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VW-Dieselmotor EA189 mit Betrugssoftware

Das müssen Sie jetzt zum Rückruf wissen

Audi A4 Allroad Quattro 2.0 TDI, Motor Foto: Hans-Dieter Seufert 36 Bilder

VW-Diesel-Motoren der Baureihe EA189 fahren mit Schummelsoftware. Allein in Europa sind 8 Millionen Autos betroffen. Aber in welchen Modellen sitzt der Motor? Wir zeigen welche Autos des VW-Konzerns mit Schummel-Diesel unterwegs sein können, wie deren Besitzer Gewissheit erlangen, ob ihr Fahrzeug betroffen ist und welche Lösungen VW vorbereitet hat.

28.01.2016 Roman Domes, Thomas Gerhardt

In diesem Artikel finden Sie außerdem:

  • Der Motor EA189 – Geschichte und Verbreitung
  • Welche Modelle betroffen sein können (Bildergalerie)
  • Wie Besitzer herausfinden, ob ihr Auto betroffen ist
Was genau wird in der Werkstatt mit meinem Auto gemacht?

Bei dem 1,6-Liter-EA189-Motor wird vor dem Luftmassenmesser ein sogenannter Strömungstransformator befestigt. Das ist ein Gitternetz, das den verwirbelten Luftstrom vor dem Luftmassenmesser beruhigt und so die Messgenauigkeit des Luftmassenmessers entscheidend verbessert. Der Luftmassenmesser ermittelt die aktuell durchgesetzte Luftmasse; ein für das Motormanagement sehr wichtiger Parameter für einen optimalen Verbrennungsvorgang. Zudem wird an diesem Motor noch ein Software-Update durchgeführt. Die reine Umsetzung der technischen Maßnahmen wird nach Angaben von VW weniger als eine Stunde in Anspruch nehmen.

Die 2,0-Liter-Aggregate und die 1,2-Liter-Diesel-Motoren bekommen ein Software-Update. Die reine Arbeitszeit für diese Maßnahme wird rund eine halbe Stunde betragen.

Die Änderungen gelten auch für die Modelle von Audi, Seat, Skoda und VW Nutzfahrzeuge.

(Software)-Update - Wie sind die Folgen?

Nach Angaben von VW sollen die vorgestellten Maßnahmen keine Einbußen bei den Fahr- und Motorleistungen sowie keinen Mehrverbrauch bedeuten.

Was erwartet die Kunden nach der Anordnung des Rückrufs?

Das Kraftfahrtbundesamt wird die betroffenen VW-Modelle nun in einer offiziellen Rückrufaktion in die Werkstätten beordern. Das Verkehrsministerium werde die nun angeordnete Rückrufaktion überwachen. Eine solche staatliche Kontrolle könne aufgrund der Vielzahl an betroffenen Fahrzeugen nur durch einen Zwangsrückruf gewährleistet werden. Klingt nach purem Aktionismus von Seiten der Politik, das KBA ist als Behörde ohnehin dem Bundesverkehrsministerium unterstellt. Ein offizieller Rückruf über das KBA bemisst sich nie nach der Anzahl der zurückgerufenen Modelle, sondern wird meistens bei einem sicherheitsrelevanten Mangel angeordnet. Welche Modelle sind betroffen?

Was passiert jetzt nach der Rückrufanordnung?

Das Kraftfahrtbundesamt wird über VW die Halter der betroffenen Fahrzeuge anschreiben und in die Werkstatt bitten.

Kann ich schon früher mein Auto in die Werkstatt bringen?

Nein, Halter sollten das Rückrufschreiben abwarten.

Wie ist der Zeitplan für die Rückrufaktion?

Es ist vorgesehen, dass alle betroffenen Fahrzeuge in mehreren Wellen zurückgerufen werden. Ab erstem Quartal 2016 sollen bei den betroffenen 2,0-Liter-Motoren die technischen Maßnahmen umgesetzt werden. Voraussichtlich zum Ende des 2. Quartals werden diese bei den betroffenen 1,2- Liter-Motoren vorgenommen. Ab 3. Quartal 2016 erfolgt die Umsetzung bei den betroffenen Fahrzeugen mit 1,6-Liter-Motor. Als erstes müssen VW Amarok-Modelle mit 2.0 TDI-Motor zur Nachbesserung. Für diese hat das KBA am 28. Januar 2016 die endgültige Freigabe der Nachrüstlösung erteilt. Die Freigaben für die weiteren betroffenen Modelle befinden sich derzeit beim Kraftfahrt-Bundesamt noch in der Prüfung.

Kann ich weiter mit meinem Auto fahren?

Ja, denn abgesehen von der Betrüger-Software, die nur bei Prüfstandsläufen aktiviert wird, sind die Motoren einwandfrei und können auch keine Schäden durch den täglichen Gebrauch davontragen. Die Motoren emittieren jedoch im Realbetrieb deutlich mehr Schadstoffe, als auf dem Prüfstand - was angesichts des veralteten NEFZ-Tests bei vielen Modellen anderer Hersteller auch so ist.

Hat mein Auto noch eine Zulassung?

Die Software ist nach Mitteilung der Behörde zwar "illegal" trotzdem ist ein Entzug der Typenzulassung nach Angaben des Bundesverkehrsministers nicht in der Planung.

Was kostet mich der Rückruf?

Nach Angaben von Volkswagen soll die Rückrufaktion für die Kunden kostenlos sein. Zudem sichert Volkswagen allen Kunden im Bedarfsfall eine angemessene und kostenfreie Ersatzmobilität zu.

Muss ich mein Auto reparieren lassen?

Ja, die Rückrufaktion ist verpflichtend.

Muss ich mehr Kfz-Steuer zahlen?

Nein, die Kraftfahrzeugsteuer ist zwar Hubraum- und CO2-abhängig und Stickoxide spielen keine Rolle. Aber, nach der Nachbesserung könnten die Modelle mehr verbrauchen und somit auch mehr CO2 ausstoßen, entsprechend hat sich VW bereits kulant gezeigt und übernimmt etwaige Mehrkosten.

Wie sieht es mit dem Wertverlust aus?

Fragen nach einem möglichen Wertverlust oder weiteren Ansprüchen lassen sich derzeit noch nicht beantworten, da dazu erst Art, Umfang und Erfolg der Nachbesserung abzuwarten ist. Die Deutsche Automobil Treuhand GmbH (DAT) sieht mit Stand heute sogar keine Veränderung bei den VW-Dieselgebrauchtfahrzeugwerten. In diesem Zusammenhang warnt die DAT vor Panikmache, bei der u.a. eine Talfahrt der Gebrauchtfahrzeugpreise auf breiter Front vorhergesagt wird.

Erfahrungsgemäß sind die zum Teil sehr emotional motivierten Bewegungen der Kurse von Aktienmärkten keineswegs auf den Gebrauchtfahrzeugmarkt übertragbar.

Auch Schwacke bläst ins gleiche Horn. "Es besteht kein Grund zur Panik. Bis heute sehen wir keine negativen Einflüsse auf den Restwertverlauf gebrauchter Diesel-Pkw außerhalb normaler Marktschwankungen“, so Christoph Ruhland, Direktor Marketing & Presse bei Schwacke. Für eine abschließende Beurteilung, ob und wie weit sich die aktuellen Vorgänge auf die Restwertentwicklung von VW-Modellen sowie Diesel-Pkw generell auswirken, sei es noch zu früh.

VW EA189 Nachrüstung Strömungsgleichrichter 1.6 TDIFoto: VW
Der Strömungsgleichrichter für den 1.6 TDI.
VW EA189 Nachrüstung Strömungsgleichrichter 1.6 TDI
So will VW die Schummeldiesel umrüsten 1:07 Min.

Hier können Besitzer ihr Diesel-Modell aus dem VW-Konzern mit EA189-Aggregat und EU5-Abgasnorm auf Schummelsoftware checken:

  • Alle VW-Kunden können sich über diese Webseite informieren, ob ihr Fahrzeug mit der Schummel-Software unterwegs ist
  • Auch Audi hat mittlerweile eine Webseite eingerichtet, auf der Kunden prüfen können, ob ihr Dieselfahrzeug von der Manipulations-Software betroffen ist. Die Webseite finden Sie hier.
  • Skoda-Kunden (Fabia, Yeti, Roomster, Rapid) können hier mittels der Fahrgestellnummer überprüfen, ob ihr Diesel die Software an Bord hat.
  • Auch Seat bietet seit 6. Oktober die Möglichkeit, das eigene Dieselmodell anhand der Fahrgestellnummer zu checken, und zwar hier.

Hintergrund - Die Geschichte des VW EA189-Dieselmotors

Der VW-intern als "Entwicklungsauftrag 189" (EA189) geführte Dieselmotor mit Turboaufladung wurde von VW selbst entwickelt, im Januar 2007 vorgestellt. Pikant: die Pressemitteilung rühmte ihn damals als "saubersten Diesel der Welt“. Aber als er im Frühjahr 2008 eingeführt wurde, war er schon der "Schummel-Diesel". VW hat die Entscheidung für die Software inzwischen auf die Jahre 2005/2006 datiert.

Zunächst kam der Zweiliter-Selbstzünder mit Stickoxid-Nachbehandlungssystem im Jetta auf den amerikanischen Markt. Der "Clean Diesel" war geboren - der nächste Versuch, den Dieselmotor auf dem amerikanischen Markt zu etablieren. Speziell die strengen kalifornischen Emissionsgrenzwerte "Tier 2/Bin 5" konnte der 2.0 TDI erfüllen - aber wohl schon damals nur, indem er die Prüfstände überlistete.

Aber Schummelsoftware erkennt offensichtlich auch Prüfstandsläufe in Europa und ist und war in Deutschland aktiv, das ergab eine gemeinsame Recherche von von WDR, NDR und der Süddeutschen. Auch hier veranlasst die Software mehr Abgasrückführung auf dem Prüfstand. In Folge sinkt der NOX-Ausstoß auf dem Prüfstand und die EA 189-Aggregate schaffen so die EU5.

Prinzipiell baut der Common-Rail-TDI ("Turbocharged Diesel Injection") noch auf dem alten "2.0 TDI"-Motor mit Pumpe-Düse-Technologie auf, hat jedoch jeweils zwei Einlass- und Auslassventile pro Zylinder, also insgesamt deren 16. Das für das komplexe Common-Rail-Einspritzsystem nötige Motormanagement übernimmt eine Steuereinheit von Zulieferer Bosch.

VW EA189 Nachrüstung Strömungsgleichrichter 1.6 TDIFoto: VW
So wird das neue Teil eingesetzt.

Dank der neuen Hochdruck-Einspritzmethode verfügt der EA189 über bessere Manieren: ruhigerer Motorlauf, breiter nutzbares Drehzahlband und niedrigeren Verbrauch und umweltfreundlichere Abgasemissionen - zumindest im Labor. Auch die Niedertemperatur-Abgasrückführung soll für eine Reduzierung der NOx-Emission sorgen, insbesondere bei der teillastintensiven Kaltstart- und Warmlaufphase. Dafür wird der Abgasrückführungskühler - auch als AGR-Ventil bekannt - direkt vom Motorkühler mit Kühlmittel versorgt. Eine niedrigere Verbrennungstemperatur in der Brennkammer ist die Folge und - in der Theorie - weitaus geringere Stickoxid-Emissionen.

Nahezu alle 2.0 TDIs von 2008 bis 2013 nutzen den EA189

Wie sein Vorgänger wurde auch der EA189 zur Allzweckwaffe von VW. Vom Beetle über die passatige Mittelklasse bis hin zum großen Multivan: Überall pappte das TDI-Schild hinten drauf. Die Konzerntöchter Audi, Skoda und Seat bedienten sich gerne beim - auch von uns - hochgelobten, als effizient geltenden TDI-Motor. Alles, was von 2008 bis 2013 gebaut und als "2.0 TDI oder 1.6 TDI" gekennzeichnet wurde, hat aller Wahrscheinlichkeit nach den EA189-Motor unter der Haube. Inzwischen ist klar: Auch 1,2 TDI-Modelle gehören dazu.

Erfüllt das Aggregat dann nur die Euro 5-Norm, ist es definitiv betroffen. Dies bestätigte ein Audi-Sprecher im Gespräch mit auto motor und sport. Die EA189-Motoren mit der Einstufung "Euro 6" sind demnach nicht betroffen.

Insgesamt sollen rund zehn Millionen Autos weltweit mit dem "Schummeldiesel" unterwegs sein. VW spricht von 9,6 Millionen betroffenen Konzern-Fahrzeugen. Allein in Europa sind nach jüngsten Angaben von VW 8 Millionen Fahrzeuge mit der Manipulationssoftware ausgestattet.

Derzeit nennt der Konzern folgende Verteilung nach Marken:

  • Audi: 2,1 Millionen betroffene Fahrzeuge
  • Seat: 700.000 betroffene Fahrzeuge
  • Skoda: 1,2 Millionen betroffene Fahrzeuge
  • VW: etwa 5 Millionen betroffene Fahrzeuge
  • VW-Nutzfahrzeuge: etwa 1,8 Millionen betroffene Fahrzeuge

2013 kam mit der Einführung des "Modularen Querbaukastens" (MQB) der neu entwickelte Motor EA288 auf den Markt - ohne Manipulationssoftware. Das war am 21. Oktober von etlichen Medien in Frage gestellt worden, weil VW erklärte, dass auch dieser Motor untersucht werde. Und tatsächlich fand sich die Schummelsoftware in 15 Prototypen für den werksinternen Gebrauch - der EA288 ging eben aus dem EA189 hervor, die Software hatte der neue Motor quasi geerbt. Im Zuge der weiteren Entwicklung wurde sie aber bei den europäischen Versionen eliminiert: Der EA288 schaffte die EU5 auch so, VW konnte für die EU5-Versionen dieses Typs Entwarnung geben. Die US-Grenzwerte hielt er hingegen nur auf mit der Schummelsoftware für den Prüfstand ein. Darum ist in den USA auch der EA288 auffällig geworden.

Der EA189 sitzt nur noch in Modellen, die nicht auf dem MQB aufbauen. Ob Ihr Fahrzeug auch vom "Dieselgate" betroffen sein könnte, sehen Sie in unserer Bildergalerie.

Die aktuellste Entwicklung im VW-Abgasskandal können Sie hier verfolgen.

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