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DTM Saisonrückblick

Von Rechenspielen und Stallregie

DTM Saisonrückblick Foto: DTM 8 Bilder

Auch im zehnten Jahr nach ihrer Neugründung sorgte die DTM für Furore. Die Budgets schrumpften, Stallregie war erneut das Aufreger-Thema Nummer eins, es gab viele spannende Rennen, aber auch ein paar Langweiler - und am Ende hatte zum dritten Mal in Folge ein Audi-Fahrer die Nase vorn.

12.12.2009 Claus Mühlberger Powered by

Bisweilen ist es im Leben recht nützlich, ein Rechenkünstler zu sein. Mancher Gymnasiast zum Beispiel verbringt mit dem Kalkulieren des Notenschnitts für den Numerus Clausus mehr Zeit als mit dem zu erlernenden Stoff. Auch unter Rennfahrern findet sich der eine oder andere Liebhaber der intensiven Zahlenmassage. "Um die Meisterschaft zu gewinnen, muss man im Schnitt sieben Punkte pro Rennen holen", kalkulierte Mattias Ekström, bevor er zum viertletzten Rennen des Jahres nach Brands Hatch abreiste. "Dies entspricht einer Durchschnittsplatzierung von 2,5. Meister wird derjenige, der am konstantesten punktet."

Scheider sammelte 6,4 Punkte pro Rennen

Sechs Wochen später stand fest: Ekström hatte recht - beinahe. Denn Audi-Mann Timo Scheider, der alte und neue DTM-Champion, sammelte 64 Zähler, also 6,4 Punkte pro Rennen - und somit fünf mehr als sein nächster Rivale, Mercedes-Fahrer Gary Paffett. Zum dritten Mal in Folge gewann damit ein Audi-Pilot die Fahrerwertung der DTM. Für Ekström jedoch, den Meister von 2004 und 2006, blieb am Ende nur Platz fünf. Der Schwede hatte zweimal Pech mit den platten Reifen: Beim Saisonauftakt in Hockenheim verlor er den sicher scheinenden Sieg, als sich in der drittletzten Runde ein Fremdkörper frech in den Pneu bohrte. Und beim vorletzten Rennen in Dijon büßte er seine Siegchance ein, weil der hintere linke Reifen seines A4 vor der Zeit schlapp machte.

Ein Schicksal, das in Frankreich auch seinen Teamkollegen Timo Scheider, Tom Kristensen und Oliver Jarvis widerfuhr - was den Verdacht nährte, dass die Audi-Techniker bei der Einstellung des Fahrwerks allzu optimistisch ans Werk gegangen waren, speziell was den Sturz angeht. Realistisch betrachtet kosteten Ekström die beiden Plattfüße mindestens 16, vielleicht sogar 18 Punkte. Doch zum Titelgewinn hätte es für den Schweden auch ohne das Pech wohl nicht gereicht. Wenigstens den - natürlich inoffiziellen - Titel des Trainingskönigs konnte sich Ekström sichern: Dreimal fuhr er Trainingsbestzeit und erreichte einen durchschnittlichen Startplatz von 3,8 - das war einsame Spitze. Scheider schaffte im Schnitt Startposition 5,3, bei Paffett wurde gar nur Platzziffer 7,2 notiert.

Mercedes hatte mehr Siege auf dem Konto

Dafür überholte der kampfstarke Brite in den Rennen mehr Gegner als jeder andere aus dem Vorderfeld. Und zwar stets mit fairen Mitteln. Vier Siege holte Paffett in diesem Jahr, mehr als jeder andere. "Gary ist der Racer der Saison", begeisterte sich Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der den Briten zuvor zwei Jahre lang in einem Vorjahresauto hatte schmoren lassen. Und weil sich auch Jamie Green- in der Vorjahres-C-Klasse des Persson-Teams beim extrem  turbulenten Rennen auf dem Norisring - sowie Paul di Resta je einmal in der Siegerliste eintrugen,
standen am Ende sechs Mercedes-Siege zu Buche - gegenüber vier Audi-Triumphen durch Tom Kristensen, Martin Tomczyk und Timo Scheider, der zweimal auf dem Podest ganz oben stand.

Haug applaudierte begeistert und tat so, als sei der Titelgewinn für ihn nur von peripherem Interesse. "Wir haben gezeigt, was wir können. Fünf Punkte hin oder her. Ich habe null Probleme mit dem Titel für Audi. Unsere sechs Saisonsiege kommen nicht von ungefähr." Haug erinnerte in seiner persönlichen Jahresbilanz auch an den völlig missratenen Saisonstart in Hockenheim: Nach dem Vierfach-Sieg von Audi war guter Rat teuer. "Da waren wir absolut im Niemandsland", erinnert sich Haug mit Grausen. "Die Audi waren im Schnitt pro Kilometer eine Zehntelsekunde
schneller." Starfahrer Gary Paffett war "geschockt, wie schlecht wir sind."

Der Saisonauftakt in Hockenheim war für Mercedes ein Schock

Doch schon beim nächsten Rennen konnten sich die Mercedes-Techniker um Gerhard Ungar rehabilitieren: Auf dem Lausitzring holten di Resta und Bruno Spengler einen Doppelsieg. Haug atmete auf, denn nun stand fest, dass in der weiterentwickelten C-Klasse kein grober Hund steckte. In Hockenheim sei man halt in eine Abstimmungs-Sackgasse geraten, meinte er lakonisch. Rückblickend ist Gary Paffett völlig klar, wo, wie und warum er im Titelduell letztlich den Kürzeren zog: Sicherlich tat die Nullrunde beim Saisonauftakt weh, als er wie alle Mercedes-Fahrer im Training zu langsam war, dann in eine Startkollision verwickelt wurde und deswegen die Motorhaube verlor.

Doch auch beim Rennen auf dem Nürburgring im August lief vieles schief. "Wegen Fehlzündungen habe ich nur Startplatz 16 geschafft, und beim Start zum Rennen hat mich Katherine Legge umgedreht", klagte der Brite, nachdem er als Achter nur einen Punkt geholt hatte. Seiner Landsfrau zürnte er: "Wenn sie nicht aufhört in andere Autos hineinzufahren, hat sie in der DTM nichts verloren." Natürlich hatte auch Timo Scheider auf dem Weg zur  Titelverteidigung frustrierende Momente zu überstehen, zum Beispiel den Reifenplatzer von Dijon oder beim Gastspiel in Zandvoort, als er Platz acht und somit einen Punkt verlor, weil er zu spät zum Wiegen erschien und deshalb disqualifiziert wurde. Doch der stets fröhliche Wahl-Österreicher verstand es immer wieder, das Beste herauszuholen, auch wenn es mal nicht reibungslos lief.

Ekström war nach dem Norisring-Rennen stinksauer auf Scheider

So, wie am Norisring, als er mit hohem Fieber an den Start ging. Mit List und Tücke verteidigte er Platz eins gegen die wütend anstürmenden Gegner von Mercedes, Bruno Spengler und Jamie Green, aber auch gegen seinen Teammate Mattias Ekström. In der haarsträubenden Schlussphase standen die begeisterten Zuschauer in Nürnberg auf den Sitzen. Gegen Schluss jedoch ließen Kräfte und Konzentration bei Scheider nach: Er wurde Vierter, hinter den beiden Mercedes und Ekström. Der drittplatzierte Schwede war stinksauer auf Scheider. Intern beschwerte er sich bitter: "Ich hätte gewonnen, wenn mich Timo früher vorbeigelassen hätte."

Sportchef Wolfgang Ulrich rühmte Scheider in seiner Laudatio nach dem Titelgewinn: "Timo hat es immer geschafft, sich wunderbar zu konzentrieren und das Maximum rauszuholen. Er hat aber auch das Glück des Tüchtigen. Und er hat sich clever aus allem rausgehalten." Alles andere wäre auch sehr verwunderlich gewesen. Denn erstens ist Scheider ein nüchterner Rechner, der aussichtslosen Duellen schlau aus dem Weg geht und sich im Zweifelsfall eher mit zwei Punkten weniger begnügt, ehe er das Risiko eines Unfalls eingeht. Zweitens pflegt der 30-Jährige eine innige Beziehung zu seinen Rennautos: Scheider streichelt dem Vehikel stets zärtlich übers Dach, bevor er einsteigt. So einer meidet natürlich den Kontakt mit gegnerischen Wagen so gut es geht.

Ärgerthema Nummer eins war auch 2009 wieder die - seit 2008 verbotene - Stallregie. Oliver Jarvis und Alexandre Prémat machten beim DTM-Rendezvous in Zandvoort bravstens Platz für den Titel-Aspiranten Mattias Ekström. Die Regelhüter des DMSB entschieden: Je 25.000 Euro Strafe für die Audi-Teams Abt und Phoenix sowie eine Fünf-Sekunden-Zeitstrafe für Ekström. Wesentlich erfreulicher: Die Hersteller einigten sich, die Technik der Autos einzufrieren. Mitte August trat diese Regel in Kraft. Sie gilt bis Ende 2010. Dann kommt ein neues technisches Regelwerk. Und vielleicht auch der lange ersehnte dritte Hersteller.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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