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"Spionage gab es schon immer"

Foto: dpa

Fünf Wochen nach dem Finale in Sao Paulo bilanziert Formel 1-Boss Bernie Ecclestone eine Saison der Überraschungen und Skandale.

28.11.2007 Michael Schmidt Powered by

Diese Formel 1-Saison zog sich in die Länge. Erst seit dem 16. November steht schwarz auf weiß fest, dass Kimi Räikkönen Weltmeister ist. An diesem Tag hat die FIA den Rekurs von McLaren gegen das Ergebnis des GP Brasilien abgewiesen.

Wie sehen Sie die Saison 2007?

Ecclestone: Es war eine schöne Saison. Mal hat es geregnet, mal hat die Sonne gescheint. Aber im Ernst: Diese Saison hat viele interessante Geschichten produziert. Die Rennen waren besser als in den Jahren zuvor, was auch daran lag, dass es an der Spitze enger zuging als sonst.

Sind Sie happy mit Kimi Räikkönen als Weltmeister oder wäre Ihnen Lewis Hamilton als Rookie-Weltmeister lieber gewesen?
Ecclestone: So wie es gelaufen ist, war es gut. Hamilton hat seine Visitenkarte abgegeben. Seine Geschichte war fantastisch für ihn und für die Formel 1. Kimi kam aus dem Hinterhalt. Aber er hat sechs Rennen gewonnen und Lewis nur vier. Deshalb ist Kimi ein würdiger Weltmeister.

War Hamilton der beste Neuling, den Sie je erlebt haben?
Ecclestone: Die Antwort muss ja lauten. Der Junge hat einen außergewöhnlichen Job gemacht.

Wie ist es möglich, dass Rookies sofort um den Titel fahren können, und dass ein Formel 1-Rentner wie Michael Schumacher nach einem Jahr Cockpitabstinenz auf Anhieb schneller fährt als der Rest?
Ecclestone: Wer war denn bitte der Rest an diesen beiden Testtagen in Barcelona? Bei Testfahrten bleibt immer ein Fragezeichen, bei Rennen nicht. Hamilton hat im Rennen gegen den ganzen Rest gut ausgesehen. Der Kerl hat Talent ohne Ende, und er saß in einem sehr guten Auto, und es gab mit Ferrari nur ein weiteres Auto, das auf diesem Niveau gefahren ist. Das alles
zusammen hat es möglich gemacht, dass er auf Anhieb erfolgreich war.

Diese Saison war voller Kontroversen und sie endete mit einem Konflikt. Findet die Formel 1 zu oft im Gerichtssaal statt?
Ecclestone: Ich spreche oft von den guten alten Zeiten, die so gut gar nicht waren. Aber wenigstens haben wir damals unsere Probleme intern gelöst. Heute hat jedes Team fünf Anwälte, drei Ärzte, zwei Masseure und einen Psychologen. Alle wollen Arbeit. Wenn sich die Gelegenheit bietet, Ärger zu produzieren, dann produzieren sie ihn. Ohne all diese Leute würden sich die Teams auch nicht auf soviele Konflikte einlassen.

Wie groß ist der Schaden für den Sport, wenn es jeden zweiten Tag bis zehn Uhr abends dauert, bis ein Resultat bestätigt wird?
Ecclestone: Immens. Ich verstehe sowieso nicht, warum die Sportkommissare so lange für ihre Arbeit brauchen. Man sollte ihnen ein Zeitlimit setzen. Du hast eine Stunde Zeit, einen Protest einzureichen, und sie haben eine Stunde Zeit, darüber zu entscheiden.

Wir hatten eine Spionageaffäre mit McLaren und stehen vor einer weiteren mit Renault. Ist das die neue Seuche der Formel 1?
Ecclestone: Spionage gab es schon immer. Heute läuft das nur auf einer anderen Ebene ab. Früher hat man einem anderen Team einen guten Mann abgekauft, und der brachte alle Informationen in seinem Kopf mit. Auf gewisse Weise passiert das heute ja auch noch. Oder warum hat Red Bull Adrian Newey angeheuert? Weil er weiß, wie man ein gutes Rennauto baut. Er kam zwar nicht mit Zeichnungen, aber doch mit seinem ganzen Wissen im Kopf.

Doch wo ist die Grenze?
Ecclestone: Ich weiß es nicht. Wie sollen wir das stoppen? Hätte ich ein privates Krankenhaus, würde ich mir die besten Chirurgen der Welt suchen. Wenn sie dann zu mir kommen, kann ich ja schlecht zu ihnen sagen: Vergiss alles, was du bis jetzt gelernt hast.

Sollte sich die FIA in diese Spionagefälle einmischen?
Ecclestone: Sie sollten sich raushalten. Das ist eine Sache für die Polizei und Strafrichter. Die haben viel bessere Methoden die Wahrheit herauszufinden. Ich habe zu Ron Dennis gesagt, als es erste Informationen über den Fall Stepney gab: Geh zur Polizei und sage ihnen, dass du im Haus einen Angestellten hast, der gestohlenes Material erhalten oder gekauft hat. Hätte er diesen Weg bestritten, wäre uns und ihm viel erspart geblieben.

Muss sich Renault vor einer ähnlich harten Strafe fürchten?
Ecclestone: Ich kenne das ganze Ausmaß der Affäre nicht. Der Unterschied ist nach meinem Wissen der, dass im Fall von McLaren Information beinahe auf stündlicher Basis von einer Person zu McLaren geflossen ist. Bei Renault hat einer einfach einen ganzen Berg Zeichnungen mitgebracht und das war’s.

Muss McLaren Sorge haben, dass Sie die Saison 2008 mit einer Strafe beginnen, wenn sich herausstellen sollte, dass der neue McLaren Anleihen von Ferrari in sich trägt?
Ecclestone: Ich will es nicht hoffen, aber auszuschließen ist das nicht. Als Fotograf besitze ich die Copyright-Rechte an meinen Bildern. Ob man sich beim Design von irgendetwas auf die gleiche Stufe stellen kann, kann ich nicht beurteilen. Als Designer würde ich sagen ja.

Es gab 1978 einen ähnlichen Fall zwischen Shadow und Arrows. Er wurde intern gelöst. Wäre das zwischen McLaren und Ferrari auch möglich gewesen?
Ecclestone: Ich glaube schon. Wenn Ron Dennis sich beim ersten Verdacht sofort mit Jean Todt an einen Tisch gesetzt hätte und beide sofort die Polizei eingeschaltet hätten, dann würden wir heute vielleicht die volle Wahrheit kennen.

Fernando Alonso war einer der Verlierer dieser Saison. Wie sehr hat seine Politik bei McLaren seinem Ruf geschadet?
Ecclestone: Wir wissen nicht, was ihm McLaren versprach, als er vor zwei Jahren dort unterschrieben hat. Zu der Zeit war Lewis Hamilton noch nicht mal in einem Formel 1-Auto gesessen. Vielleicht hat man Fernando gesagt, mach dir keine Sorgen, der ist ein Rookie, ein Nobody und du ein zweifacher Weltmeister und unsere Nummer eins. Da hat Fernando vielleicht gedacht, dass er dieselbe Vorzugsbehandlung bekommen würde wie Michael Schumacher bei Ferrari. Plötzlich merkt er, dass dem nicht so ist, schlimmer noch, dass der andere unbewusst vielleicht sogar etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt. Da fühlte er sich benachteiligt. So, glaube ich, könnte das Problem entstanden sein.

Welche Fahrer außer Hamilton fanden Sie noch gut?
Ecclestone: Der Junge aus Polen, Kubica glaube ich heißt er. Auch Vettel hat einen tollen Job gemacht. Mir gefällt es, dass Fahrer aus kleineren Teams gute Leistungen gezeigt haben.

Ist es für Leute wie Fisichella und Ralf Schumacher Zeit, sich zu verabschieden?
Ecclestone: Beide waren für einige Zeit bei ordentlichen Teams in denen sie besser hätten abschneiden sollen als es der Fall war. Sie sollten sich gut überlegen, ob es klug ist zu kleineren Teams zu wechseln. Vielleicht weckt sie das aber auch auf.

Wie konnte Renault in einem Jahr so weit zurückfallen?
Ecclestone: Ich glaube, Alonso hat ihnen gefehlt. Er war wie Michael bei Ferrari der Motor für dieses Team. Die Top-Fahrer von seinem Schlag können ein Team motivieren, und sei es nur durch bessere Informationen an die Ingenieure.

Was machen die Japaner falsch?
Ecclestone: Dass sie Entscheidungen in Japan fällen. Tokio ist sieben oder acht Stunden weg vom Geschehen. Und die japanische Kultur ist anders. Sie warten lieber ab als etwas zu riskieren. Sie sind von Natur aus konservativ. In der Formel 1 darfst du nicht konservativ sein.

Honda reagierte auf die Pleite mit der Verpflichtung von Ross Brawn. Sollte Toyota nicht den gleichen Weg gehen?
Ecclestone: Sie sollten, aber dazu muss man erst einmal einen finden wie Ross. Die laufen nicht in Scharen frei herum. Vielleicht war es bei Toyota aber auch ganz anders. Wissen wir, wie gut oder schlecht dieses Auto war? Vielleicht haben die Fahrer nicht das Maximum herausgeholt. Wäre ich Toyota, würde ich mir einen wie Michael Schumacher suchen und sagen: Du kommst jetzt drei Tage zu uns, fährst das Auto und sagst uns dann, was du denkst. Dann wüssten sie, woran sie sind.

Ein Job für Alonso. Er ist noch frei.
Ecclestone: Warum nicht. Schauen Sie sich doch Renault an. Hätten sie 2005 und 2006 nur Fisichella im Team gehabt, wüssten sie bis heute nicht, dass sie ein Auto hatten, mit dem man die WM gewinnen konnte.

Die Diskussionen, was ein Konstrukteur und was ein Kundenteam ist, wollen nicht enden. Ist eine Lösung in Sicht?
Ecclestone: Wir wissen, was ein Kundenteam ist. Ich bin der Meinung, dass wir es nicht dazu kommen lassen dürfen, dass ein Team von einem anderen ein komplettes Auto kauft und einsetzt. Dann haben wir bald vier McLaren und vier Ferrari in der Startaufstellung, mit all den Problemen die damit verbunden sind. Wenn es um den Titel geht, werden sich das A- und das B-Team die Bälle zuschieben. Wir sollten zum Ausgangspunkt der Formel 1 zurückkehren. Es darf nur mitfahren, wer seine Autos selbst konstruiert und baut.

Wird das Verbot der elektronischen Fahrhilfen die Rennen verbessern?
Ecclestone: Schwer zu sagen. Ich sehe ein anderes Problem: Die Reifen von heute sind zu weich, sie produzieren zuviel Abrieb. Nach zwei Trainingstagen gibt es nur noch eine Linie, auf der genügend grip ist. Deshalb fahren die Piloten alle hintereinander her. Das ist der Grund, warum Regen die besten Rennen produziert. Weil es plötzlich viele Rennlinien gibt. Ich schlage deshalb vor, dass die Veranstalter am Samstagabend die Strecke säubern, den Gummiabrieb wegwaschen, um für das Rennen Verhältnisse wie im Regen herzustellen. Härtere Reifen wären auch wünschenswert.

Nächstes Jahr kommen mit Valencia und Singapur zwei Statdrennen dazu, dafür verschwindet die USA aus dem Kalender. Wie geht es weiter?
Ecclestone: Ich verspreche Ihnen zwei tolle neue Rennen. Singapur in der Nacht wird ein Highlight, und die Strecke in Valencia ist ein Hammer. Wir werden in absehbarer Zukunft einen Grand Prix in Indien haben, wahrscheinlich auch einen in Russland und Korea. Wir müssen in die Zukunftsmärkte der Automobilindustrie gehen. Formel 1, das ist heute großer, weltweiter Sport. Die USA sind ein spezielles Kapitel. Nordamerika ist so groß wie Europa. Um dort die Formel 1 populär zu machen müssten wir wie in Europa acht Rennen in den USA haben. Das ist nicht möglich.

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