Challenger ist er so unvermeidlich wie Ketchup im Hamburger. Kowalski alias Barry Newman räubert in dem Kultfilm "Vanishing point" (Fluchtpunkt San Francisco) mit einem 70er Challenger Hemi durch den amerikanischen Westen - in 15 Stunden, so hat er gewettet, von Denver nach San Francisco. Der Höllenritt endet spektakulär in einer Straßensperre. Aus für Kowalski. Aber nicht für den Challenger. Denn für den Crash am Ende ist dem Filmteam der Dodge zu teuer. Als Double wird ein gut gebrauchter Chevrolet Camaro geopfert.

Und auch im wirklichen Leben lebt der Challenger weiter. Als die Nummer drei in Detroit - damals noch Daimler-Chrysler - eine Neuauflage beschließt, jubeln die Fans der amerikanischen Muscle-Ära. Die Exemplare des ersten Modelljahrs wie der hier gezeigte Testwagen des Münchner US-Car-Spezialisten Geiger sind blitzschnell ausverkauft. Wobei teilweise deutlich über dem Listenpreis liegende Summen bezahlt werden. Die ersten Neuzeit-Challenger sind alle gleich: Sie besitzen die 6,1 Liter große, stärkste Ausführung des Hemi-Achtzylinders und dazu ein Fünfgang- Automatikgetriebe. Für 2009 wird es aber auch zivilere und preisgünstigere Versionen mit Sechszylinder-Motor geben.

Treffsichere Neuinterpretation

Schon der Orange-Lack und die schwarzen Streifen sind Klassiker der siebziger Jahre. Ebenso wie die Form, mit der die Designer um Chip Foose eine treffsichere Neuinterpretation des bei Sammlern inzwischen in schwindelnde Dollar-Höhen gekletterten Originals abgeliefert haben. Puristen mögen sich daran stören, dass der Challenger enorm üppig geraten ist im Vergleich zum eher zierlichen Vorbild. Ein Trumm von einem Auto und so auffallend wie ein Pinguin bei einem Nudisten-Kongress.

Mächtige 20-Zoll-Räder und der Chromschriftzug Hemi 6.1 auf der Motorhaube verkünden: Hier geht es ab. American Power in Reinkultur. Beim Druck auf den Anlasserknopf freilich verblasst die Erinnerung an die wildeste Zeit des amerikanischen Automobils.

Der V8 wummert immer noch

Da startet ein kultivierter Achtzylinder der Neuzeit, nur dezent brabbelnd und mit ruhigem Leerlauf. Keine Rede mehr von dem bösen, das Zwerchfell in Schwingungen versetzenden Mechanik-Fortissimo, das die Ur-Hemis damals zu einer Legende gemacht hat. Ein Tritt aufs Gas, die Drehzahlmessernadel schnellt nach oben. Jetzt kommen die Gene doch zum Vorschein. Der Motor hämmert das alte Lied - gedämpft zwar nach den Vorschriften der Neuzeit, aber immer noch eindrucksvoll genug. Und beim Hochschalten wummert es aus den beiden Endrohren, als sei das kein Auspuff, sondern eine Verpuffungsanlage.

Echte Muscle-Car-Power

Dabei schießt der Challenger davon, dass sein Opa vor Neid die Farbe verlieren könnte. 5,5 Sekunden auf 100 km/h bei den Messfahrten. Die Höchstgeschwindigkeit - auf 250 km/h begrenzt - erreicht der Challenger schnell und mühelos. Die Automatik arbeitet dabei ebenso unauffällig wie effektiv, Stellung D genügt. Aber manuelles Anwählen der Gänge verspricht in diesem Fall allein schon wegen der Akustik Vergnügen, zumal das Getriebe dem Fahrer nicht dazwischenpfuscht. Vierter Gang bleibt vierter Gang, das überspielt auch ein Kickdown nicht. Weil für die amerikanische Leistungsgesellschaft in erster Linie die Beschleunigung zählt, gibt es als nette Beigabe ein Performance-Display im Armaturenbrett. Da kann man die Zeit für den Null-100-Sprint ablesen oder für die klassische Viertelmeile mit stehendem Start, bei Bedarf auch den Bremsweg oder die Querbeschleunigung in Kurven.

Abgesehen davon zeigt sich der Challenger in seinem Innern eher nüchtern. Ein modernes Auto ohne Firlefanz, dafür aber mit sauberer Verarbeitung und auffallend bequemen, den Körper wirksam stützenden Sitzen. Und plötzlich kommt noch eine Erinnerung der ganz anderen Art.

Es steckt eine Menge Mercedes im Challenger

Richtig, der Hebel links vom Lenkrad, zuständig für Blinker und Scheibenwischer, das ist doch das Universal-Werkzeug von Mercedes, das sich schon vor langer Zeit den Namen "eierlegende Wollmilchsau" erworben hat. Es steckt, kein Wunder, noch eine Menge mehr Mercedes in diesem Dodge, weil bei seiner Konstruktion noch nicht daran gedacht wurde, dass die "Ehe im Himmel" einmal geschieden werden könnte. Vor allem das Fahrwerk macht das deutlich.

Kultivierte Manieren

Die aufwendige Hinterachse im E-Klasse-Stil verhilft dem Challenger zu einem höchst problemlosen Fahrverhalten. Die Reaktionen sind verlässlich und vorhersehbar, unerwünschte Auswirkungen der vielen Pferdestärken an der Hinterachse bremst das ESP ein. Wobei ein freizügig bemessener Spaß- Spielraum bleibt, denn was wäre ein Muscle-Car, wenn es nicht Leben ins Heck bringen könnte. Dass eine Infusions-Kanüle von Stuttgart nach Detroit führte, beweist noch überzeugender der Federungskomfort. So lange man langsam fährt, stolpern die riesigen Reifen etwas unbeholfen über Unebenheiten, aber mit zunehmendem Tempo werden die Manieren eingeschliffen – selbst auf untergeordneten Landstraßen zeigt der Challenger damit eine ausgewogene Fahrkultur, die gängige Vorurteile gegenüber amerikanischen Autos ausräumt. Da passt es nur ins Bild, dass die Bremsen den auto motor und sport-Zyklus ohne Fading überstehen, obwohl der Dodge stattliche 500 Kilogramm Zuladung an Bord nehmen darf.

Ein großer Kofferraum unterstreicht zudem die Reisetauglichkeit, die nur vom naturgemäß nicht zimperlichen Verbrauch und der entsprechend geringen Reichweite eingeschränkt wird. Aus dem außer der Leistung alles andere vernachlässigenden Geschoss der Historie ist ein kultiviertes Coupé geworden - ein Mercedes CLK nach amerikanischem Rezept. Kowalski hätte mit ihm wahrscheinlich auf nur 14 Stunden gewettet.

Muscle Cars
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Götz Leyrer

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