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Eifelrennen 2009

Goldene Zeiten

Eifelrennen 2009 Foto: Frank Herzog 28 Bilder

Zum 75-jährigen Jubiläum der Silberpfeile entsandte Mercedes- Benz vier der legendären GPRennwagen zum Eifelrennen an den Nürburgring. Motor Klassik fuhr den W 154 von 1939.

22.12.2009 Hans-Jörg Götzl Powered by

Während die Mechaniker draußen im Fahrerlager die Motoren mit gezielten Gasstößen warmlaufen lassen, legt mir Hans Herrmann im Halbdunkel von Box 31 beruhigend die Hände auf die Schultern.

Hans Herrmann: Der W 154 ist wie ein alter Freund

"Nur keine Aufregung, mein Junge, wir fahren doch bloß spazieren", sagt der 81-Jährige lächelnd. Die schwäbische Rennlegende hat leicht reden. Schließlich gelang Herrmann gleich beim ersten Nachkriegseinsatz der Silberpfeile 1954 im französischen Reims mit dem Mercedes-Benz W 196 die schnellste Rennrunde, 16 Jahre später beendete er seine eindrucksvolle Karriere mit dem ersten Gesamtsieg für Porsche in Le Mans.

Speziell der W 196 ist ihm im Laufe der Jahrzehnte so ans Herz gewachsen, dass ihm jede Sitzprobe in seinem alten Weggefährten ein freudiges Strahlen ins Gesicht zaubert: "Er ist wie ein alter Freund." Ich dagegen habe seit heute Morgen puddingweiche Knie. Und die halbe Nacht habe ich damit zugebracht, mir das unorthodoxe Schaltschema des Mercedes-Benz W 154 einzuprägen: Erster Gang links oben über dem Rückwärtsgang, zweiter rechts unten, dritter darüber, vierter rechts unten, fünfter darüber - im Prinzip wie ein umgedrehtes Sportgetriebe also. Nicht auszudenken, was passiert, wenn sich der Fahrer in der Hitze des Gefechts etwa im Dritten oder Fünften befindet und wie gewohnt nach hinten hochschalten will. Wahrscheinlich würden mich die ansonsten so gutmütigen Mercedes-Mechaniker anschließend mit dem Kernschrott um den Hals im nächsten Eifelsee versenken.

Im Silberpfeil steckt ein V12 mit 483 PS

Und das zu Recht. Schließlich ist der elfte von insgesamt 15 in den Jahren 1938 und 1939 in Stuttgart-Untertürkheim gebauten W 154 theoretisch sein Gewicht (trocken 981 Kilogramm zuzüglich bis zu 420 Liter Brennstoff) gut und gern in Gold wert, praktisch ist der silberne GP-Rennwagen ohnehin unbezahlbar. In den beiden Rennjahren der Dreiliter-Formel war der W 154 der Wagen, den es zu schlagen galt; 1938 wurde Rudolf Caracciola damit Europameister, 1939 Hermann Lang.

Als 39er Modell besitzt Nummer Elf bereits den in einigen Punkten modifizierten V12 mit der Bezeichnung M 163, insbesondere den neuen Zweistufen-Kompressor, der die Leistung des Vierventilers auf 483 PS bei 7.800 Umdrehungen anhebt. Die leicht geänderte Kühleröffnung hingegen stammt von 1951 - am 18. und 24. Februar ging Fangio mit Nummer Elf noch einmal in Buenos Aires an den Start, musste sich aber jeweils Gonzales und dessen Ferrari geschlagen geben.

Draußen sind die Motoren verstummt; die Mechaniker wechseln nun die Warmlauf- gegen Rennkerzen und schieben die vier Silberpfeile in die Boxengasse. Jetzt gilt's. Mein englischer Kollege Tony Dron steigt in den W 25 von 1934, Jochen Mass in den W 125 von 1937, Hans Herrmann in den W 196 und ich in den W 154.

Höchste Konzentration gefordert - Doppelkuppeln, Zwischengas

Das Cockpit ist für einen Grand Prix- Renner vergleichsweise geräumig, das riesige Lenkrad bräuchte ich zum Einstieg nicht wirklich abzunehmen. Zum Glück durfte ich den Wagen, wie es bei Mercedes guter Brauch ist, vor dem Einsatz am Nürburgring auf der Einfahrbahn in Untertürkheim ein paar Runden lang testen und weiß, was nun zu tun ist: Leerlauf, beide Zündmagnete an, die Mechaniker lassen den externen Starter heulen, dann brüllt der Kompressormotor. Spätestens jetzt halten sich alle die Ohren zu.

Der V12 verfügt über keinen Leerlauf und will mit langen Gasstößen hinauf bis etwa 4.000 Touren mit dem mittig angeordneten Gaspedal am Leben erhalten werden. "Wenn man nervös pumpt, werden sofort die Kerzen nass", warnt Gert Straub, Projektleiter historischer Motorsport bei Mercedes-Benz. Nach endlosen Sekunden rolle ich gemeinsam mit Jochen Mass auf die Grand Prix-Strecke, mit leichtem Abstand folgen Tony Dron und Hans Herrmann.

Das an der Hinterachse angeordnete Getriebe verlangt beim Rauf- wie Runterschalten sauberes Zwischengas und Doppelkuppeln - zumindest das Schaltschema kenne ich wie im Schlaf. Der Vorwärtsdrang des W 154 ist brachial: Bei den Testfahrten verschwand ein gleichfalls voll beschleunigender E 320 CDI innerhalb weniger Sekunden aus dem Rückspiegel. Die vier Trommelbremsen verzögern dagegen eher mäßig, und die Lenkkräfte sind hoch. Dafür lässt sich der Wagen, wie es sich für einen Monoposto gehört, wunderbar zielgenau durch Yokohama-S, Ford- Kurve und NGK-Schikane jagen.

Alle Fahreindrücke aber überwiegt die Faszination des Kompressor-V12 und dessen unglaubliches Heulen bei Volllast. Bemerkenswert ist zudem, wie modern sich dieser letzte Vorkriegs-Silberpfeil anfühlt, dessen flache Gestalt das Rennwagen-Design der kommenden 20 Jahre vorwegnahm: Insgesamt ist das Fahrverhalten des W 154 näher an einem 50er-Jahre-Formel 1 als an einem 30er- Jahre-Rennwagen - allerdings mit beinahe 200 PS mehr Leistung als etwa sein Nachfolger W 196 oder ein Maserati 250 F.

Der W 154 kann mit weit jüngeren Rennwagen mithalten

"Im direkten Vergleich würde der W 196 auf verwinkelten Kursen wie Monaco zwar Kreise um den W 154 fahren, doch auf Strecken wie Monza wäre der Vorkriegswagen vorn", schätzt Mass. Als der 62-Jährige mit dem W 125 in Richtung Boxengasse abbiegt, folge ich nur unwillig; ein letzter Gasstoß, dann stelle ich die Zündmagnete aus. Sofort sind wir wieder von Zuschauern umringt, von denen es viele nicht fassen können, dass Mercedes-Benz an diesem sonnigen Wochenende gleich vier Generationen Silberpfeile auf die Strecke lässt.

"Unglaublich", murmelt einer, dessen Kamera-Chip schon längst voll sein sollte. Knapp 40.000 Zuschauer sind es bei diesem 2. Eifelrennen, dazu kommen noch jede Menge an der Nordschleife, über die die Tourenwagen und GT beim Langstreckenrennen toben und die Gleichmäßigkeits- und Vorkriegsfahrer. Die Rennen können sich allesamt sehen lassen, insbesondere einmal mehr die Formel Junior, in der dem Schweizer Urs Eberhardt ein Sieg im ersten und ein ganz knapper zweiter Platz im zweiten Lauf gelingt - womit er insgesamt den Europameistertitel in seiner hart umkämpften Klasse feiern kann. "Zum zweiten Mal seit 1986, den Lotus 27 fahre ich seit 1982", sagt der 53-Jährige.

Sehen lassen kann sich auch das Fahrerlager mit seinen vielen gekonnt drapierten Rennwagen, Verkaufsständen und Cafés. "Außer den Formel 1 stehen keine Autos in den Boxen, das macht es für die Zuschauer so attraktiv, durchs Fahrerlager zu bummeln", meint Henning Meyersrenken, der stellvertretende Organisationsleiter.

Neuer Termin für das Eifelrennen: 2010 schon im Juni

Und kommendes Jahr soll alles noch besser werden: "Da ist das Eifelrennnen vom 18. bis 20. Juni. Es ist abends länger hell und vielleicht sogar noch wärmer." Doch bis dahin ist noch Zeit, jetzt steht erst einmal der zweite Lauf der Silberpfeile an. Diesmal fahre ich mit Tony Dron vorneweg - der W 25 des Briten ist übrigens eben jenes Auto, in dem Manfred von Brauchitsch 1934 das Eifelrennen gewann, womit die Silberpfeil-Legende Fahrt aufnahm.

Als wir im Paarflug zur Dunlop-Kehre hinunterheulen, winken die Streckenposten plötzlich wie wild: Mitten in der Kurve steht eine Kehrmaschine, deren Fahrer wohl nicht damit gerechnet hat, dass Vorkriegsmaterial so schnell sein kann. Auch dieser Lauf ist viel zu schnell vorbei, doch das Heulen des Kompressor-V12 wird auf ewig im Gedächtnis bleiben.

Ebenfalls gespeichert, nicht nur im Gedächtnis, ist ein Geruch: Mein Rennanzug hängt längst wieder gewaschen im Schrank, Helm und Handschuhe aber verströmen nach wie vor das süßliche Alkohol-Azeton-Aroma des speziellen Silberpfeil-Treibstoffs.

VeranstaltungInternetseite
Le Mans Classicwww.lemansclassic.com
Silvretta Classicwww.silvretta-classic.de
Creme 21 Rallyewww.creme21-rallye.de
AvD Histo-Montewww.avd-histo-monte.com
Goodwood Festival of Speedwww.goodwood.co.uk
Techno Classica Essenwww.siha.de
Klassikwelt Bodenseewww.klassikwelt-bodensee.de
Classic Days Schloss Dyckwww.schloss-dyck-classic-days.de
Mille Migliawww.1000miglia.eu
Eifel Classicwww.eifelclassic.de
Goodwood Revivalwww.goodwood.co.uk
Eifelrennenwww.adac-eifelrennen.de
Schloss Bensberg Classicswww.SBC2009.de
ADAC Trentino Classicwww.adac.de
Gran Premio Nuvolariwww.gpnuvolari.it
Gaisbergrennenwww.src.co.at
Retro Classicswww.oldtimermesse.com
Sachsen Classicwww.sachsen-classic.de
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