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Dreier-Abend

BF Goodrich Langstreckenmeisterschaft

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Kenner nennen den Saisonhöhepunkt der Langstreckenmeisterschaft das kleine 24h-Rennen. Und wie der große Namensvetter lieferte auch das6h-Rennen Dramen ohne Ende

06.10.2006 Marcus Schurig Powered by

Motorsport kann grausam sein. Beim Saisonhöhepunkt der Langstreckenmeisterschaft, dem Sechs-Stunden-Rennen des MSC Ruhrblitz Bochum, war die Partie nach12 Minuten entschieden. Haben Sie jemals ein Fußballspiel oderein Tennismatch erlebt, das nach 12 Minuten entschieden war? Die drei dominierenden Porsche-Teams der Saison 2006 – Alzen Motorsport, Manthey Racing und Land Motorsport, die bisher alle fünf Saisonsiege unter sich auskegelten – schieden bereits zu Beginn der zweiten Rennrunde aus. Das Kuriose daran: Alledrei Teams strandeten an der exakt gleichen Stelle aus exaktgleichem Grund, und so verwandelte sich die Quiddelsbacher Höhe samt Flugplatz binnen Sekunden zum Porsche-Friedhof. Was war geschehen? Der Suzuki Swift von Teichmann Motorsport startete am Ende der dritten und letzten Startgruppe aus der Boxengase nach. Auf dem Weg zum Flugplatz entfleuchte ein Blindstopfen des Kühlsystems am Zylinderkopf. Nur wenigspäter kam die Spitzengruppe an das nun mit Kühlmittel benetzte Highspeed-Eck heran geflogen, alle drei Elfer waren nur durch wenige Sekunden getrennt. Als Ersten erwischte es Marcel Tiemann im Manthey-Porsche 996 GT3 MR, der nach einem wüsten Totalschaden beim vierten Saisonlauf gerade erst wie- der aus den Ruinen auferstanden war. Die Farbe war noch nichtvöllig trocken (der Porsche kam am Donnerstag aus der Lackiererei), da wurde der dicke Elfer abermals wüst zerdetscht: Weil am Streckenposten 79 auf der Kuppe vor der Quiddelsbacher Höhe keiner vom Suzuki-Fiasko Kenntnis nahm – also auch keine Flaggen geschwenkt wurden, und das obwohl die Fans die Posten durch Zurufe auf das zu erwartende Unglück aufmerksam machten – nahm das Schicksal seinen Lauf. Tiemann verlor den Elfer und krachte in die Planken. Einen Tick später – immer noch keine Flaggen – kam MarcBasseng mit 240 km/h über die Kuppe gedonnert: Einlenküber-steuern, langer Kampf auf der Wiese gegen das nahende Un-heil, harter Einschlag in die Planke mit 160 km/h und 2,8 g, und zu allem Überfluss auch noch Einschlag in den mittlerweile zum Stillstand gekommenen Manthey-Porsche. „Da war nichts zu machen, ich war nur noch Passagier“, berichtet Land-Pilot Marc Basseng. „Als ich den Rückspiegel sah, stand auch schon der zerdepperte Alzen-Elfer hinter mir.“ Inboard aufnahmen belegen, dass erst Markus Gedlich im Getrag-BMW auf Platz vier gelbe Flaggen zu sehen bekam. „Ich tendiere prinzipiell dazu, die Streckenposten in Schutz zu nehmen. Erstens weil die in der VLN einen tollen Job machen, und zweitens weil Motorsport auf der Nordschleife ohne die Marshalls völlig unmöglich wäre“, sagt Marc Basseng. „Aber in diesem Fall hat wohl leider jemand tief und fest geschlafen. “Die Konsequenzen sind für die betroffenen Privatteams mehr als schmerzlich – finanziell wie arbeitstechnisch. JürgenAlzen schätzt den entstandenen Schaden an den drei zerdepperten Elfern auf zusammen gut 150000 Euro. „Wir müssen jetzt zum dritten Mal auf die Richtbank“, referiert Marc Basseng. Auch bei Alzen Motorsport ist es der dritte mittelgroße Schaden der Saison: „Das war so nicht geplant“, lautet der lakonische Kommentar von Teamchef Jürgen Alzen. Und der Manthey-Brummer steht vor seiner zweiten Komplettrenovierung binnen zwei Monaten. Das hart geführte Duell um den Platz an der Sonne in der Langstreckenmeisterschaft wird von Jürgen Alzen mit dafür verantwortlich gemacht, dass es zu diesem Fiasko kommen konnte. „Noch vor wenigen Jahren sind wir mit viel mehr Luftgefahren. Durch den harten Konkurrenzkampf sind die Rennen mittlerweile zu reinrassigen Sprints geworden: Wenn du nichtvoll am Limit fährst, dann gewinnst du in der VLN keinen Blumentopf. Und wenn dann eben Kühlwasser auf der Bahn liegt fliegst du richtig ab, weil du mit dem Messer am Hals fährst. “Das Debakel aus Runde zwei hatte zur Folge, dass endlich mal jemand anders gewonnen hat. Und noch dazu eine Truppe, die sich im Fahrerlager großer Beliebtheit erfreut. Das Getrag- Team stoppte mit ihrem wuchtigen weißen BMW M3 die schierendlose Porsche-Siegserie. Markus Gedlich, der erst kurz vor dem 24h-Rennen auf Empfehlung von Differenzialpapst Herbert Drexler zu den ambitionierten Amateuren stieß, sorgte im Zeittraining mit einer Rundenzeit von 8.30,8 Minuten und Platz drei für ein Raunen im Fahrerlager. Denn erstmals stieß der Getrag-M3 in neue Regionen vor, was beileibe nicht auf Zufall beruhte. „Das Team konnte das Auto in den letzten drei Monaten deutlich verbessern“, erzählt Gedlich. Bis zum 24h-Rennen wurde beider Hobbymannschaft tendenziell eher wenig getestet und entwickelt. Mit Profi Gedlich an Bord gab es neue Fahreindrücke, die das Team in Verbesserungen ummünzte. „Im ersten Schritt haben wir das Setup so umgebaut, dass es komfortabler und fahrbarer wurde.“ Damit fühlten sich auch die Stammpiloten Michael Bäder und Tobias Hagenmeyer auf Anhieb wohler. Im zweiten Schritt wurde das Fahrwerkskonzept weit reichen dumgestellt. Die Federraten wurden weicher, was der Traktion zu Gute kam, und auch progressiver, was dem BMW bessere Manieren auf den vielen Bodenwellen der Nordschleife bescherte. Vordem Sechs-Stunden-Rennen kam mit Pirelli zudem ein neuer Reifenpartner hinzu. Außerdem spendierte Drexler Motorsport einneues, aus der Tourenwagen-WM abgeleitetes Sperrdifferenzial, das mit neuen Experimentalkomponenten verfeinert war und extrem leichtgewichtig geriet. Im Zusammenspiel mit neuen Antriebswellen mit geringerer Verlustleistung sowie Anpassungen am Setup gelang dem kleinen Team ein großer Satz nach vorn. „Ich würde behaupten, dass das Auto jetzt sicher sieben bis neun Sekunden pro Runde schneller ist, ohne dass man sich beim Fahren extrem weit aus dem Fenster lehnen müsste“, bilanziert Gedlich, der auch im Rennen Rundenzeiten von unter 8.40 Minuten schaffte. Pro Turn veranschlagt Gedlich den Nettozeitgewinn auf eine satte halbe Minute – und zwar für alle Piloten im Team.„Und da ist definitiv noch Luft für weitere Verbesserungen. “Zusätzliche Optimierungen betrafen auch die Aerodynamik des Breitbau-BMW. „Das geschah aber eher nach der Devise Pi-mal- Daumen und wurde noch nicht im Windkanal verifiziert“, erläutert Gedlich. „Aber die Gurney-Flaps an den Frontflügelchen haben die Untersteuerneigung spürbar reduziert.“ Dazukam Pirelli zum 6h-Rennen mit einer speziellen Mischung für en Vorderreifen, die das Problem weiter kurierte. Der V8-Mo-tor leistet zwar solide 500 PS, „jedoch sind die Top-Porsche auf den Geraden schneller, einfach weil sie eine kleinere Stirnflächehaben als unser wuchtiger und breiter BMW“, so Gedlich zu den Nuancen im Fahrgeschäft an der Spitze des VLN-Feldes. Beim Sechs-Stunden-Rennen lief so alles zusammen für denGetrag-M3: Die traditionellen Sieganwärter strandeten mit Pech in den Leitplanken, und der überarbeitete Getrag-BMW hielt die restliche Konkurrenz – besonders das Opel Astra V8 Coupé von Vater und Sohn Schall, die mit 6.38 Minuten Rückstand Zweite wurden – souverän in Schach. So gelang beim wichtigs-ten VLN-Rennen der Saison ein verdienter Gesamtsieg – der erste in der zwölfjährigen VLN-Historie des Teams. Man darf behaupten, dass Freud und Leid in der M3-Fraktionbeim 6h-Rennen brüderlich geteilt wurden. Der Triumph von Bäder/ Hagenmeyer/ Gedlich folgte auf die große Schlappe des Johannes Scheid, der nach dem Totalschaden beim 24h-Rennenhingebungsvoll einen flammneuen M3 in der heimischen Garage erschuf. Aber der blaue BMW kam noch nicht einmal bis in di Startaufstellung: Zwei Ölpumpenschäden verhinderten die Rückkehr des Eifelblitzes. „Ein Wochenende zum Mäusemelken“, fluchte Johannes Scheid. Aber immer noch besser, als am Porsche-Friedhof zu stranden.

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