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Ein Tag bei der Berufsfeuerwehr

Jede Sekunde zählt

Feuerwehr, Übung Foto: Fact 11 Bilder

Im Schlaf. Beim Essen, wenn gerade die Gabel ins Gemüse sticht. Unter der Dusche, wenn die Haare eingeseift sind. Im Gespräch. Beim Sport. Auf dem Klo. Es kann überall passieren und immer, in jeder Minute der 24 Stunden langen Schicht: Alarm! Im Einsatz mit der Berufsfeuerwehr Stuttgart folgt eine Autofahrt der besonderen Art.

16.08.2012 Michael Orth Powered by

Es ist halb neun am Abend, als zwei Mal der dezente Gong ertönt. Er hört sich an, als könnte er auch in der Oper die Champagnerschlürfer zurück in die Loge rufen. Alle bummeln langsam zu ihrem Platz zurück, um sich des Dramas letzten Akt zu geben. Hier nicht. Hier geht nichts langsam, und es bummelt auch keiner. Hier geht alles so schnell, wie es nur mit größter Routine, Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit geschehen kann, egal ob nachmittags um drei oder um drei in der Nacht. Weil man sich das Drama nicht geben, sondern es verhindern will.

Vergesst das Navi, es zählt die Karte im Kopf

Immer beginnt es mit einem Anruf: 112. Hallo, ist da die Feuerwehr, da ist Rauch aus der Wohnung gegenüber. Wie ist Ihr Name, wo wohnen Sie, was genau sehen Sie? Beinahe im selben Moment spuckt der Drucker die Alarmdepesche aus – Einsatzort, Kartenausschnitt, Stichwörter wie Feuer, Wohnhaus, Industriegebäude, Verkehrsunfall, hilflose Person. "Wie es vor Ort aussieht, weiß keiner genau. Und sobald vorne die Tore aufgehen, lässt sich nichts mehr kalkulieren", sagt Ralf Lerch, Einsatzleiter der Hauptfeuerwache Stuttgart.

Der Alarm ist keine 30 Sekunden her, da sitzt Lerch auf dem Beifahrersitz des VW T5, am Steuer Horst Esslinger. Blaulicht, Martinshorn, es geht los. Nicht nach Navigationssystem, sondern nach der Karte im Kopf – alle müssen Prüfungen ablegen, um das Einsatzgebiet so gut zu kennen, wie sie die Kollegen kennen, auf die sie sich blind verlassen.

Atemluft für maximal 30 Minuten

Im ersten Stock der Feuerwache schlägt die Hand auf einen roten Knopf. Sieht aus wie ein Aufzugschacht, doch als die Türen aufschwingen, ist da nur ein Loch im Boden und in der Mitte eine sechs Meter lange Metallstange. Runter. Im Laufschritt zu den Garderoben mit der persönlichen Schutzkleidung. Rein in die Stiefel, die schon darüber gestülpte Hose hoch, Jacke zu, Check: Handschuhe? Da. Helm greifen und zum Auto. Auf Knopfdruck schließen die Türen des Löschfahrzeugs hinter dem Eingriffstrupp, denen, die gleich ganz vorne stehen und die sich während der kurzen, schnellen Fahrt – länger als ein paar Minuten dauert sie nie – fertig machen müssen für das, was sie erwarten könnte. "Früher", sagt Thomas Reischmann, "platzten bei Bränden meist die Scheiben, Rauch und Hitze konnten abziehen. Heute, mit der Sicherheitsverglasung, ist das anders. Da bleiben Gase und Hitze im Gebäude." Temperaturen von 600, 700, 800 Grad, giftige Gase, die einen nach zwei ungeschützten Atemzügen flachlegen. Nicht das Feuer selbst, sondern Hitze, Dampf und Gase sind das Schlimmste. Es sei denn, eine Durchzündung jagt eine Flammenwand gegen die Feuerwehrleute.

Der 18-Tonner schaukelt und gautscht, der Funk krächzt, dazu metallisches Scheppern, wenig Licht, wenig Zeit. Links schlägt der Ellenbogen gegen Riffelblech, rechts windet sich der Arm ins Leere beim Versuch, die Atemschutzausrüstung wie einen Rucksack anzulegen. Thomas Reischmann hilft, zieht die Gurte fest, gibt Maske und Flammschutzhaube rüber. Der Eindruck: Raumkapsel, und gleich schießen sie dich raus.

Dieses zischelnde Geräusch bei jedem schweren Atemzug, abgeschottet hinter der Maske, eingeengtes Blickfeld, letzte Kontrolle: links das Beil, vor der Brust die Wärmebildkamera, rechts Funkgerät, Lampe und Lungenautomat, links das Manometer. "Das ist dein Bodyguard", hatte Markus Pflugfelder gesagt. "Du hast 300 bar Atemluft, bestenfalls eine halbe Stunde. Zwei Drittel bleiben als Reserve für Zwischenfälle und Rückweg. Klar?" Stummes Nicken, ruhig atmen. Die rechte Hand geht zu einem gelben Knopf neben der Hüfte, ein kräftiger Druck löst das Tragegestell vom Sitz. Raus.

Hinter der Maske läuft der Schweiß, er kitzelt an der Nase, das Herz pumpt im Hals, längst nass die Unterwäsche, dicke Adern, ein halber Zentner Ausrüstung am Mann, schwere Schritte, flatternde Nerven, dazu jetzt zwei Tragekörbe mit Schläuchen, jeder gute zehn Kilo. Was in der Küche der Wohnung zu sehen ist, ist verbrannt oder geschmolzen. Schwarz hat sich der Ruß an die Kacheln gelegt, im Raum nur dichter Qualm.

Die Schnitzelreste sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Die Wohnungsbesitzer hatten vergessen, den Herd auszumachen. Sie waren in Eile – die Oper.

Feuerwache in Stuttgart

Die Feuerwache 3 ist zugleich die Hauptfeuerwache Stuttgarts. 70 Beamte arbeiten dort im Dreischichtbetrieb. Zusammen mit 330 weiteren Kollegen in den anderen vier Wachen des Stadtgebiets werden sie jährlich zu rund 15.000 Einsätzen gerufen. Zu einem Lösch- und Hilfeleistungszug gehören neben dem VW T5 der Einsatzleitung – 180 PS, Allradantrieb, Siebengang-DSG – zwei Löschfahrzeuge. Das neuere der beiden trägt auf Mercedes-Fahrgestell einen Iveco-Magirus-Aufbau, der 7,2-Liter-Sechszylinder-Diesel leistet 326 PS, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 90 km/h, das Gesamtgewicht bei 18 Tonnen. An Bord sind 2.000 Liter Löschwasser, Schaummittel, mehrere hundert Meter Schläuche, Leitern, ein Generator und eine Kreiselpumpe mit einer Leistung von 2.000 Liter/min bei zehn bar Druck. Dazu kommt ein 286 PS starker Lkw mit 6,4-Liter-Sechszylinder-Diesel und Automatik-Getriebe. Der Iveco-Magirus-Aufbau auf Mercedes-Chassis mit lenkbarer Hinterachse verfügt über eine Drehleiter mit Drei-Mann-Rettungskorb, der sich auf eine Höhe von rund 30 Metern über Grund ausfahren lässt.

112 ist die einheitliche europäische Notfallnummer, um Krankenwagen, Polizei oder Feuerwehr zu alarmieren. Sie ist jederzeit ohne Vorwahl kostenfrei über Festnetz, Mobiltelefon oder Fax zu erreichen. Ein mehrsprachiger Mitarbeiter nimmt die Anrufe entgegen und leitet die Informationen an die Notfalldienste weiter. Nennen Sie Namen, Adresse und Telefonnummer, und geben Sie an, was wo passiert ist.

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